Bundeschampion Gentleman

Bundeschampionat der Vielseitigkeitspferde – Weichenstellung für den Topsport?

Meine Beobachtungen vom Bundeschampionat in der Vielseitigkeit und viele Gespräche mit Kennern der Szene haben ein paar Fragen aufgeworfen, denen ich nachgehen wollte. Die spannendste Frage für mich: Wie wichtig ist diese Station auf der Suche nach späteren Champions?

Der Stoff aus dem Champions sind

Der letztjährige Bundeschampion, der Hannoveraner Hengst Gentleman von Grey Top/ Fabriano/ Gernegross xx, wurde mustergültig von seiner Reiterin Sandra Auffarth vorgestellt. Hier war eine Ausbildungsleistung zu sehen, die bei einem 5-jährigen seinesgleichen sucht. Bereits bei seinem ersten Auftritt und der überschwänglichen Kommentierung konnte man ahnen, dass es sich – wenn hier nichts schief geht – um das Siegerpaar handeln würde. Ein Publikumsliebling ist ein dankbarer Sieger.

Ich möchte betonen, ich will dem Hengst nicht das Geringste; er ist bildschön, wunderbar doppelt veranlagt, rittig und man darf zu Recht stolz auf ihn und seine Leistung sein. Ein wirklich charmanter Kerl, der noch dazu Bilderbuch-Manieren an den Tag legt und damit auch als Hengst nirgendwo negativ auffällt.

Aber die Frage ist doch: Ist das ein Buschpferd?

Gentleman ist in den Teildisziplinen Springen und Dressur überzeugend genug, um sportlich seinen Weg zu gehen. Ich denke es wäre unfair von einem „gemachten Sportler“ zu sprechen. Auch wenn Mutter und Großmutter bisher erst Sportler für L/M-Niveau in Dressur und Springen geliefert haben, kann man Gentleman ein ordentliches Doppeltalent mit Schwerpunkt Springen bescheinigen. Aber im Großen Sport in der Vielseitigkeit sehe ich ihn persönlich nicht. Übrigens schaffen das grundsätzlich nur die wenigsten Hengste. Aber Gentleman hat zusätzlich einen rechnerischen Blutanteil von knapp 24%, womit er weit weg ist von den 75%, die Top-Pferde für gewöhnlich auszeichnen. Ob Regenerationsfähigkeit, Galoppiervermögen und Biss für die „Dicke Piste“ reichen, das wird sein weiterer Werdegang zeigen müssen.

Auf was kommt es an?

Es ist nicht das erste Mal, das ein Pferd an der Spitze steht, das in seinem Abstammungsprofil nicht unbedingt auf ein Pferd für die große Vielseitigkeit hinweist. Mir geht es auch nicht um das Bashing eines verdienten Siegers, sondern um eine grundsätzlichere Frage.

Hierfür drehe ich das Szenario mal um und stelle die Frage:

Wie haben eigentlich die „echten“ Champions des Vielseitigkeitssports in jungen Jahren bei den Bundeschampionaten abgeschnitten?

Dabei bin ich über einen spannenden Fall gestolpert.

Sam und Michael Jung setzen heute Maßstäbe im Sport. Beide waren tatsächlich in jungen Jahren bei den Bundeschampionaten dabei. Als 5-Jähriger wurde Sam auf dem 5. Platz rangiert, als 6-Jähriger reichte es für Platz 6.

Das sind natürlich tolle Leistungen, denn die Zwei haben es immerhin in das Finale geschafft. Aber im Nachgang muss man natürlich sagen, dass bezweifelt werden kann, dass tatsächlich Pferde mit besserer Veranlagung ihn ausgestochen haben.

Thies Kaspareit sagt dazu: „Wenn es noch einmal einen Sam geben würde, dann würde er vermutlich wieder kein Bundeschampion werden. Wenn er ins Finale gekommen ist, und dort im Mittelfeld war, dann gehörte er aber zu den Top Ten! In seiner sympathischen, ökonomischen Art bekam er zwar immer eine gute oder auch etwas bessere Bewertung, stach aber nicht so hervor wie einzelne andere Pferde, mit einer noch energischeren Bergauf-Galoppade oder einem noch perfekteren Sprungablauf.“

Übrigens: Rocana war im Jahr 2011 tatsächlich Bundeschampionesse in Warendorf. Hale Bob erhielt mit Ingrid Klimke Platz 6 bei den 6-Jährigen. Escada und Marius mit Hinrich Romeike waren jeweils Vize-Bundeschampions. Es war also nicht jeder der Topstars vertreten, aber doch einige von ihnen.

Ich gebe zu:

Im Nachhinein ist man immer schlauer!

Es ist immer leichter auf die Guten zu verweisen und zu fragen: Warum hat die niemand erkannt? Waren die damals wirklich noch nicht so weit? Aber die Frage muss zumindest erlaubt sein, ob man sich nicht auf die falschen Kriterien festgelegt hat? Denn nach meiner Beobachtung macht ein perfekter Sprungablauf später keine Champions, sondern größtenteils Einstellung und Mut.

In der Vielseitigkeit auf dem Bundeschampionat sehe ich persönlich Pferde vorne rangiert, die enorm rittig sind und einen guten Ausbildungsstand haben. Aber nicht unbedingt diejenigen, denen ich das größte Potential für den Sport zuschreiben würde. Denn ein Pferd, das sehr viel Qualität und Einstellung für den Sport hat, mag in diesem Alter noch etwas heftig oder eben auch mal ökonomisch daherkommen.

Aber es kann ja nicht sein, dass ausgerechnet im Nachwuchs-Championat für den Busch richtige Blutpferde diskriminiert werden?

Da drängt sich die Frage auf:

Was ist aus den ehemaligen Bundeschampions geworden?

Mal abgesehen von den bekannten Ausnahmesportlern, wie haben denn die Bundeschampions vergangener Zeiten im Sport Anschluss gefunden?

Es wird ja viel gehetzt im Reitsport über unverdiente Sieger.  Aber wer sich die Statistik mal genauer ansieht, der wird schnell verstummen müssen. Denn die Erfolgsbilanz der ehemaligen Bundeschampions kann klar mit „sehr gut“ beschrieben werden. Fast zwei Drittel der ehemaligen Bundeschampions der letzten 10 Jahre ist danach bis mindestens zur 3-Sterne Vielseitigkeit gefördert worden. Da kann man nur sagen: Hut ab, das kann sich sehen lassen!

Noch interessanter ist der Blick auf die Reiter. Der Großteil von ihnen hat mehr als einmal einen Bundeschampion vorgestellt. Es empfiehlt sich also nicht in Warendorf mit einem No-Name Beritt anzutreten. (Siehe auch: Warum bleiben die Zuschauer beim Bundeschampionat aus?)

Die richtigen Weichen gestellt

Viele Pferde, die sich bei den Bundeschampionaten gut präsentiert haben, finden den Weg in den Sport. Man darf aber auch nicht vergessen, dass bei so einer Veranstaltung alle Reiter und Funktionäre anwesend sind, die in der Szene Rang und Namen haben. Wer vor der Kulisse in Warendorf besteht, erhöht seine Chancen, in Zukunft zeigen zu können, was er drauf hat. Daraus wird eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Es lässt sich die Zusammenfassung treffen, dass Pferde mit dem Potential für 3-Sterne Vielseitigkeit durchaus in jungen Jahren zu Bundeschampions gekürt werden. Das bedeutet mit der Teilnahme am Bundeschampionat werden die richtigen Weichen gestellt für den Erfolg im Sport.

Fehlender Blutanteil

Es gibt dennoch einen Umstand, der mich nachdenklich stimmt.

Denn mir fiel auf, dass die Bundeschampions der letzten Jahre einen deutlich geringen Blutanteil haben (48%), als die Weltmeister der jungen VS Pferde (60%) im selben Zeitraum. Noch gravierender ist der Unterschied, wenn man die Top 50 der WBFSH Rankings als Maßstab heranzieht (75%). Das bedeutet, an den Championaten der Jungpferde bestehen vor allem Pferde, die einen Blutanteil haben, die sie nicht für den Toppsport prädestiniert.

Jetzt kann man sagen klar, tolle Blutpferde gibt es nicht an jeder Ecke in Deutschland zu kaufen.

Das wirft aber wiederum die Frage auf, ob die Pferde, die beim Bundeschampionat erfolgreich sind, wirklich richtig selektiert werden. Denn sie haben ein komplett anderen Pedigreeaufbau und Blutanteil als erwiesene Top-Pferde im Sport.

Fazit

Obwohl die Mehrzahl der gekürten Bundeschampions sich auf höchstem Niveau im Vielseitigkeitssport etablieren kann, ist deren Blutanteil wesentlich geringer, als die Toppferde im Sport dies für gewöhnlich vorweisen. Das zeigt, wie sehr Vielseitigkeitspferde in Deutschland ein Abfallprodukt der spezialisierten Zuchten sind. Es gibt aufgrund der fehlenden Rentabilität kaum eine gezielte Zucht für den Vielseitigkeitssport.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Der optimale Blutanteil beim Sportpferd oder Der Vorwurf des „gemachten“ Sportlers

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

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