Die diagonale Einbeinstütze im Trab – Reizwort Einbeintrab

Ein Phänomen, das Reiter wie Züchter in der Fachwelt beschäftigt hat und eine – in meinen Augen – gänzlich unzureichende Besprechung erfahren hat ist die diagonale Einbeinstütze im Trab. Dies ist mein Versuch der Erklärung der Ursachen und Hintergründe für dieses vielfach falsch verstandene Thema Einbeintrab.

Meine erste Begegnung mit dem Phänomen Einbeintrab

Als passionierte Springpferdezüchterin und Hobby-Fotografin bin ich regelmäßig Besucherin diverser Pferdesport- und Zuchtveranstaltungen. Beim Fotografieren auf einer Körveranstaltung in Deutschland ist mir persönlich im Jahre 2012 das erste Mal bei der Pflastermusterung der jungen Hengste bewusst geworden, dass es Pferde gibt, die eine ungleiche diagonale Einbeinstütze im Trab (Einbeintrab) zeigen.

Hier sieht man eins meiner Bilder, wo der Hinterhuf des Hengstes aus dem Körjahrgang 2012 schon vollständig am Boden steht, während der Vorderhuf noch sichtbar in der Luft ist.

Einbeintrab Körung

Den Fachbegriff dafür kannte ich damals noch nicht. Aber meine Fotos dokumentieren ganz eindeutig: Das Hinterbein fußt bei manchen Hengsten im Trab früher am Boden auf als das Vorderbein.

Auf dem festen Untergrund, der für die Pflastermusterung gemeinhin ausgewählt wird, mussten Ungleichheiten im Ablauf unstrittig auf das Bewegungsmuster des Pferdes zurückzuführen sein. Eine optische Täuschung war ausgeschlossen.

Lehrbuch-Wissen

Diese Bilder verwirrten mich zunächst. Lernt man doch schon beim kleinen Reitabzeichen der FN, dass der Trab ein Zweitakt ist und das diagonale Beinpaar gleichzeitig auf- und abfußen sollte. Ungeachtet dieser Lehrbuch-Definition schwebten die jungen Hengste gänzlich abweichend über das Pflaster.

Bei der nachfolgenden Recherche der Ursachen fand ich in der Fachliteratur lediglich die üblichen Hinweise: Ein nicht gleichzeitiges Auffußen der diagonalen Beinpaare stellt ein gestörtes Gleichmaß der Bewegung dar. Es handelt sich um einen Taktfehler oder eine Lahmheit.

Das kam mir als Ursache wiederum unwahrscheinlich vor, denn das mir vorliegende Bewegungsbild des Hengstes wirkte absolut harmonisch und bergauf getragen. Diese positiven Assoziationen passten nicht zu einem Taktfehler.

Außerdem stellte ich bei der Überprüfung meines umfangreichen Fotoarchives fest, dass dieser angebliche „Fehler“ bei näherer Betrachtung ziemlich weit verbreitet war.

Schadet das Gangbild der Gesundheit?

Ende 2015 wurde auf Youtube ein Video präsentiert, das das Phänomen Einbeintrab aufgriff und beherzt kritisierte. Dieses Video wurde mittlerweile gut 60.000 Male angesehen.

Dieses Video ist in meinen Augen leider undifferenzierte Meinungsmache. Es hat durch seine massenhafte Verbreitung von gefährlichem Halbwissen eine breite Front an Pferdefreunden geschaffen, die gegen die züchterische Ausbeutung des Sportpferdes steht. In meinen Augen ist das ein gefährliches Spiel, weil Pferdezucht mit Leistungsanspruch immer mehr in den Fokus gerät und absolut unsachlich emotional geführt wird (siehe auch Diskussion um den Schenkelbrand).

Obwohl ich mich mit dem Thema bereits zuvor auseinandergesetzt hatte, ist man ja durchaus lernwillig und versucht, die im Video geäußerte Kritik nachzuvollziehen.

Denn natürlich fragt man sich unweigerlich: Was ist, wenn das hier Gesagte doch richtig ist? (Genau das macht Polemik schließlich aus.)

Der Fotobeweis

Ich war zunächst ratlos und zog mein umfangreiches Fotoarchiv in stundenlanger Vertiefung hinzu. Jetzt wollte ich es wirklich wissen!

So habe ich Hunderte von Turnier-Pferden überprüft, insbesondere solche mit bodenverachtender Schubentfaltung und waagerechten Oberarm in der Trabmechanik. Also Pferde mit der aktuellen und vor wenigen Jahren noch gewünschten Mode.

Wenn man wissenschaftlich an die Sache herangehen möchte, reicht das aber nicht. Als nächstes habe ich mir also haufenweise Ponys und Freizeitzausel ohne nennenswerte Gangqualität zur Kontrolle herangezogen. Auch Pferde in Extrem-Situationen wie Vortraben von Distanzpferden auf dem Pflaster zum Vet-Check (mit 90 Km auf der Uhr), sowie Vielseitigkeits-Pferde bei der Verfassungsprüfung waren dabei.

Die daraus abgeleiteten Erkenntnisse haben mich zutiefst verblüfft. Und dazu animiert, mir einiges an Fachliteratur zu bestellen.

Konsultation der Fachliteratur

Um es kurz zu machen: Mit den laienverständlichen Büchern zum Thema Pferd war nicht viel zu wollen. Obwohl ich dicke Standard-Werke der Tiermedizin und Osteopathie bemühte, Fachwerke zu Lahmheitsdiagonstik und Ganganalyse durchschmökerte; das Phänomen Einbeinstütze wurde dort größtenteils ignoriert. Oder aber auf eine Art und Weise dargestellt, die mit meinem umfagreichen Fotoarchiv nicht zu vereinen ist.

Und damit war ich endgültig überzeugt, über das Thema ein eigenes Buch  schreiben zu müssen.

Warum?

Das Thema Einbeintrab wird bisher komplett falsch dargestellt.

Die üblichen Erklärungen

Es wurde von diversen Autoren immer wieder angenommen, dass einer von zwei Gründen für die Einbeinstütze vorliegt:

a) der Reiter sei Schuld (Stichwort Schenkelgänger) oder

b) eine Herbeiführung durch Zuchtpraktiken (Stichwort Einbeintrab)

wurde unterstellt.

Die übliche Praxis in der Reiterei, dem Bauchgefühl und den Erfahrungswerten zu vertrauen, ist sicher oftmals sinnvoll. In diesem Fall aber greifen die offenbar naheliegenden Erklärungen zu kurz.

Das Problem der diagonalen Einbeinstütze ist ihre Komplexität. Die Ursachen sind je nach Fußungsphase unterschiedlich und die Auswirkungen aufgrund ihrer potentiellen Gesundheitsgefährdung des Pferdes weitreichend. Das hatten mir meine Bilderstudien belegt. Damit hatte sich offenbar noch niemand so sehr im Detail befasst.

Erst wissenschaftliche Publikationen in akademischen Fachzeitschriften brachten mich auf die richtige Spur und nur dort fand ich die Bestätigung meiner bis dahin bereits herangereiften Theorie.

Es stellt sich die Frage:

Warum kommt da keiner drauf?

Offensichtlich sind die vorhandenen Erklärungen für die meisten Reiter und Trainer zufriedenstellend. Man sieht, was man erwartet zu sehen. Es hat sich schlicht keiner die Mühe gemacht, die Faktenlage näher zu überprüfen.

Wer sich als Reiter oder Züchter informieren möchte, kommt nicht umhin, tiefer in die Materie einzusteigen und sollte sich bitte nicht auf die bislang gängigen Behauptungen und Erklärungs-Modelle verlassen. Nur Erkenntnisse aus der Forschung und detailgetreue Foto-Aufnahmen können diesem Phänomen gerecht werden und liefern tolle neue Einblicke in das Gangbild unserer Pferde.

Mein Beitrag

In meinem E-Book werden Antworten auf die wichtigsten Fragen gegeben:

• Wie bewegen sich die diagonalen Beinpaare im Detail?
• Welche Fußungsphasen existieren und wie wirken sie sich aus?
• Wie schädlich ist der Einbeintrab wirklich?
• Kann man den Einbeintrab abtrainieren?
• dazu 47 deutliche Beispiel-Fotos zur Illustration

Dieser Text ist ein absolutes Novum in der Fachliteratur und noch von keinem anderen Autor in dieser Tiefeaufgegriffen worden. (Glaubt mir, ich habe alles Verfügbare dazu gelesen!)

Ich persönlich bin froh diesem kleinen Wunder nachgegangen zu sein und die Ergebnisse präsentieren zu dürfen. Ich würde mir wünschen, dass ich damit einen Beitrag dazu leisten kann, die bislang entstandene Diskussion zu versachlichen. Auch wenn es sicher ein Nischenthema ist, das mit großer Wahrscheinlichkeit keine große Leserschaft anziehen wird. Das ist mir egal. Es geht ums Prinzip, weil ich das bisher Verfügbare nach meinem Wissensstand nicht für sich stehen lassen kann.

7 Gedanken zu „Die diagonale Einbeinstütze im Trab – Reizwort Einbeintrab“

  1. Das Phänomen der Einbeinstütze im Trab, speziell in der Trabverstärkung, ist jedem Fotografen bekannt, der über entsprechende Fachkenntnisse aus der Reitlehre verfügt. Die moderne Foto-Technik zeigt uns dieses Problem immer wieder. Auffällig sind folgende Aspekte: Die Einbeinstütze ist vermehrt bei ausbildungstechnisch jüngeren Pferden zu beobachten. Je weiter ausgebildet die Pferde sind, desto seltener sehen wir das Problem. Nach eigenen Erkenntnissen findet die Einbeinstütze deutlich stäker auf der Vorhand statt. Bei meinen eigenen Bildern ( so etwa 100.000 aus den letzten vier Jahren) würde ich sagen, dass etwa 80 Prozent eine Einbeinstütze auf der Vorhand zeigen. Mit dem bloßen Auge ist das Problem nicht zu sehen (zumindest mit meinen eigenen Augen nicht). Die Problematik der Einbeinstütze hat es allerdings auch schon in der Vergangenheit gegeben. Allerdings ist es schwer, solche Fotos zu finden, da die meisten Pferdefotografen der „vordigitalisierten Welt“ sachkundig (oder eingenordet) genug waren, solche Bilder nicht zu publizieren. Experimente mit verschiedenen Kameras zeigen mir, dass das Problem von Einbeinstütz-Fotos auch sehr abhängig von der Kameraleistung ist. Die Quoten solcher Fotos sind bei 8, 11 oder 14 Bildern pro Sekunde sehr unterschiedlich. Ob das Problem der Einbeinstütze eher ausbildungstechnisch oder mehr zuchtbedingt oder eine Kombination aus beiden Faktoren ist, mag ich letztendlich nicht zu sagen. Ganz ketzerisch darf man auch einmal hinterfragen, ob die in der Reitlehre immer wieder genannte Definition des Zwei-Taktes im Trab auch in allen Situationen (Stichwort: Tempi) mit der Wirklichkeit vereinbar ist. Ferner kann man darüber nachdenken, ob die speziell bei jüngeren Pferden sehr häufig zu beobachtende Problematik der Einbeinstütze in einer Korrelation mit bestimmten, signifikant zunehmenden gesundheitlichen Problemen (Fesselträgerzerrung) stehen könnte.

    Wie auch immer: Fakt ist, dass es zunehmend schwieriger wird, fachlich korrekte Situationen (Zweitakt mit zwei diagonal am Boden befindlichen Hufen) abzulichten.

    Erinnert sei in diesem Zusammenhang allerdings auch an die Tatsache, dass es erst mit der modernen Fotografie (etwa ab 1870) möglich wurde, die korrekte Fußfolge im Galopp darzustellen. Tausende von Gemälden, die vor dieser Zeit entstanden, zeigen eine falsche Abfolge, die der richtigen Lehrmeinung (Dreitakt mit sechs Phasen) widersprechen.

    1. Vielen Dank für diesen sehr differenzierten Beitrag!
      Besonders wichtig finde ich den Aspekt, dass erst die Fotographie es ermöglicht hat die Dinge so darzustellen wie sie sind und nicht wie man sie angenommen hat. Edward Muybridge hat 1878 in der Tat Meilensteine gesetzt mit seiner Serie von galoppierenden Pferden. Die technischen Möglichkeiten haben also auch schon immer eine Weiterentwicklung der Gedanken und Reitlehren ermöglicht. Ebenso unterstreichen kann ich die Tatsache, dass es die Einbeinstütze schon früher gegeben hat. Wissenschaftliche Auswertungen der Olympiade 1972 haben z.B. ergeben, dass sich die Dressurpferde auch damals schon mit Einbeinstützen fortbewegten.
      Natürlich darf man nichts außer Acht lassen, was das Pferd gesundheitlich gefährden könnte und da muss man in jede Richtung denken dürfen. Als Pferdezüchter und Reiter ist mir das ein ständiges Anliegen. Aber man muss eben auch die Bereitschaft mitbringen, liebgewonnene Ideen dann loszulassen, wenn gewissenhaft eingeholte Fakten etwas anderes sagen. Qualitativ bessere Dressur-Pferde mit höherem Ausbildungsstand haben im Durchschnitt die größere Verschiebung in der Fußung. Die Frage ist aber doch: Warum passiert das und ist das schädlich? Darauf gibt die Wissenschaft bereits Antworten. Die sind nur nicht geläufig.

  2. Endlich ein verständliche Abhandlung über ein Thema, was ich bis jetzt immer nur überflogen habe, weil ich die reiterliche oder fachliche Reputation der meisten selbsternannten Experten in – früher – Pferdeforen, Youtube gschweige denn Facebook generell in Frage stelle.
    Sehr interessant und verständlich aufbereitet. Danke.

  3. Ich muss Dir ein Lob für Deinen Blog mit den vielen guten Artikeln aussprechen der die Dinge mit klaren Worten benennt und sich vom gängigen Wischiwaschi abhebt. Zum Thema hier empfehle den Verhaltenswissenschaftler und Physiologen Michael Schäfer zu lesen, der das Phänomen schon in den 1980er Jahren beschrieben hat, und von der Deutschen Reitlehre natürlich ignoriert wurde. Er hat (als er das gesundheitlich noch konnte) auch viel Pferde fotografiert, und dieselben Beobachtungen wie Du auf der Trakehner Pflastermusterung gemacht. Ein wirklich „rund“ auf der Hinterhand trabendes Pferd schiebt noch mit dem Hinterhand wenn der diagonale Vorderhuf bereits in der Luft ist. Zumindest im verstärkten Trab ist das zu beobachten und sicherlich auch im Sattel zu fühlen. Dasselbe, wenn das Pferd hinten um zuzulegen „breit“ trabt und an den Vorderhuf vorbeifusst. Distanzreiter kennen das, reiten diese Gangart aber üblicherweise nicht auf Böden wo sich das Phänomen abbilden lässt. „Gute Pferde“ traben so, schreibt Schäfer. Die „besseren“ auf der Pflastermusterung, schreibst Du. Das ist auch meine Beobachtung. In jedem Fall die kernigen, in den Sprunggelenken unverschlissenen. Einbeinstütze auf der Vorhand mit Richtung bergab statt bergauf wäre dann im Gegensatz dazu der Krüppelgang…

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