Pferd Weide

Artgerechte Sportpferdefütterung – Ein Widerspruch?

Wenn Pferde ihrer Natur entsprechend gehalten würden, müssten sie frei über riesige Flächen ziehen. Diese sind bedeckt von hohen Gräsern und abwechslungsreichen Wald- und Buschlandschaften. Die Realität sieht anders aus! Viele Pferde leben das ganze Jahr über auf engem Raum. Die Böden sind durch die einseitige Nutzung ausgelaugt und durch die oft mangelhafte Weidehygiene und den wechselhaften Pferdebestand oft genug von Wurmpopulationen heimgesucht. Durch die umliegende Landwirtschaft wehen Chemikalien und Pestizide heran, saurer Regen und Monokulturen belasten die Böden zusätzlich. Wie man trotzdem das Beste aus der Sportpferdefütterung macht.

Optimale Sportpferdefütterung und Realität im Pensionsstall

Im besten Fall sind Weiden in Pensionsställen Auslaufflächen mit dem Zusatznutzen ein bisschen frisches Grün zu liefern. Von einer ausgewogenen Futtergrundlage kann nicht die Rede sein. Ähnlich düster sieht es bei der Heugewinnung aus. Statt endlosen Steppen präsentiert sich eine Monokultur, die zur Mästung von Kühen besser geeignet ist als zur Sportpferdefütterung.

Aber es nutzt gar nichts einer Steppen-Romantik nachzutrauern. Ein Sportpferd muss anders gefüttert werden als sein wilder Vorfahr. Aufgrund der von Menschen gewünschten Sportleistung und züchterischen Beeinflussung von Körpergröße und -substanz ändert sich auch die Fütterung des modernen Sportpferdes. Wir reden hier ja nicht von Dülmener Wildpferden.

Die sportliche Nutzung und veränderten Größenverhältnisse beim Reitpferd machen reine Weidehaltung unpassend. Diese liefert nicht genug Energie und Mineralstoffe, um das Pferd langfristig gesund und leistungsbereit zu erhalten. Auch die Aufzucht von Jungpferden stellt besondere Ansprüche. Sofern damit nicht lediglich das Großwerden eines Pferdes bezeichnet wird, sondern dies eine Basis für spätere Sportleistungen darstellen soll. Sportpferdefütterung nach Maß lautet das Ziel. (siehe auch: Aufzuchtintensität für Jungpferde)

Man könnte anführen, dass die heutigen Weideflächen keine Pflanzenvielfalt und somit Mineralien nur in geringer Menge und Ausgewogenheit liefern. Ein viel pragmatischeres Problem ist jedoch die dichte Besiedelung und damit fehlende Flächen. Selbst Pferdehalter, die guten Willens sind, ihre Pferde täglich auf die Weide zu bringen, scheitern an den beengten Verhältnissen in Ballungsräumen.

Pro Pferd sind Flächen von bis zu 1 Hektar notwendig, wenn diese Fläche als alleinige ganzjährige Futtergrundlage (Sommerweide und Heugewinnung) herhalten soll. Für eine Zuchtstute mit Fohlen bei Fuß darf es ruhig mehr sein.

Wie lässt sich Leistung im Reitsport mit artgerechter Fütterung vereinbaren?

Weil das Sportpferd mehr Energie verbraucht, als das wilde Exemplar im reinen Erhaltungsbedarf, füttert der Mensch Kraftfutter zu. Sportpferdefütterung muss magenfreundlich gestaltet sein. Man sollte sich vor Augen halten, dass ein Pferd kein Getreide- sondern Gräserfresser ist. Sein Verdauungsapparat ist nicht darauf ausgerichtet, große Mengen an Getreide zu verdauen. Als Nahrungsgrundlage eignet sich faserreiches Gras und aus pragmatischen Gründen der täglichen Verfügbarkeit in getrockneter Form als Heu.

Es mag banal klingen, aber gutes Heu ist DIE Futtergrundlage des Pfereds. Entsprechend viel Sorgfalt sollte auf die Auswahl und Verfügbarkeit von großen Mengen an Heu verwendet werden. Denn ein Pferd ist ein Dauerfresser, der sich auf große Mengen Rohfaser eingestellt hat. Auch (oder erst recht) wenn es um Sportpferdefütterung geht. Mit jeder Kaubewegung produziert das Pferd konstant Speichel. Dieser ist notwendig, um das Säuremillieu im Verdauungstrakt auf einem gesunden Wert zu halten. Heu sorgt mit seiner faserhaltigen Struktur und dem daraus resultierenden, ausgiebigen Kauvorgang für eine konstante Speichelproduktion. (siehe auch: Raufutter in der Pferdefütterung)

Große Mengen an Kraftfutter und trotzdem gesund – geht das?

Hohe Kraftfuttergaben in der Sportpferdefütterung lassen das Risiko von Koliken und Magengeschwüren exponentiell ansteigen. Viel faserreiches Futter sorgt dagegen für eine gesunde Verdauung und ist damit zwingend die Haupt-Futtergrundlage für das Pferd.

Neben Weidegras und Heu (das natürlich auch Energie liefert!) soll nun noch mehr Energie in das Sportpferd gelangen. Große Mengen an Kraftfutter liegen dem Pferd im wahrsten Sinne des Wortes quer im Magen. Denn ein Pferdemagen ist verhältnismäßig klein und nicht dehnbar. Da sind bereits einzelne Mahlzeiten von 2 Kg Kraftfutter grenzwertig. Es gilt also möglichst konzentrierte Futtermittel zu füttern, um eine möglichst hohe Kaloriendichte bei verhältnismäßig geringer Futtermenge zu erreichen. (siehe auch: Schwerfuttrige Pferde gesund und rund füttern)

In der klassischen Pferdefütterung mit Hafer und Gerste setzt man auf Getreide, um Energie in Form von Stärke zuzuführen. Stärke ist zwar sehr zweckmäßig in Sachen Energiedichte und preiswert, aber hat auch einen entscheidenden Nachteil. Stärke sollte wenn irgend möglich vollständig in Magen und Dünndarm verdaut werden. Gelangt die unverdaute Stärke in den Blind- oder Dickdarm, führt dies zu Laktatanstieg und einer Absenkung des PH Wertes im Dickdarm. Das ist für das Pferd extrem ungesund und kann Verdauungsbeschwerden bis hin zu Vergiftungserscheinungen (u.a. Hufrehe) auslösen.

Sinnvolle Alternativen in der Fütterung

Alternativen zur Stärke mit hoher Energiedichte sind z.B.:

  • Zucker (z.B. in Melasse)
  • Fett (z.B. in Pflanzenölen oder Ölsaaten)
  • Protein (z.B. in Erbsenflocken oder Sojaschrot)

Nun dürfte jedem Menschen vom Zahnarztbesuch bekannt sein, dass große Mengen Zucker keine gesunde Variante ist eine Mahlzeit zu ergänzen. Auch zu viel Protein ist ungesund für Pferde, die nicht durch Muskelaufbau oder Milchproduktion besonders gefordert werden. Pflanzliche Fette dagegen können einem Pferd in der richtigen Form durchaus zugeführt werden.

Es gibt ein paar einfache Tipps, die Kraftfutter-Ration gesünder und wertiger machen:

  1. Verfüttern Sie nur leicht verdauliches Getreide, das im Dünndarm einer vollständigen Verdauung unterzogen werden kann. Hafer ist die für das Pferd am besten verdauliche Getreideform. Vermeiden sie schwer verdauliche Stärkequellen wie unbehandelte Gerste oder Mais.
  2. Ersetzen Sie Stärke teilweise durch Rübenfasern, z.B. in Form von Rübenschnitzeln oder (getrockneter) roter Beete.
  3. Pflanzenöle (insbesondere Leinöl) und Ölsaaten (Leinsamen, Sonnenblumenkerne) weisen eine hohe Energiedichte auf und können daher bereits in geringen Mengen Futterrationen aufwerten.
  4. Bereits eine Handvoll Luzernehäcksel pro Kraftfutterration sorgt dafür, dass das Pferd eine Getreideration langsamer aufnimmt und ordentlich kaut (= einspeicheln), was zu einer leichteren Verdauung und besseren Verwertung des Getreides führt.

Die Menge machts!

Grundsätzlich gilt: Ein Pferd soll sich in erster Linie von Raufutter ernähren. Kraftfutter dagegen sollte sehr dosiert verfüttert werden.

Für viele Freizeitpferde reicht eine Ration von 1 Kilo Hafer pro Tag als Kraftfutter vollkommen aus. Selbst Sportpferde bis L-Niveau kommen meist mit 1,5-2 KG Hafer am Tag aus. Für mehr Substanz am Pferd hilft ein Schuss Öl über das Futter. Wem diese Ration zu wenig erscheint, kann mit magenfreundlichen Alternativen wie Rübenschnitzeln oder Heucobs ergänzen.

Tägliches Grundfutter für 650 Kg Warmblut (gearbeitet auf A/ L-Niveau):

Anders sieht es aus, wenn es um ein besonders schwerfuttriges Pferd handelt. Da ich mit meinen blutgeprägten Pferden genug Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln durfte, habe ich dem Thema Auffüttern eines dünnen Pferdes gleich zwei eigene Artikel gewidmet: Gesunde Fütterung schwerfuttriger Pferde und Vollblüter rundfüttern – Wie geht das?

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten - geht das? Natürlich. Wissen ebnet den Weg dorthin. Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.