Hermes Ryan hoher Vollblutanteil

Der optimale Vollblutanteil beim Sportpferd

Gibt es einen perfekten Vollblutanteil für ein Sportpferd? Bei der Beantwortung der Frage sollen die mathematische Errechnung, die Auswirkungen auf die Optik und vor allem die Folgen für die Leistungsfähigkeit im Sport im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen.

Wie errechnen?

Der Vollblutanteil eines Pferdes wird üblicherweise unter Einbeziehung der ersten 9 Generationen im Pedigree errechnet. Das ist manuell ziemlich umständlich, aber Portale wie Horsetelex stellen kostenlos ein solches Rechentool zur Verfügung.

Aber auch dieses praktische Tool hat seine Tücken. Denn leider werden bei dieser Berechnung nicht alle Vollblutrassen zuverlässig mit einbezogen. So werden Englische Vollblüter (xx), Angloaraber (AA), Shagya Araber (ShA) und Vollblutaraber (ox) als Vollblüter definiert. Aber z.B. Traber werden trotz des oft sehr hohen Vollblutanteils nicht angemessen berücksichtigt.

Das scheint auf den ersten Blick für eine Reitpferdezucht belanglos. Aber gerade in der französischen Springpferdezucht wurden immer wieder Einkreuzungen mit Traberblut vorgenommen. So hat z.B. der bekannte Vererber Galoubet A eine direkte Traber-Mutter. Er müsste somit statt der angegebenen 30% mit knapp 80% Vollblut-Anteil geführt werden. Über seine bedeutenden Söhne (u.a. Quick Star, Baloubet du Rouet, Qredo de Paulstra/ Quattro B, Ephebe For Ever, Skippy II etc.) kann es da schon zu erheblichen Verfälschungen in den Folgegenerationen kommen.

Ebenso werden von Horsetelex fehlende Angaben in der Abstammung als nicht-Vollblut gewertet, so dass sich die Werte im Laufe der Zeit durch Nachträge schon mal nach oben korrigieren. Insbesondere im Bereich der Shagya Araber sind die Pedigrees in den hinteren Generationen oft nicht vollständig und somit hat der reine Angloaraber Bonaparte N AA nach diesem Portal beispielsweise nur 89% VB-Anteil.

Es ist also nicht immer zu 100 % Verlass auf diese Methode. Aber zurück zur Frage von Vollblutanteil und Leistungsfähigkeit…

Was besagt der Vollblutanteil?

Der Vollblutanteil eines Pferdes ist erst mal nur eine mathematische Kennziffer ohne großen Stellenwert, sofern man nicht das zugehörige Pferd betrachtet. So gibt es Pferde mit hohem Blutanteil und wenig optischen und sportlichen Eigenschaften eines Blutpferdes. Genauso gibt es Pferde mit geringem Vollblutanteil und hoher Blütigkeit in Auftreten und Sportlichkeit.

Aber grundsätzlich zeigt der Leistungs-Sport einen deutlichen Zusammenhang bezüglich der benötigten Vollblutanteile der erfolgreichsten Pferde. Blutgeprägte Pferde sind erfolgreicher im Top-Sport.

Was verleitet mich zu dieser Behauptung?

Ganz einfach: Eine Berechnung des Blutanteils der Top-Pferde jeder Reitsport Disziplin über 10 Jahre anhand der WBFSH-Rankings. Diese Daten stehen dankenswerterweise Jahr für Jahr der Öffentlichkeit frei zur Verfügung und berücksichtigen internationale Erfolge aller Zuchtbücher weltweit.

Gibt es einen perfekten Vollblutanteil?

Wenn blutgeprägte Pferde für Sporterfolge bringen, so muss man sich natürlich als nächstes die Frage stellen, wie viel Vollblutanteil optimal ist. Das hängt natürlich von dem gewünschten Nutzungszweck ab.

Im Sport sind die Ergebnisse erstaunlich deutlich. Die Vollblutanteile der Erfolgspferde liegen:

  • in der Dressur mit rund 35% Blutanteil am niedrigsten,
  • im Springen mit ca. 45% im Mittelfeld und
  • in der Vielseitigkeit mit ungefähr 75% am höchsten.

Um es etwas plakativer auszudrücken: Ein Top-Pferd in der Vielseitigkeit hat in der Regel mindestens ein Elternteil, das Vollblüter ist, beim Springpferd reicht mit ein bisschen Blut im Stamm ein Vollblüter als Muttervater aus und in der Dressur ist eher ein Vollblüter in 3. Generation der Idealzustand.

Was kann man aus diesen Daten noch lernen?

Entgegen landläufiger Meinung hat sich der Vollblutanteil der Top-Pferde im Spring- und Dressursport in den letzten Jahren nicht grundlegend verändert. Der Blutanteil ist sogar erstaunlich konstant. Nur in der Vielseitigkeit hat die Änderung des Formates zu einem leichten Absinken des Blutanteils der Top-Pferde gesorgt.

Der Vollblutanteil der Top-Pferde im Sport ist also schon über lange Zeit deutlich höher als der Vollblutanteil in der Gesamtpopulation. Das ist sicher kein Zufall. Wo Blutzufuhr doch in Zusammenhang steht mit Regenerationsfähigkeit, Leistungsbereitschaft und physischer Härte einer Sportpferdezucht.

Bezeichnenderweise ist der Vollblutanteil an der absolute Spitze des WBFSH Rankings (also in der Top 10) grundsätzlich jedes Jahr höher als im restlichen Verlauf des Rankings (z.B. Top 50 oder 100).

Erkenntnisse für Züchter

Wer ein Sportpferd möchte, orientiert sich an den Werten der Spitzensportpferde. Wer als Züchter in Generationen denkt, muss einen Schritt weiter denken. Denn der pfiffige Züchter möchte tunlichst einen Vollblutanteil in seinem Stutenstamm verankern, mit dem er in Kombination mit marktgängigen Hengsten ein End-Produkt mit dem gewünschten Vollblutanteil erhält.

In Kombination mit einem Diamant de Semilly (aktuelle Nummer 1 des WBFSH-Ranking) mit 52% Vollblutanteil benötigt man also eine Stute mit rund 38%, um ein Fohlen mit 45% Blutanteil zu produzieren.

Dies ist natürlich nur eine Überlegung von vielen, die in eine Anpaarungsentscheidung mit einfließen sollte. Der Vollblutanteil ist ein Merkmal, das sich als Konstante im Top-Sport erwiesen hat und damit berücksichtigt werden kann.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Die Mähr vom spätreifen Blutpferd oder Wird das Blutpferd im Deckeinsatz benachteiligt?

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten - geht das? Natürlich. Wissen ebnet den Weg dorthin. Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden.

4 Gedanken zu „Der optimale Vollblutanteil beim Sportpferd“

  1. Dieser rechnerische Vollblutanteil ist sicherlich nicht das Mass aller Dinge. Aber der Ansatz ist gut. Sehr wichtig ist auf jeden Fall der „visuelle“ Blutanteil, den ein erfolgreiches Sportpferd insbesondere durch die schnellen Reflexe in der Bewegung sowie und im Sprungablauf und seiner Vorwärtsorientierung zeigt. Bestes Beispiel dafür ist der Oldenburger Hengst und Team Europameister 2017 der Jungen Reiter Balou Star von Balou du Rouet aus einer Quick Star Mutter. Dieser hat zwar nur 31% rechnerischen Blutanteil, also deutlich weniger als die empfohlenen 45%, jedoch eine „visuelle“ Blutprägung, die in punkto Schnelligkeit der Reflexe, Vorwärtstrieb und Sprungvermögen nahezu einzigartig ist. Dazu veredelt er in der Zucht und gibt seine Prägung direkt an seine Nachkommen weiter. Das ist die Zukunft der modernen Springpferdezucht ! Wir werden sicherlich noch sehr viel von diesem Hengst hören!

  2. Na dann erklären Sie mir doch bitte am Beispiel „Fine Lady 5″(nicht einmal 14% xx Anteil), warum diese Stute so erfolgreich ist.
    Nicht nur, dass sie im Habitus sehr blütig ist- sie bringt auch alle Attribute eines Blutpferdes mit.
    Selbiges gilt für Perigueux (unter 25% xx Anteil)
    Fakt ist, der Warmblüter ist auf Blut angewiesen – ohne Frage – aber es gibt erhebliche Unterschiede in der Betrachtung und Verstehen der unterschiedlichen Stämme. Besonders die historische Betrachtung der einzelnen Zuchtgebiete / Verbände / Stutbücher.
    Einen guten Vollblüter für die Springpferdezucht zu rekrutieren, war vor 100 Jahren schon schwer. Das wusste schon Gustav Rau. Heute ist es noch schwerer, da die Selektion des Vollblüter ja auch weiter gegangen ist. Bin gespannt auf ihre Antwort

    1. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen auf meinen Beitrag einzugehen!
      Man muss verstehen, dass eine Abweichung im Einzelfall eine generelle Aussage nicht gefährdet. Denn eine grundsätzliche Regel ist nicht weniger gültig, nur weil es eine Ausnahme gibt. Von daher sehe ich in Ihrer Aussage keinen Widerspruch. Weil ein Blüter auf unterschiedliche Stutengrundlagen trifft, liegt es nahe, dass er unterschiedlich stark wirken kann. Zuchtgebiete oder Stämme mit einer schweren Stutengrundlage werden deutlich mehr Vollblutzufuhr brauchen, um das selbe Maß an Blütigkeit zu erhalten. Manche Pferde mit hohem Blutanteil sind groß und vergleichsweise wenig blutgeprägt (man denke an Jaguar Mail mit 82% Blutanteil), andere mit geringem Blutanteil sind zart und spritzig (man denke an Perigueux mit 24% Blutanteil). Das ist im Rahmen der Normalverteilung zu erwarten.

  3. Vollblut darf nicht immer nur über das Exterieur definiert werden. Viele gute Blutpferde wie z.B. Jaguar Mail und auch Laurel brauchen wiederum Blut-Stuten um das optimale Ergebnis zu erhalten.
    Landgraf war übrigens auch solch ein Ergebnis.
    Im übrigen finde ich es immer lustig wie vehement Züchter argumentieren, die kein Vollblut verwenden.

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