Pedigree Theorie

Das Pedigree in Theorie und Praxis

Viele Neuzüchter wünschen sich eine Anleitung zur Pferdezucht. Am besten in Form von Informationen, an denen man sich auch mit wenig Sachkenntnis entlang hangeln kann. Hierzu dienen in der Praxis gerne diverse Theorien rund um das Thema Pedigree. Eine Analyse der Hintergründe und Folgen.

Zum besseren Verständnis empfehle ich die Lektüre meines Artikels Abstammung als Label in Kombination mit diesem Text.

Was ist von Pedigree Theorien zu halten?

Ich habe mich auf meiner Suche nach geeigneter Literatur zu dem Thema mit vielversprechenden Büchern zum Thema Genetik und Pedigrees eingedeckt. Gerne gebe ich meine wichtigsten Erkenntnisse daraus weiter.

1. In den hinteren Generationen eines Pedigrees sind bestimmte Individuen nie wertvoller als andere, es macht keinen Sinn auf bestimmte Muster zu achten.

Phil Bull im Jahre 1947: „Every individual in one generation is potentially of the same importance to the student of the pedigree as every other individual in that generation. To see only a couple of „lines“ forming in a particular pattern, and expect the product of the mating to conform to that pattern, is to ignore the possibilities presented by the rest of the pedigree.“

2. Das Pedigree selbst ist nutzlos, sobald gesicherte Informationen über das Individuum oder seine Nachzucht vorliegen.

Joe Erstes im Jahre 1952: „Pedigrees are useful only when we are ignorant of the merit of the individual, and not very useful then. The more we know about the individual and its progeny, the less we need to know about the pedigree. When we have a moderately complete record of the individual and its progeny, the pedigree becomes useless.“

3. Der beste Ansatz in der Leistungszucht ist es, Schwächen zu schwächen und Stärken zu stärken.

C.F. Brown stellte im Jahre 1829 in der Vollblutzucht fest, dass der Ansatz keine Elterntiere zu kreuzen, die dieselben Schwächen aufweisen, also Stärken zu betonen und Schwächen zu eliminieren, bewusst angestrebt wurde.

4. Keine Extreme verpaaren, um einen Durchschnittswert zu erhalten.

Cornelius Tongue hielt 1851 fest, dass ein Mittelwert in der Pferdezucht kaum oder so gut wie nie durch die Anpaarungen von Extremen zu erreichen ist. Man sollte also für einen perfekten Rücken, nicht eine Stute mit langem Rücken an einen Hengst mit einem kurzen Rücken anpaaren. Stattdessen sollte man einen Hengst mit optimalen Rückenlinie wählen.

Was sagt uns das?

Unter Berücksichtigung der Datierung dieser Erkenntnisse finde ich es besonders beachtlich, dass man bis heute in der Pferdezucht nicht viel weiter gekommen ist!

Ehrlich gesagt halten sich selbst an diese Weisheiten die wenigsten Züchter stringent. Die meisten althergebrachten Theorien auch bekannter Züchter-Persönlichkeiten beruhen nach meiner Beobachtung in großen Teilen auf Vorurteilen und Annahmen, die einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht standhalten würden. Oder deutlicher formuliert: Jeglicher Grundlage entbehren.

Woher kommt der Wunsch nach Klarheit?

Der Reiz, den leicht durchschaubare Zahlensysteme und Linienzuchten auf einen Züchter haben, ist enorm. Das war schon immer so, wie die Familiennummern von Bruce Lowe von 1894 in der Vollblutzucht zeigen. Auch mit reichlichen Gegenbeweisen sind Anhänger nicht vom Gegenteil zu überzeugen. Geradezu religiöser Eifer hindert daran, angenehm simple Erklärungen von der Hand zu weisen. Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit heute noch Anhänger dieser Theorie.

Die Leichtgläubigkeit der Züchter, weitreichende Akzeptanz und Verbreitung solcher Theorien machen es insbesondere Neueinsteigern schwer, diese „althergebrachten Weisheiten“ in Frage zu stellen.

Aber wenn uns die Geschichte der Pferdezucht eins lehrt, dass nicht immer die Züchter mit der meisten Ahnung die größten Erfolge hatten. Wenn selbst Züchter-Legenden wie Federico Tesio (der Zauberer von Dormello) sich irren, zeigt das eher auf, dass selbst Züchter die ihrer Zeit voraus waren, in Sachen Genetik und Vererbung mit ihren Theorien ziemlich falsch liegen können.

Trotz vielen Fortschritten in der Aufschlüsselung der Genetik von Pferden liefert diese (leider?) keinen Fahrplan für Züchter. Jedenfalls nicht mit derselben intuitiven Logik, wie es ein Pedigree-Aufbau oder Zahlensystem kann. Menschen möchten gerne Rezepte, die sich anwenden können, um Erfolg zu haben.

Die Pedigree-Analyse boomt!

Genau aus diesem Grund sind „Experten“, die eine Pedigree-Analyse anbieten auch so begehrt. Besonders attraktiv sind einfache, klare, allumfassende Grundsätze, die jeder versteht.

Denn trotz allem Fortschritt liefert die Wissenschaft mehr neue Fragen als Antworten. Das Fachgebiet der Genetik ist einfach zu komplex, um dem Pferdezüchter praktische Anregungen zu liefern.

Das Markenzeichen und die Attraktivität der Pseudo-Wissenschaft rund um das Pedigree ist, dass hier alles einfacher, verständlicher, geordneter und nachvollziehbarer ist. Pedigree-Theoretiker haben einen beinahe religiösen Eifer in der Bemühung Positives wie Negatives anhand bestimmter Ahnen zu erklären. Erstaunlich, welche Generalisierungen sich manche Züchter über einzelne Ahnen herausnehmen, die bereits viele Generationen zurückliegen.

Die menschliche Natur fordert Erklärungen für Unverständliches. Möchte gerne Ordnung in die Unvorhersehbarkeit der genetischen Bandbreite bringen.

Was sagt ein Pedigree wirklich aus?

Die meisten machen den Fehler, sich nur Top-Pferde anzusehen und die große Masse an mittelmäßigen Pferden zu übergehen. Das ist natürlich in der Methodik äußerst fragwürdig, weil die selektive Wahrnehmung des Züchters dazu führt, dass nur Beispiele hängen bleiben, die diese Theorie beweisen.

Es ist heutzutage immer noch üblich, sich Pedigrees anzusehen und darüber zu philosophieren, welche Ahnen davon am meisten zur Leistung beitragen. Oft in Verbindung mit der Erwartung, dass phänotypische Ähnlichkeit mit diesem Ahnen dafür spricht, dass sie diesem besonders nahestehen. Aufgepasst, denn dem ist nicht so! Biologisch betrachtet ist jeder Ahne in den hinteren Generationen genauso (un-)wahrscheinlich in seiner Einflussnahme, insbesondere wenn er mehr als drei Generationen zurückliegt.

Das hindert viele Züchter nicht daran, sich selbst ihren Erfolg mit diversen Pedigree-Theorien zu erklären. Dabei kann schon mal übersehen werden, dass ganz andere Gründe für den Erfolg verantwortlich sind. Nämlich die Verbesserung durch gezielte Zuchtauswahl oder ein gutes Bauchgefühl bei der Hengstwahl. Gute Pferdekenntnis ist oft unbewusst und unabhängig von den kruden Theorien dahinter.

Das führt uns zum nächsten Schritt.

Was ist wichtiger: Ein gutes Pedigree oder ein guter Sportler?

Die meisten Züchter würden sich trotz aller dieser Tatsachen für das gute Pedigree entscheiden. Denn eine Spitzenabstammung erfährt Vertrauen. Selbst wenn das Pferd optisch nicht den Eindruck macht, ein herausragender Sportler zu sein, ist das Vertrauen in eine gute Abstammung allemal höher als in das One-Hit Wonder eines guten Sportpferdes ohne diese interessante Ahnentafel.

Ist das sinnvoll? Die Selektion nach Leistung und Beachtung der Verwandtschaftsgrade hat eine lange Tradition in der Pferdezucht. Pedigrees wurden dabei in der Rennpferdezucht schon vor Jahrhunderten Bedeutung beigemessen.

Das Problem ist: Ein sehr gutes Pferd hat meistens auch ein gutes Pedigree. Aber umgekehrt bringt nicht jede Top-Abstammung einen Spitzensportler. Die Abstammung ist daher nur ein Kriterium von vielen, das Beachtung erfahren sollte. Gerade im Handel mit jungen Springpferden ist das Pedigree jedoch so gut wie maßgeblich geworden.

Mein Fazit

Ich glaube daher, trotz allem nachvollziehbaren Wunsch nach einer einfachen Lösung, wird es keinem Pferdezüchter erspart bleiben, das eigentliche Pferd zu beurteilen. Denn hier liegt die eigentliche Kunst: Auch ein Pferd mit mäßigem Pedigree und Exterieur-Voraussetzungen als Topsportler zu identifizieren. Dies möglichst bevor es alle anderen tun. Diese Kunst bleibt bei der Fokussierung auf das Pedigree definitiv auf der Strecke.

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