Hengste Moritzburg

Prinzipien der Hengstauswahl

Es gibt einige Kriterien, die bei einer Leistungszucht universale Gültigkeit haben. Der Hengstauswahl wird besondere Bedeutung beigemessen. Nachfolgend ein paar Entscheidungshilfen für die Praxis.

Vor der Anpaarungsentscheidung für die eigene Stute muss man sich als Züchter überlegen, was man eigentlich erreichen möchte. Es gibt aber ein paar Mindestvoraussetzungen und Vorabüberlegungen, die ein Hengst erfüllen sollte. Das ist unabhängig davon, welche Stute ihm zugeführt werden soll.

Zu diesen Punkten gehören gehören:

Ein hervorragender Mutterstamm

Damit ist explizit kein Stutenstamm mit Showerfolgen oder Staatsprämienstuten gemeint, sondern in erster Linie zählen hier Sporterfolge und dies nach Möglichkeit auf internationalem Niveau. Auch gekörte Hengste dürfen zu den Erfolgen eines Stammes hinzugezählt werden. Solche erfolgreiche Verwandtschaft sollte möglichst gebündelt in den ersten 1-3 Generationen vorliegen.

Man sagt zu Recht: „3 Generationen nichts, ist nichts“.

Je nach Alter des Hengstes sollten also erfolgreiche Halb- oder Vollgeschwister des Hengstes, bzw. Halb- oder Vollgeschwister der Mutter oder spätestens der Großmutter internationale Sporterfolge vorweisen. Da Springleistung hoch erblich bedingt ist, sollten nur Stämme eingesetzt werden, die ihr Springvermögen (und nebenbei auch ihre Härte) im Sporteinsatz unter Beweis gestellt haben.

Dem Mutterstamm wird zu Recht eine hohe Bedeutung in der Zucht beigemessen. Dies liegt meiner Meinung nach nicht daran – wie oftmals behauptet wird – dass die Mutter mehr zu einem Fohlen beiträgt als der Vater.

Biologisch betrachtet ist das Unfug.

Gene verteilen sich nun einmal 50:50. Allenfalls die Möglichkeit der größeren maternalen Einflussnahme durch die mitochondriale DNA räume ich ein. Dieser Einfluss macht allerdings unter 1% der Gesamt-DNA aus.

Meine Erklärung für diese häufig vertretene Fehlinterpretation in der Zucht liegt daran, dass das Fohlen im Verhalten deutlich von der Mutter beeinflusst werden kann. Stichwort erlerntes Verhalten. Das hat aber so gar nichts mit Genetik zu tun. Ein weiterer Grund dürfte sein, dass die Züchter in der Regel ihre eigenen Stuten schlicht besser kennen als die Hengste und somit mehr Attribute der Mutter in ihrem Fohlen wiederfinden.

Das schwächste Glied

Allerdings unterliegen Hengste einer deutlich höheren Leistungsselektion als Stuten. Ein gekörter Hengst dürfte immer auch zu den besten 5% seines Jahrgangs gehören. Die Stute dagegen wird nach Kriterien ausgewählt, die allein der Züchter bestimmt. Da sind leider immer noch viel zu häufig gesundheitliche oder charakterliche Schwächen, bzw. im besten Fall noch das krankheitsbedingte Ausscheiden aus dem Sport der Grund.

Machen wir uns also nicht vor; die Stute dürfte in der Anpaarung bei den allermeisten Züchtern in Sachen Leistung das schwächere Glied sein. Nur die wenigsten Züchter beachten streng den Grundsatz „nur die besten Stuten gehören in die Zucht“.

Zurück zum Stutenstamm: Auch aus mäßigen Stuten kann es One Hit Wonders geben. Aber geballte Sportleistung findet sich nur dort, wo Leistung genetisch abgesichert vorliegt. Gehäufte Leistung ist kein Zufall. Ein Hengst aus solch einem Stamm wird mit höherer Wahrscheinlichkeit Leistung vererben als ein Hengst ohne diese gesicherte Mutterlinie. Ein top Mutterstamm ist mir daher insbesondere bei Junghengsten besonders wichtig.

Beurteilung der Vermarktungsfähigkeit

Die Vermarktung der Fohlen hat bei einigen Züchtern einen erheblichen Einfluss auf die Hengstwahl. Das halte ich in Teilen für eine sehr bedenkliche Entwicklung, denn die Orientierung des Züchters sollte nie dem Fohlenmarkt, sondern immer dem fertigen Sportpferd gelten. Der Zuchtfortschritt wird von diesen Entscheidungen der Züchter maßgeblich beeinflusst.

Auch wenn die meisten Verbände die Schuld für Mode-Anpaarungen von sich weisen, muss ihnen zumindest vorgehalten werden, dass in der Auswahl der Pferde für Fohlenchampionate, Auktionen und Körungen doch ganz erheblich dazu beitragen wird schnellebige Junghengst-Trends nach Kräften zu unterstützen. Da kommen schließlich die spektakulären Verkaufsergebnisse her, für die sich der Verband im Anschluss rühmen kann. Die Verantwortung eine Zucht nachhaltig zu gestalten liegt also letzten Endes immer bei den Züchtern.

Die wenigsten Züchter können sich tatsächlich den Luxus erlauben Modehengste zu wählen, wenn diese Wahl auf Kosten einer kontinuierlichen Verbesserung ihrer Zuchtprodukte geht. Solche Handlungen schädigen die Nachhaltigkeit einer Leistungsselektion, auch wenn die erzielten Preise vielleicht erstmal Grund zur Freude bereiten.

Eine Frage der Sparte?

Im Springsektor ist das Problem glücklicherweise noch nicht ganz so stark ausgeprägt wie bei den Dressurpferdezüchtern, aber in der Entwicklung dennoch bedenklich. Noch sind züchterisch bewährte Althengste mit reichlich sporterfolgreicher Nachzucht für Züchter die vernünftige Wahl. Bei Junghengsten ist schließlich nie gewährleistet wie sich ihr Image entwickelt und ob sie die züchterischen Erwartungen erfüllen können.

Die Vermarktung von Fohlen angesagter Modehengste ist trotzdem einfacher. Allerdings sollte man als Züchter bedenken, dass unterm Strich immer echte Überzeugung für eine Anpaarung sprechen sollte. Eine gute Ausgangslage hat man, wenn man ein Stutfohlen aus dieser Anpaarung für die Weiterführung der eigenen Zucht behalten würde.

Ein Wort zu Junghengsten

Generell von der Nutzung von Junghengsten in der Springpferdezucht abzuraten wäre unsachlich. Schließlich müssen die Erkenntnisse über deren Vererbung spätestens dann irgendwo herkommen, wenn sie im höheren Alter die sportlichen Erwartungen erfüllen.

Es profitiert also jeder von den wagemutigen Züchtern, die Hengste bereits im jungen Alter einsetzen.Ein guter Vererber ist aus genetischer Sicht natürlich schon als Youngster wertvoll. Dieser Wert wird nur erst mit zunehmendem Alter von einem größeren Personenkreis erkannt.

Wer meint, einen Top-Hengst in jungen Jahren zu erkennen, der kann mit einer Bedeckung im Prinzip nichts falsch machen. In einer Zeit allerdings, wo Fohlenverkauf schwierig ist, sollte man sich bewusst machen, dass die Wahl der Station, der Abverkauf des Hengstes ins Ausland und die sportliche Förderung für dessen Karriere entscheidend sind. Dann sind Junghengste plötzlich eine wackelige Wertanlage.

Bei einem Althengst weiß man wie es um seinen Ruf steht. Man muss nicht befürchten, einen No-Name als Vater zu haben, wenn die Nachzucht später verkauft wird. (siehe auch: Althengste nutzen)

Was man nicht tun sollte

Die Nutzung eines Junghengst kann aber auch aus falschen Beweggründen heraus geschehen. Wenn es mehr darum geht, das teure Deckgeld des Vaters zu umgehen, so ist dies kein guter Ansatz. Den geringen Preis für die Decktaxe bezahlt man bei Schwierigkeiten der Vermarktung der Nachzucht und Aufzucht derselben doppelt und dreifach.

Ein Junghengst sollte nur dann dem Vater gegenüber vorgezogen werden, wenn er entweder eine klare Weiterentwicklung im Vergleich zu den Elterntieren darstellt. Oder zumindest deren Pluspunkte in gefestigter Form vertritt. Sonst lohnt es sich schlicht nicht, das Risiko Junghengst einzugehen.

Fazit

Dies sind meine Tipps für eine möglichst geschickte Hengstauswahl für beste Ergebnisse in der Zucht. Ein weiterer guter Rat ist es die Ansprüche so hoch zu stecken wie möglich. Denn meistens ist bei der Pferdezucht noch Luft nach oben. Sonst wäre es ja einfach.

Weiter mit einem ähnlichen Artikel: Die Anpaarungs-Entscheidung oder Modetrends – wenn Züchter Reiten würden

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten - geht das? Natürlich. Wissen ebnet den Weg dorthin. Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden.

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