Jährling Vollblut

Die Mähr vom spätreifen Blutpferd

Es wird immer wieder behauptet, hoch im Blut stehende Pferde wären automatisch spätreif. Ich habe andere Erfahrungen gemacht und möchte hier über die wirklichen Ursachen berichten.

Spätreif oder nicht?

Immer wieder heißt es bei Warmblutzüchtern und Reitern, Vollblüter und hoch im Blut stehende Pferde wären spätreif. Die Hungerhaken brauchen noch ein Jahr länger, bis sie ordentlich dastehen, das ist normal!

Aber ein Blick in die Vollblut-Szene zeigt ganz schnell, dass an der Behauptung etwas nicht stimmen kann. Denn Vollblüter gelten hier gemeinhin als frühreif. Sie werden darauf selektioniert, weil die prestigeträchtigen Rennen mit den größten Gewinnsummen klassischerweise für Dreijährige ausgeschrieben sind. Es macht also Sinn, möglichst frühreifen Nachwuchs zu produzieren.

Natürlich gibt es auch beim Vollblut Linien, die frühreifer sind als andere, kann man nun einwenden. Vielleicht ist man eben mit seinem Nachwuchs an ein besonders spätreifes Exemplar geraten? Aber im direkten Vergleich mit dem Warmblüter, sind Vollblüter grundsätzlich deutlich früher „fertig“. Das gebietet allein die kleinere Körperhöhe, die früher erreicht ist.

Spätestens ein Blick auf die Jährlings-Auktionen in der Vollblut-Szene wird jeden Warmblutzüchter verstummen lassen. Die Pferde sehen durchweg ein knappes Jahr älter aus als ein Warmblüter im selben Alter. Man beachte das Titelbild oben, das einen Vollblut-Jährling im Alter von 18 Monaten zeigt.

Woran liegt das?

Den entscheidenden Hinweis haben mir Hobby-Vollblutzüchter geliefert, die meinten, man könne sich die enormen Kosten der Aufzucht in einem Vollblut-Betrieb schenken und das auch im Warmblut-Sektor günstiger haben.

Kosten sparen kann man so, aber renntauglich ist nach einer solchen Aufzucht kein Pferd. Alle Fohlen und Jungpferde, die mir begegnet sind, waren ausnahmslos extrem schlecht entwickelt. Das fing mit einem Mangel an Substanz an, schlechter Muskulatur, Mangel an Agilität bis hin zur Apathie und einem insgesamt schlechtem Gesamtzustand.

Dennoch kam niemand der Besitzer auf die Idee, dass es den Pferden an irgendetwas mangeln könnte. Darauf angesprochen heißt es vom Stall-Betreiber lapidar: „Die kriegen dasselbe an Futter wie die Anderen und die sehen ja gut aus. Der ist halt spätreif, da kann man nichts dran machen!“

Natürlich, niemand möchte sich nachsagen lassen, man habe die Pferde schlecht versorgt. Da ist diese Erklärung natürlich die angenehmere. Und da die Endgröße eines Pferdes glücklicherweise genetisch festgelegt ist, werden die kümmerlichen Pferdchen tatsächlich – mit einiger Verspätung – ihre normale Endgröße erreichen. Dann kann man sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und sagen: „Ist ja doch noch was draus geworden, hätt ich nicht für möglich gehalten!“

Manche Mythen halten sich hartnäckig!

Was das Wachstum und die körperliche Entwicklung eines Pferdes erheblich hemmt, sind ein Mangel an Futter (und Bewegung). So einfach ist das. Und so schwierig, denn der Standard, den Vollblut-Gestüte – aus gutem Grund – vorlegen, wird in kaum einem anderen Betrieb erreicht.

Nun sollte man gerade Jungpferde in der Aufzucht nicht mästen und auch nicht zum Ideal hochstilisieren. Die Jungpferde sollen stets schlank bleiben, damit das zusätzliche Gewicht nicht den Bewegungsapparat belastet. (siehe Artikel: Aufzuchtintensität) Aber für Muskelaufbau und damit eine gesunde Entwicklung braucht es nun mal auch Energie. Diese Energie muss über das Futter bereitgestellt werden.

Ich stelle aber auch fest, dass viele Reiter und Pferdehalter ein dünnes Pferd überhaupt nicht als solches identifizieren können. „Warum, der ist doch kugelrund, wo ist das Problem?“ Derweil steht vor mir ein Jungpferd mit aufgeblähtem Unterbauch und hervorstehenden Rippen da. Die Kugel unter dem Bauch kommt von der Weide. Das ist aber nicht rund, sondern schlichtweg ungesund.

Ganz anders stehen hoch im Blut stehende Pferde da, die von einem Futtermeister aus einem Vollblutbetrieb gefüttert werden. Die Unterschiede sind frappierend! Als Beispiel verweise ich auf das nachfolgende Foto, ein 12 Monate alter Warmblut-Junghengst mit 80% Blutanteil. Er ist schlank und top im Futter.  Selbstverständlich war dieses Pferd auch 2 und 3-jährig sehr gut entwickelt, es wurde hier aber auch nichts dem Zufall überlassen.

Quilebo 12 Monate alt

Fazit

Hoch im Blut stehende Pferde sind nicht automatisch spätreif, ganz im Gegenteil. Die Entwicklung von vielen hoch im Blut stehenden Jungpferden ist verzögert, weil zu einer gesunden Entwicklung schlicht die Futtergrundlage fehlt. Eine bittere Erkenntnis.

Aber eigentlich nicht, denn offensichtlich kann man am Zustand der hageren Jungpferde sehr wohl etwas ändern, wenn man bereit ist, die Konsequenzen für das Management und die Fütterung zu tragen. Das sind doch eigentlich gute Neuigkeiten!

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