Vollblut Steher

Ist der Steher der ideale Vollbluttyp für die Warmblutzucht?

Der Steher hat Tradition in Deutschland und galt über Jahrzehnte unangefochten als der ideale Vollbluttyp für die Reitpferdezucht. Er überzeugt auf der Bahn im Vergleich zu Vollblütern auf kürzeren Distanzen mit Durchhaltevermögen und Härte.

Aber ist das wirklich der Weisheit letzter Schluss?

Der typische Steher hat eine lang linierte Optik, die dem Warmblutzüchter aus dem Vergleich zum Warmblut (und wohl auch einem Stück Gewohnheit) heraus, gefällig erscheint. Der Steher ist nämlich ein typisch deutsches Produkt.

Unsere Stutenstämme gelten als exterieurmäßig recht einheitlich und stehen im Ausland für Härte und Ausdauer. Es herrscht also praktischerweise in Deutschland kein Mangel an diesem Typ Vollblut, was den Warmblutzüchtern genug Auswahl für ihre Veredler bietet.

Was möchte man mit Vollbluteinsatz bewirken?

In den letzten Jahren wird aber immer wieder von Kennern der Szene hinterfragt, ob der Steher wirklich der ideale Vollbluttyp für die Veredlung der Warmblutzucht ist. Schließlich geht es dem Warmblutzüchter um Eigenschaften wie Antritt und Reaktionsschnelligkeit.

Kann hierfür der eher als „Diesel“ zu bezeichnende Antrieb des Stehers wirklich ideal sein?

Unter den Blütern sind sie schließlich eher diejenigen, die nicht wirklich „aus den Puschen kommen“, oft selbst in der Hektik vor dem Start noch ausgesprochen ruhig sind und nur vergleichsweise langsam im Verlauf des Rennens an Tempo gewinnen. Bis zum Ende des Rennens hin versuchen sie ein ordentliches Grundtempo zu halten.

Hier lautet meist das Gegenargument der Steher-Befürworter, dass ein Reitpferd eben auch deutlich länger gearbeitet werde als ein Rennpferd. Deswegen bräuchte man Vollblüter, die im Rennen nicht so schnell schlapp machen und über besonders lange Distanzen überzeugen.

Aber eigentlich geht es doch dem Warmblutzüchter um die Fähigkeit während der Arbeit auf Anfrage des Reiters noch einmal mehr Kraft und Energie aufzubringen, noch einmal „hochschalten“ zu können. Elektrizität trotz hoher Belastung eben und keine echte Ausdauerleistung.

Darüber hinaus hat sich in den letzten Jahrzehnten auch die Reitpferdezucht deutlich weiterentwickelt und somit sind die Anforderungen an die Veredler in meinen Augen angestiegen.

Klar ist der durchschnittliche Steher noch immer antrittstärker und elektrischer als ein Durchschnitts-Warmblut, aber eben hinsichtlich des Merkmals Reaktionsschnelligkeit eher ebenbürtig mit der heutigen Oberliga im Sport.

Was ist die Alternative?

Natürlich kann man nun das andere Ende der Skala, den Sprinter, nicht ernsthaft als Alternative in Erwägung ziehen. Diese Linien werden aufgrund ihres Ursprungs gern als „amerikanisch“ verallgemeinert. Sie sind zwar was Reaktionsschnelligkeit angeht sicher kaum zu toppen, aber exterieurmäßig weit von den Warmblutidealen entfernt. Diese oft extrem muskulösen, bergab konstruierten Pferde werden darüber hinaus kaum mit schwingenden Rücken oder schwungvollen Gängen überzeugen können. Hier würde es zu viele Defizite auszugleichen geben, als dass ein echter Sprinter ein Segen für die Warmblutzucht sein könnte.

Der adäquate Gegenvorschlag zum Steher lautet deswegen Meiler mit Speed. Die Pferde sind auf mittleren Distanzen erfolgreich und überzeugen im Vergleich zu den Stehern mit einer deutlich höheren Beschleunigung.

Die Fähigkeit des Meilers vor dem Ziel noch einmal deutlich zu beschleunigen und die letzten Reserven zu nutzen ist schließlich das, wonach der Warmblutzüchter sucht. Das lange Reiten halten die Warmblüter schließlich problemlos durch, es geht dem Warmblutzüchter aber um das letzte bisschen Leistungsbereitschaft in Phasen hoher Belastung. Statt einer langsamen Steigerung und Durchhaltevermögen danach – wie beim Steher – soll hier noch eine Steigerung zum Ziel hin möglich sein.

Fazit

Im Sinne des Zuchtfortschritts wäre es optimal auf Meiler mit genug Speed zu setzen. Aber trotzdem ist diese Kategorisierung natürlich nur eine grundsätzliche Logik. Jedes Pferd muss weiterhin als Individuum betrachtet werden und danach beurteilt werden, ob es mit seiner Abstammung und seinem Exterieur in das Zuchtziel passt.

Logisch auch, dass ein Pferd sich unabhängig seiner Idealdistanz mit bestimmten Charakterzügen, wie Nervenstärke oder Rittigkeit, oder besonders hoher Gangqualität für die Warmblutzucht empfehlen kann.

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