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Quo Vadis – Technischer Fortschritt in der Pferdezucht

Von der künstlichen Besamung, über Embryonentransfer bis hin zum Klonen hat es gewaltige Veränderungen und Fortschritt in der Pferdezucht gegeben. Jede Generation von Züchtern sieht sich mit neuen Entwicklungen konfrontiert. Sofern man eine ablehnende Haltung einnimmt, wird man gern als altmodisch bezeichnet. Im Namen des Fortschritts muss meiner Meinung nach aber nicht jede Entwicklung gutgeheißen werden.

Ich möchte kurz die Praktiken näher beleuchten, die in der Pferdezucht üblich sind und skizzieren, wo dieser Fortschritt hinführt.

Klon

Das geklonte Pferd spielt eine Außenseiterrolle in der Reitpferdezucht. Nur der Zuchtverband Zangersheide hat überhaupt eine nennenswerte Anzahl an geklonten Hengsten im Zuchtprogramm. Andere Zuchtverbände erkennen Klone nicht an. Verantwortlich hierfür war das Verbot der FN/ FEI einen Klon im Turniersport einzusetzen, dies ist jedoch mittlerweile still und heimlich weggefallen.

Wie wird sich die Nutzung von Klonen in Zucht und Sport weiter entwickeln, wenn die nächste Generation vorhanden ist? Halten die Klone die sportlichen und gesundheitlichen Erwartungen? Noch sind die Berührungsängste in der Züchterschaft hoch.

Klone haben unbestreitbare Vorteile für die Zucht. So können herausragende Wallache, die dem genetischen Pool verloren gehen würden, züchterisch genutzt werden (siehe Fotos von E.T. und seinem Klon). Spitzenhengste, die mit ihrem frühen Tod von der züchterischen Bühne abgetreten sind, können weitere Nachkommen zeugen (siehe Chellano Z).

So spannend die Möglichkeiten des Klonens sind, so unvollendet sind die Forschungsergebnisse. Es gibt keine Erfahrungen aus Langzeitstudien hinsichtlich der Gesundheit der Klone. Außerdem sind die Kosten enorm hoch. Weiterhin problematisch ist, dass Klone keinen Zuchtfortschritt garantieren, weil nur eine Kopie des Originals entsteht.

Allerdings hat sich – heimlich, still und leise – in einem der elitärsten Reitsport-Disziplinen der Einsatz von Klonen bereits etabliert. Gemeint ist der Polo-Sport. Hier gibt es einen Blogbeitrag und einen Bericht zu dem Thema (Englisch).

Embryonentransfer

Seit knapp 30 Jahren wird Embryonentransfer in der Pferdezucht sporadisch durchgeführt. Die Anzahl steigt aber rapide und ist aus der modernen Sportpferdezucht kaum mehr wegzudenken. Nach anfänglichen Fehlversuchen hat man das Konzept der Leihmutterschaft mittlerweile perfektioniert.

Trotz aller Unkenrufe zu Beginn sind bislang keine gesundheitlichen oder sportlichen Einbußen im Turniersport feststellbar. Zu Beginn war man sich sicher, dass ET-Nachkommen sich im Sport nicht bewähren können. Prominente Sportler und Deckhengste wie Cornet Obolensky zeigen aber, dass auch bei breiter Nutzung kein unmittelbarer Schaden zu erwarten ist. Produkte werden dennoch mit dem Zusatz ET im Equidenpass vermerkt, den auch Horsetelex benutzt.

Die Akzeptanz der Technik steigt immer mehr. Immer stärker werden auf der Mutterseite Topstuten gefragt. Immer mehr vielversprechende Stuten bringen durch Embryonentransfer (zum Teil neben einer Sportkarriere) viele Nachkommen. Beispielhaft seien hier die Mütter von Glock’s London (15 Nachkommen) und Mylord Carthago (46 Nachkommen) genannt, die neben ihrem internationalen Sporteinsatz 2-stellige direkte Nachkommenzahlen und jeweils 3-stellige Anzahlen an Enkeln lieferten.

Vorreiter scheinen in dieser Technik die Belgier zu sein, dicht gefolgt von den Niederlanden und Frankreich. Hier wird gewohnt emotionslos in der Zucht umgesetzt, was Kasse verspricht. In Online-Portalen und bei Auktionen können bereits heute Embryonen erworben werden. Die industrielle Massenproduktion, die dem engagierten Kleinzüchter die Nackenhaare aufstellt, ist dort bereits Realität.

Genetische Verarmung

Das Prinzip Spitzenhengst mal Spitzenstute ist in der Springpferdezucht bereits weit verbreitet. Der Embryonentransfer liefert die technische Möglichkeit für im Extremfall bis zu 100 Nachkommen pro Stute.

Die künstliche Besamung hat dazu geführt, dass wenige Tophengste jährlich hunderte Nachkommen zeugen. Die Effekte sind auf der Vaterseite sicher dramatischer. Aber daraus resultierende Verengung der Blutlinien und genetischen Vielfalt entwickelt sich nun ebenfalls auf der Mutterseite. Ein genetischer Engpass durch abnehmende genetische Vielfalt bedeutet meist auch Probleme hinsichtlich Gesundheit und Härte. Die Kehrseite von Fortschritt um jeden Preis.

Ethische Aspekte

Manche Züchter finden Embryonentransfer moralisch komplett unbedenklich, weil nur die Anzahl an Nachkommen einer Stute erhöht wird. Die eventuelle Ausbeutung der Trägerstuten zur Gewinnmaximierung sei ein eigenständiges Problem. Dies ist demnach nicht automatisch mit der Reproduktionsmethode in Verbindung zu setzen.

Allerdings ist das zu kurz gedacht. Denn es nicht von der Hand zu weisen, dass die Trägerstuten in dieser Verwendung maximal 12-14 Jahre alt werden. Dann werden sie beim Schlachter entsorgt. Bei Stuten tickt bereits im mittleren Alter die biologische Uhr, wodurch die Stuten keine optimalen Voraussetzungen mehr für Trächtigkeit und Geburt mitbringen.

Zugegebenermaßen gibt es sicher Pferde, denen es schlechter geht, als den Empfängerstuten auf satten Weiden erfolgreicher Zuchtbetriebe. Zumal viele von diesen Stuten Traber- oder Englische Vollblüter mit ansonsten ungewisser Zukunft sind. Dennoch empfinde ich die Verfügbarkeit von hunderten potentieller Empfängerstuten auf spezialisierten Stutenfarmen zu Flatrate-Preisen als äußerst geschmacklos. Das Schicksal der meisten dieser Stuten nach der Erfüllung ihres Jobs interessiert die wenigsten Nutzer der Dienstleistung.

Kosten und Nutzen

Im Einzelfall bei Tieren mit herausragender Eigen- oder Nachkommenleistung angewandt, ist der Nutzen des Embryonentransfers unbestritten. Ebenso, um seltene Genetik zu erhalten oder den Sporteinsatz parallel entwickeln zu können.
Aufgrund der hohen Kosten verbot es sich bislang noch von selbst, mittelmäßige Stuten für den Embryonentransfer zu nutzen. Wenn man berücksichtigt, wie unterschiedlich Vollgeschwister ausfallen können, ist Embryonentransfer im höchsten Maße spekulativ.

Ich habe keine grundsätzlichen Bedenken gegen die Technik des Embryonentransfers, sofern dies dem Erhalt von Top-Genetik für die Zucht dient. Es kommen mir aber erhebliche Zweifel, ob diese Methode in der Breite angewandt wirklich einen Fortschritt bedeutet. Die Entwicklung zu regelrechten Stutenfarmen, die Trägerstuten zu Hunderten zur Verfügung stellen, betrachte ich mit Unbehagen. Diese „professionelle Abwicklung“ hilft natürlich ungemein Kosten zu sparen und Abläufe zu optimieren.

 

Leistungs-Selektion

Ich glaube an den Nutzen der  Selektion auf Leistung in der Sportpferdzucht. Dennoch finde ich es vermessen zu glauben, dass nur aus Spitzensportlern solche Sportler generiert werden können. Zugegeben ist die Dichte hier höher. Aber es gibt zu viele Außenseiter im Topsport, als dass man auf bessere Pferde aus der breiten Masse verzichten könnte.

Man braucht nicht zwangsläufig eine Mutterstute, die international über 1,60m geht, um echte Sportler zu züchten. Der Großteil der Leistungsträger, die heute in internationalen Klassen laufen, hat jedenfalls keine solche Stute zur Mutter. Ob der sportliche Zugewinn höher ist, als der Verlust der Blutlinien-Vielfalt auf der anderen Seite, wird sich zeigen müssen.

Jeder hat seine ganz persönliche Vorstellung von Ethik im Umgang mit Tieren. Diese neuen Techniken in der Pferdezucht haben in meinen Augen mehr mit Produktion zu tun als mit Zucht. Nicht alles, was technisch möglich ist, sollte immer ausgereizt werden. Fortschritt birgt Verantwortung. Die Verantwortung für ein Lebewesen, das sich nicht entziehen kann.

Meine Position

Zum besseren Verständnis möchte ich betonen, dass meine persönlichen Erfahrungen mit Embryonen niemals negativ waren. Ich habe den Prozess der Spülung live miterlebt und als unproblematisch empfunden. Die oft gescholtene Mehrbelastung durch eine „Hormonkeule“ zur Synchronisation der Spender- und Empfängerstute finde ich vertretbar. Oder zumindest als nicht per se schlimmer als das, was 99% aller Zuchtstuten in der Besamung ohnehin erleben.

Diese Technik an sich zu verteufeln ist nicht meine Absicht, sondern lediglich zum Nachdenken anzuregen. Im Gegenteil halte ich sie im Einzelfall durchaus für einen Gewinn. Ein Problem habe ich lediglich damit, wenn diese Methode zum Standard wird. Leider ist Moral immer dann biegsam, wenn damit Geld zu verdienen ist.

Züchten bedeutet für mich auch Achtung vor der Kreatur zu haben. Ein Tier ist keine Maschine. Dazu gehört für mich auch hinzunehmen, dass eine bestimmte Anpaarung unter Umständen nicht realisierbar ist. Oder eine Stute womöglich früher aus der Zucht ausscheidet, als mir lieb ist. Als reiner Hobbyzüchter kann und will ich es mir erlauben, eine Zuchtstute ein Jahr leer zu lassen. Es wird nicht jede erdenkliche Manipulation an ihr vorgenommen, die pragmatisch betrachtet zielführend wäre (anspritzen, zunähen etc.). Fortschritt in allen Ehren, aber da hört es für mich auf.

Wie sieht die Öffentlichkeit das?

Die öffentliche Wahrnehmung von Pferdehaltern als elitär und tierquälerisch ist ohnehin schon problematisch. Da sollte man sich gut überlegen, wie solch technischer Fortschritt wohl von außen wahrgenommen wird. Darauf zu vertrauen, dass sich solche Praktiken nicht herumsprechen, wird wohl nur für begrenzte Zeit funktionieren.

Es werden auch nicht nur linke Veganer sein, die finden, dass derlei Praktiken am Tier moralisch verwerflich sind. Das Geschäft mit der Leihmutterschaft zur finanziellen und sportlichen Ausbeutung wird in der realen Welt nicht viele Anhänger finden. Der Zweck heiligt nicht jedes Mittel. Das ethische Fragezeichen sehen viele Menschen ohnehin schon in Pferdezucht und -Sport. Solchen Stimmen sollte man mit systematischer Ausbeutung der Pferde nicht noch Öl ins Feuer gießen.

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