Vom verhinderten Sieger

Von verhinderten Siegern und großen Sportpferden

Manchmal hat man den Eindruck, jeder zweite Pferdebesitzer hat ein Pferd mit Potential für S zuhause. Von verhinderten Sportpferden mit besseren und schlechteren Gründen für den ausbleibenden Erfolg.

Von Übertreibungen

Ein Reiter versichert in schillernden Farben was für ein tolles Pferd er hat. Das Pferd hat phantastische Grundgangarten (Dressurpferd) oder springt den ganzen 1,60m Parcours (Springpferd).

Gut, es hat noch nie in seinem Leben einen Turnierplatz gesehen, aber das Pferd hätte das Potential!

Wer kennt das nicht?

Von Ausreden

Nun gibt es viele Gründe nicht aus Turniere zu fahren. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ein Wechsel-Schichtdienst für Turnier-Ambitionen tödlich ist. Ebenso wie ein Mangel an Hänger-Führerschein/ Hänger oder Zugfahrzeug. Und der Spaß kostet schließlich auch Geld. Jede Menge sogar. Es ist nicht verwerflich, dies nicht in eine zweifelhafte reiterliche Sportkarriere investieren zu wollen.

Man kann auch aus moralischen Erwägungen zu dem Schluss kommen, dass man auf einem Turnier ohnehin fehl am Platze wäre. Weil man sich von Tierquälern distanzieren will. Oder man möchte als Erwachsener nicht zwischen lauter Teenies in Einsteiger-Prüfungen Reiten. (Wobei sich die Nenn-Möglichkeiten in den letzten Jahren doch erheblich verbessert haben.)

Man kann auch schlicht der Auffassung sein, dass es vollkommen ausreicht, wenn das Pferd zuhause schön läuft.

Diese Liste ist sicher nicht abschließend.

Wie dem auch sei, es gibt viele Gründe dafür nicht auf ein Turnier zu fahren und keiner der Genannten ist weiter verwerflich.

Dennoch muss ich als Reiter und Züchter dagegenhalten: Zuhause kann jeder Grand Prix Reiten. Das was „im Scheckheft steht“ (die ältere Generation wird noch wissen wovon ich rede), ist entscheidend! Das sage ich sehr bewusst, obwohl ich selbst -aus Gründen- sehr selten auf Turnieren als Reiter teilgenommen habe.

Von verhinderten Top-Karrieren

Es gibt nämlich auch 1.000 Gründe, warum ein gutes Pferd eben nicht zum Turnierpferd taugt.

Weil es ständig lahm geht und die Belastung des Trainings nicht aushält, zum Beispiel. Oder weil es den nervenaufreibenden Zirkus nicht mitmacht und Koliken bekommt. Oder im Viereck senkrecht steht und dieses auch ungefragt verlässt. Oder unter Druck keine Leistung abrufen kann, weil es sich selbst im Weg steht.

Für die Selektion von Leistung ist also nicht ausschließlich das Potential des Pferdes entscheidend, sondern auch welche Platzierungen tatsächlich errungen worden sind. Ob das Pferd also auch seine PS auf die Straße bringt.

Es wollen in erster Linie Züchter die Leistung von verhinderten Sportlern gerne beurteilen. Denn eine Leistungsselektion, ohne die eine ernsthafte Sportpferdezucht nicht auskommt, muss anhand von Turniererfolgen bemessen werden. Also Leistung, die unter bestimmten durch die Leistungsprüfungsordnung (LPO) festgelegten Parameter, erbracht wird. Und nur das zählt.

Nicht alles Gold, was glänzt

Jetzt kann man natürlich unter den Verhinderten argumentieren, dass es die Profis einfacher haben als die Amateure. Dass viele Platzierungen bestimmten Pferde/ Reiter-Paaren geschenkt werden. Davon kann sich jeder Besucher von kleinen Turnieren bis Championaten als Zuschauer selbst überzeugen. Geschickt genannt ist in bestimmten Kreisen schon halb gewonnen. Auf solche Ideen kommt der gewöhnliche Amateur schlicht nicht.

Das stimmt. Daher gilt: Man muss als Züchter schon selber hinfahren und sich eine Meinung darüber bilden, ob Lieschen Müller mit Mister X wohl auch die Note jenseits der 8,0 erhalten hätte. In Zeiten von Rimondo und Clipmyhorse mag das einfacher festzustellen sein als früher. Aber es menschelt mitunter sehr, wenn es um die Benotung von Leistung geht.

Der Dressursport ist naturgemäß anfälliger. Wenn es darum geht die Gesamtharmonie zu bewerten, mögen manche Richter Perfektion der Ausführung belohnen, andere die Harmonie zwischen Pferd und Reiter höher gewichten. Bei den Springreitern (der höheren Klassen) fällt die Stange oder halt nicht.

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten - geht das? Natürlich. Wissen ebnet den Weg dorthin. Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden.

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