Vollblutstute Dance

Vollblutstuten in der Warmblutzucht Teil 1

„Mut zum Blut“ ist für mich keine hohle Phrase. Es waren (fast) immer die besonders blutgeprägten Pferde, die mir wegen ihrer Pfiffigkeit und Leistungsbereitschaft in positiver Erinnerung geblieben sind. Trotz deutlich sichtbarer Exterieurfehler waren es diejenigen Pferde, die einem beim Reiten ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben. Die nun folgenden Ausführungen sollen die Rolle der Vollblutstute in der Warmblutzucht erläutern.

Teil 1: Grundsatzüberlegungen

Der Wert von Vollblut in der Warmblutzucht

„Blut ist der Saft, der Wunder schafft“, so steht es am Graditzer Stutenstall und tönt es auf vielen Veranstaltungen zum Thema Vollblut.

Und tatsächlich: Ein Schuss Vollblut ist wichtig, um für physische Härte, Intelligenz, Regenerationsfähigkeit und die nötige Spritzigkeit der Pferde im Leistungssport zu sorgen. Dahingehend sind sich Züchter, Top-Reiter und Verbände durchaus einig. (siehe auch: Der perfekte Vollblutanteil für Sportpferde)

In Wahrheit hält sich der Mut deutscher Warmblutzüchter Vollblut in ihrer Zucht einzusetzen in engen Grenzen.

Während gelungene Stutfohlen bei Züchtern zur Weiterzucht durchaus erwünscht sind, stellen sich vor allem bei Hengstfohlen erste Absatzschwierigkeiten ein. Bei Reitern steht Vollblut oftmals für schwierig zu händelnde Pferde. Dies macht den Verkauf von hoch im Blut stehenden Pferden ohne Turnier Ergebnisse oft schwierig.

Man könnte zusammenfassend schon fast von einem notwendigen Übel sprechen. Denn Vollblut muss in den vorderen Generationen eingekreuzt werden, um dann – wie erwünscht – weiter hinten im Pedigree aufzutauchen. Daraus folgt, dass die Blutzufuhr in den meisten Zuchtstätten aufgespart und erst bei gänzlich blutleerem Papier erwogen wird. Diese letzte Zuflucht der Anpaarung von Reitelefant an Vollblut scheitert dann an den entgegengesetzten Extremen. Das dürfte eigentlich nicht weiter verwundern. (siehe auch: Pedigree-Theorien)

Vollblut als Begründer von Warmblut-Dynastien

Dabei wird scheinbar vergessen, dass eine Vielzahl unserer heutigen Spitzen-Hengstlinien ursprünglich auf einen Vollblüter zurück gehen. Man denke nur an den Einfluss von Ladykiller xx (Lord, Lordanos), Manometer xx (Moltke), Marlon xx (Mamor, Mahmud), Cottage son xx (Capitol, Cassini), Rantzau xx (Cor de la Bryère, Caletto), Rittersporn xx (Ramzes AA, Ramiro, Rubinstein), Silver Matal xx (Silvester) allein in der Holsteiner Zucht.

Aber auch Black Sky xx (Bolero, Brentano), Der Löwe xx (Lugano), Furioso xx (For Pleasure, Florestan), Goldschaum xx (Gotthard, Grande), Pik As xx (Pik Bube) in Hannover zeugen von dem wichtigen Einfluss des Vollblutes.

Jeder Zuchtverband kann Vollblüter vorweisen, die entscheidenden Einfluss auf die Rasse als Ganzes genommen haben. Diese Eigenschaft als Begründer von ganzen Dynastien geht zwar vor allem von Vollbluthengsten aus. Dies ist jedoch durch die viel höhere Nachkommenzahl der Hengste nur natürlich. Es ist wirtschaftlich sinnvoll von Verbänden auf Vollbluthengste zu setzen. Für Züchter ist es ebenfalls das geringere Risiko um einmal einen Vollblüter in der Zucht einzusetzen.

Aber es gibt durchaus auch Stuten wie Wundermädel xx (Trakehner), Tiffy xx (Oldenburg), Hanover Hope xx (Westfalen) oder Herka xx (Oldenburg/ Württemberg) denen es gelang, durch mehrere hervorragende Sportler und gekörte Hengste Großes zu bewirken. Hier wurde der mutige Zuchteinsatz einer Vollblutstute mehr als belohnt. Insgesamt sind deutschlandweit knapp 400 Vollblutstuten in der Warmblutzucht aktiv. Davon wurden allein 80 im Jahr 2009 in Stutbüchern neu aufgenommen.

Gehäufte Vorbehalte

Eine Sportpferdezucht auf einer Vollblutstute aufzubauen ist in Deutschland aber nicht weit verbreitet. In Ländern mit großen traditionellen Vollblutzuchten wie Irland, Neuseeland oder Amerika tun sich Züchter sicher leichter mit dem Einsatz von Vollblutstuten, denn hier haben Rennpferde in Reitsport und Sportpferdezucht mehr Tradition. Dabei gelten gerade deutsche Stämme im Ausland als eine besonders homogene Zucht mit durchaus korrekten und vor allem leistungsstarken Pferden. Warum also nicht auf einer Vollblutstute einen Sportpferdestamm aufbauen?

Der Einsatz von Vollblutstuten in der Warmblutzucht birgt sicher Chancen und Risiken. Dennoch scheint es, als ob die Risiken in Deutschland überbewertet werden. Der Grund hierfür liegt zum Teil sicher an der fehlenden Auseinandersetzung der Warmblutzüchter mit der Vollblutpopulation, was zu vielen Vorurteilen und verhärteten Fronten führt. Nur die wenigsten Warmblutzüchter haben sich genug Vollblüter auf Rennbahnen und Gestüten angesehen, um deren Leistung und Reitpferdeeigenschaften wirklich einschätzen zu können.

Das Risiko einer nicht auf Reitpferdemerkmale hin gezüchteten Rasse, wird von vielen Warmblutzüchtern als sehr hoch wahrgenommen. Die Angst mit der F1-Generation Endprodukte zu schaffen, die wolmöglich im Sport nicht an die Qualität ihrer spezialisierten Eltern heranreichen und züchterisch in der weiteren Anpaarung streuen, ist groß. Man weiß schließlich nicht, welche Vollblutahnen in der Anpaarung später durchschlagen, auch wenn die Stute selbst phänotypisch hervorragend geeignet erscheint.

Insbesondere auch die Sorge vor Fehlstellungen und mangelhafter Gangkorrektheit sind im Hinblick auf die Gesamtpopulation des Vollbluts vielleicht durchaus begründet. Schließlich findet in dieser Hinsicht keine nennenswerte Selektion bei Vollblütern statt, solange die Rennleistung stimmt. Die meisten Zuchtverbände dulden Verstellungen oder Gangunkorrektheiten bei Stutbuch Aufnahmen und Körungen nicht. Aber auch hier lassen sich Ausfälle mit der bedachten Wahl der Zuchttiere weitgehend ausschließen.

Wovor haben Warmblutzüchter Angst?

Die unbestrittenen Vorteile des Vollbluteinsatzes sind vielen Züchtern bekannt. Dennoch scheuen die meisten Züchter die gefürchteten, als unausweichlich erachteten negativen Konsequenzen. Dies sind etwa zu wenig Rahmen, zu feine Gliedmaßen, mangelnde Größe, tiefer Halsansatz oder grobe Verstellungen.

Dabei sind diese erwarteten Mängel in der Vererbung eines Vollblutes keine Selbstverständlichkeit. Auch aus Vollblutmüttern lassen sich Halbblüter mit Rahmen, Größe, harmonischem Exterieur und korrektem Fundament ziehen.

Dabei ist die Argumentation vieler Züchter gegen den Einsatz von Vollblutstuten nicht immer schlüssig. Die Unkenntnis über den Stutenstamm lässt sich mit der Beurteilung der unmittelbaren Verwandtschaft durchaus einschätzen.

Zugegebenermaßen beinhaltet die Überprüfung der Verwandtschaft in der Regel keine Erfolge im Reitsport, sondern höchstens Eigenleistung auf der Rennbahn. Jedoch lässt sich anhand des Exterieurs, der Beurteilung des Potentials als Reitpferd und des Charakters auf die Reitpferdeeignung schließen. Und wenn bereits aus Anpaarungen zwischen Vollblütern Pferde mit den gewünschten Eigenschaften hervorkommen, wie viel besser stehen dann erst die Chancen auf ein zufriedenstellendes Ergebnis mit einem passenden Warmbluthengst?

Schließlich lässt sich auch bei einer zugekauften Warmblutstute mit noch so gutem Papier ein Versagen in der Zucht oder die Vererbung von unerwünschten Merkmalen nicht komplett ausschließen. Der Phänotyp muss auch hier nicht dem Genotyp entsprechen.

Warum nicht einfach Vollbluthengste nutzen?

Dieselben oben aufgeführten Argumente gegen den Vollbluteinsatz gelten sicher gleichermaßen für den Einsatz von Vollbluthengsten wie von Vollblutstuten. (In der Tat erfreuen sich selbst gute Vollbluthengste keiner besonders starken Frequentierung.)

Alle im direkten Vergleich zum Warmblut erkannten Schwächen beim Vollblut werden meist gnadenlos aufgedeckt. Diese werden als zu gravierend erachtet, um nur den Versuch einer Anpaarung zu unternehmen.

Jedoch hat ein Hengst zumindest den Vorteil, dass er in einem Zuchtjahr gleich mehrere Nachkommen zeugen kann. Diese können eingehend auf ihre Qualität hin beurteilt werden, bevor man ihn einsetzt. Bei einer Vollblutstute hingegen trägt allein der Züchter das volle Risiko für eine schlechte Vermarktbarkeit des Fohlens.

Man kann es sich als Züchter einfach machen und Experten fragen. Oder selber umherreisen und Vollblüter einschätzen und anerkennen lassen. Wenn die Körkommission zustimmt, ist das aber nur der erste Schritt. Denn der Hengst muss passend erscheinen und qualitätvolle Nachzucht haben. Meist trautm an sich erst dann ihn an seine eigene Warmblutstute anzupaaren.

Diese Art der Risikominimierung ist zwar nachvollziehbar, jedoch vertut ein Züchter mit diesem Ansatz auch einiges an Chancen.

Die Chancen des Züchters

Der Einsatz einer Vollblutstute bringt durchaus Vorteile gegenüber einem Vollbluthengst. Ein Züchter kann Eigenschaften wie Charakter, Leistungsbereitschaft und Rittigkeit seiner Stute in der täglichen Arbeit sehr viel besser einschätzen. Dagegen wird er den Hengst in der Regel nur bei öffentlichen Auftritten beobachten. Deswegen kann der Züchter mehr Informationen über seine Stute und deren unmittelbare Verwandtschaft zusammengetragen, als ihm aus erster Hand über den Hengst vorliegt.

Die Anzahl an im Deckeinsatz stehenden Vollbluthengsten in der deutschen Warmblutzucht ist bestenfalls überschaubar. Insbesondere bei Vollbluthengsten für die Springpferdezucht ist die Anzahl sogar erschreckend gering. Die schwindende Verfügbarkeit von Vollbluthengsten macht es schwierig einen zu finden, der alle Erwartungen des Züchters erfüllt. Dies hat wiederum zur Folge, dass sich die Anzahl an Züchtern, die diesen Schritt wagen weiter abnimmt.

Es ist leichter eine zuverlässige Blutzufuhr über gute Vollblutstuten zu sichern.  Dann kann der Züchter in der riesigen Population nach einem wirklich zu 100% passenden Warmbluthengst suchen. Das ist einfacher als umgekehrt! Die Qualität der Elterntiere wird mit dieser Methode höher und passiger.

Die Anpaarung einer Vollblutstute hat für den Züchter darüber hinaus den Vorteil der Unabhängigkeit. Bei der Hengstauswahl ist Freiraum für verbandsübergreifende, durchdachte Anpaarungen mit rundum überzeugenden Hengsten. Weder unerwünschte Inzucht-Komponenten, noch fehlende Zulassungen für das eigene Zuchtgebiet schränken den Züchter in seiner Hengstwahl ein.

Erhaltung der Blutvielfalt

Wir leben in Zeiten des Vorherrschens von gut zu vermarktenden Modeblutlinien und einhergehendem Einheitsbrei der Abstammungen. (siehe auch: Modedetrends in der Pferdezucht) Da bringt eine Vollblutstute frisches Blut ins Spiel. Es ist eine traurige Tatsache, dass die Anpaarung einiger weniger Körungs-, HLP- oder Bundeschampionats Sieger mit hunderten von Stuten erfolgt. Dies führt zur Verarmung der genetischen Vielfalt. Da können Stuten mit einem neuen Stamm im Hintergrund als eine echte Bereicherung zur Erhaltung von bewährtem Blut angesehen werden. Bewährte ingezogene Hengste, die in ihrem eigenen Zuchtgebiet schwierig anzupaaren sind, können an eine Vollblutstute gut angepaart werden.

Bei der Bedeckung einer Vollblutstute sollte der Züchter einen Hengst mit Widererkennungswert nutzen. Die Chance, dass ein Kaufinteressent den Namen eines Vollbluthengstes kennt, ist verschwindend gering. Von Lauries Crusador xx oder Heraldik xx vielleicht abgesehen.

Die Wichtigkeit der Mutterlinie

Immer wieder wird von Sportpferdezüchtern behauptet, dass Merkmale wie Durchhaltevermögen und Leistungsbereitschaft besonders stark von der Mutter beeinflusst werden. Diese Theorie kann mittlerweile auch wissenschaftlich bekräftigt werden, denn nur über die Mutterseite wird die mitochondriale DNA dem Fohlen mitgegeben.

Der Anteil der mütterlichen Erbanlagen aus der Eizelle macht insgesamt zwar weniger als 0,1% der Erbanlagen aus. Dennoch haben gerade diese Erbanlagen besonderen Einfluss auf das körperliche Leistungsvermögen und den Muskelstoffwechsel des Nachwuchses. Welche Mutter könnte da besser geeignet sein, als eine streng auf Leistung gezogene Vollblutstute?

Aus der Forschung um den Embryonentransfer ist hinlänglich bekannt, dass eine Stute mit viel Bewegungsdrang dafür sorgt, dass ihr Fohlen sich mehr bewegt. Dies kommt dem Fohlen in der weiteren Entwicklung zugute.

Weiter zu Teil 2: Die Auswahl der richtigen Vollblutstute

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten - geht das? Natürlich. Wissen ebnet den Weg dorthin. Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden.

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