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Warum immer wieder Vollblut?

Alle heutigen Sportpferderassen sind aus einer ungleichen Basis entstanden, nämlich der Kreuzung von Vollblut mit regionalen Schlägen des Arbeitspferdes. Die Ergebnisse entsprechen dem heutigen Zuchtziel, weil durch die richtige Selektion die gewünschten Eigenschaften verstärkt worden sind. Dadurch wurde über mehrere Generationen eine Veränderung im Erscheinungsbild und der Leistung erreicht (Konsolidierung). Was passiert mit dieser Grundlage, wenn man keinen Vollblüter mehr anpaart?

Die Zuchtgrundlage des Warmblutpferdes

Warum reden Züchter und Verbände immer wieder von der Notwendigkeit Vollblut anzupaaren? Angeblich kann nur so ein modernes Sportpferd erhalten bleiben.

Die Begründung für diese Theorie ist im Ursprung des Warmblutpferdes zu suchen. Das heutige Sportpferd stammt nicht aus einer einheitlichen Zucht. Vielmehr wurde zwischen 1920 und 1950 mit unterschiedlichen Landschlägen des schweren Warmbluts gezüchtet. Hierbei wurde der Versuch unternommen, durch Einkreuzung der Rasse Englisches Vollblut ein leichteres Warmblut zu schaffen. Dies sollte als Jagd- und Reitpferd mit sportlichem Anspruch eingesetzt werden statt als Arbeitspferd vor Pflug und Wagen.

Bereits um 1880 ist die Einkreuzung von Englischem Vollblut in die regionalen Schläge in Deutschland vorgenommen worden. Die Verfeinerung der Zuchtprodukte war für Arbeitspferde zu diesem Zeitpunkt jedoch weitestgehend unerwünscht. Nur das Militär hatte Verwendung für leichte Reitpferde, ansonsten war Belastbarkeit als Wagenpferd oder Ackergaul gefragt.

Der Hauptabnehmer für leichte Pferde war zu Beginn der Umzüchtungsphase das Militär und der Adel. Erst deutlich später kamen auch Privatpersonen mit sportlichen Ambitionen hinzu.

Je nach Region und Stutengrundlage konnte in wenigen Generationen durch den Vollbluteinfluss ein passendes Pferd geschaffen werden. Aus der Trakehner Stutengrundlage erhielt man schon bei der ersten Einkreuzung von Vollblut hoch erfolgreiche Sportpferde. Dagegen musste bei schweren Ackergäulen mehrfach Vollblut eingekreuzt werden, um ein Pferd mit höherer Leistungsfähigkeit zu erhalten. Das Ergebnis dieser Kreuzungszucht ist unser heutiges Sportpferd.

Warum ist dieser Rückblick notwendig?

Wichtig ist die Feststellung, dass unser modernes Warmblut erst seit wenigen Jahrzehnten auf sportliche Eigenschaften selektiert wird.

Denn bei der Kreuzung von verschiedenen Rassen kann es in der Nachzucht zu unerwünschten Eigenschaften kommen. Dies können Makel im Exterieur sein, aber auch eine weniger einheitliche Vererbung der nachfolgenden Generationen.
Denn genetisch betrachtet sind Produkte einer Kreuzung verschiedener Rassen weniger vorhersehbar. Was fehlt ist die sogenannte Konsolidierung der Gene, um mehr Sicherheit in der Vererbung zu erreichen. Eventuell vorhandene Mängel in den nachfolgenden Generationen können bei geschickter Anpaarung und konsequenter Selektion reduziert werden.

Die verflixte F1 Generation

Theoretisch können natürlich bereits in der ersten Generation einer Kreuzungszucht Pferde dem gewünschten Typ bzw. mit hervorragender Sportleistung auftauchen. Das ist aber nicht die Regel. Je unterschiedlicher die Ausgangstiere, desto höher die Wahrscheinlichkeit für unerwünschte Entwicklungen in den nächsten Generationen. Bei schweren Stutengrundlagen ist sogar zu beobachten, dass die einmalige Anpaarung mit Vollblut nicht den gewünschten Effekt der Veredelung hat.

Die Gestütsleiter von Trakehnen kannten sich besonders gut aus in der Zucht von Halbblütern. Sie empfahlen eine Rückkreuzung der gelungenen ersten Generation mit hervorragenden Vertretern der ursprünglichen Rasse. Also einen modernen Warmblüter, der dem angestrebten Ideal nahe kommt.

Die weitere Selektion über einige Generationen der Kreuzung vollbringt die nachhaltige Annäherung an das Zuchtziel. Das Pferd profitiert von den vollbluttypischen Eigenschaften, ohne deren übliche Nachteile zu haben. Das ist der Beginn einer vorhersehbaren Zucht.

Was passiert ohne weiteren Vollbluteinfluss?

Eine Kreuzungszucht kann per Definition erst nach einigen Generationen als genetisch ausreichend verankert gelten. Eine züchterische Nutzung von hoch im Blut stehenden Pferden wird daher in Züchterkreisen als schwierig angesehen.

Der Mehrwert einer blutgeprägten Anpaarung ist für viele Züchter heute nicht mehr ersichtlich. Somit wird die Anpaarung an einen Vollblüter so lange aufgeschoben, bis sie unausweichlich ist.

Aber wenn kein Vollblüter mehr eingekreuzt wird, so wird nach wenigen Generationen das Erbe des Arbeitspferdes wieder durchschlagen. Je altmodischer der Stamm, desto schneller geht das!

Stimmt denn diese Theorie überhaupt?

Ein Satz, der von einem echtem Vollblutliebhaber wie mir schwer fällt, aber es muss einfach mal angesprochen werden. Es bringt eine Zucht keinen Schritt weiter immer nur stupide mehr „Mut zum Blut“ zu rufen.

Der Vollbluteinsatz muss auch Sinn machen! Es müssen die richtigen Vollblüter für das gewünschte Zuchtziel gefunden werden und vor allem passend zur jeweiligen Stute/ Hengst. Sonst kann man sich das Experiment auch ganz sparen!

Wo derbe Stuten vom alten Schlag angepaart werden, macht der Gang zum Vollblüter mit Blick auf die Konsolidierung wenig Sinn. Einer schweren Stute muss kontinuierlich Blut zugeführt werden. Dies gelingt am besten durch hoch im Blut stehende Hengste. Erst wenn dem Stamm Schritt für Schritt Blut zugeführt wurde, kann eine Anpaarung an einen Vollblüter nachhaltig positiv wirken.

Die moderne Halbblutzucht

Es ist kein Zufall, dass hoch im Blut stehende Sportpferde in den Ranglisten der Sportpferde stark vertreten sind. Die Forderung nach einem modernen Sportpferd mit plastischer Muskulatur, also einem „trockenen“ Pferd mit wenig Unterhautgewebe, ist verbreitet. Antritt in der Bewegung und Abdruck am Sprung sind Eigenschaften, die im Sport gefragt sind. All diese Eigenschaften werden dem Vollblüter in besonderem Maße zugeordnet.

Unter den weltweit besten Springpferden ist ein Vollblutanteil von 45% durchaus üblich. Unsere Sportpferde sind außerdem erheblich leichter als noch vor 30 Jahren. Wobei man sich hüten sollte dem prozentualen Anteil an Vollblut mehr Beachtung zu schenken als der Erscheinung des Pferdes. (siehe auch: Der optimale Vollblutanteil beim Sportpferd)

Wer eine moderne Stutengrundlage mit dem nötigen Kampfgeist für den Sport hat, muss sich keine Sorgen um einen Vollbluteinsatz machen. Aber hier liegt auch ein Risiko, denn viele Sportpferdezüchter verpassen den schleichenden Vorgang der Übernahme von Masse über Adel. Was heute im Springsektor als „edles Fohlen“ tituliert wird, erscheint im ausgewachsenen Alter dann doch eher als „schwerer Brummer“.

Später Lohn für die Mühe

Fakt ist: Der mutige Vollbluteinsatz der letzten Jahrzehnte kommt dem Warmblutzüchter über deren blütige Stutenstämme heute noch zugute. Wir haben in großen Teilen moderne Sportpferde und der „alte Schlag“ wird immer weiter verdrängt.

Was passiert aber, wenn Anpaarungsentscheidungen sich vermehrt am Markt orientieren und der Züchter Blut meidet? Die Umzuchtphase ist noch nicht lange genug her, um Sicherheit in der Vererbung des Reitpferdes zu haben. Der Weg zum „kalten Trekker“ ist nicht weit. Soweit die Theorie.

Dafür spricht, dass es viele Hengste gibt, die blütige Stuten brauchen, um gute Zuchtprodukte zu liefern. Ansonsten lassen die Nachkommen Sportlichkeit vermissen und bringen schwere Pferde vom alten Schlag. Selbst Hengste aus Vollblutstämmen können innerhalb weniger Anpaarungen an schwere Warmblüter selbst schwer vererben.

Die mangelnde Entwicklung des Sportpferdes durch bewusste Zufuhr von Vollblut kann innerhalb weniger Generationen Überraschungen bergen. Wie viele Generationen dafür notwendig sind, hängt mit der Grundlage und der züchterischen Weitsicht zusammen. Jeder Züchter, der in Generationen denkt, wird nach guten Vollblütern oder Halbblütern suchen.

WelchenVollblüter anpaaren?

Die Suche nach dem passenden Vollbluthengst gestaltet sich durch falsche Kriterien und nicht optimale Bedingungen nicht einfach. (Siehe Artikel: Nutzen wir die richtigen Vollbluthengste in der Warmblutzucht?)

Wer nach der „eierlegenden Wollmilchsau“ Ausschau hält, wird nicht fündig und somit erfolgt keine Bedeckung. Es ist müßig bei der Beurteilung von Vollblütern dieselbe Messlatte anzulegen wie bei Warmblütern. Es wäre ebenso falsch zu behaupten die Qualität der Vollblüter wäre deswegen schlechter. Sie haben oftmals schlicht andere Qualitäten, die es für das Warmblut gewohnte Auge zu erkennen gilt.

Dennoch wäre es sicher falsch einen Vollblüter nach dem Motto „Egal welcher, Hauptsache ein Blüter!“ einzusetzen. Scheinbar sind Warmblutzüchter immer noch der Ansicht, dass Rennsport über lange Distanzen und mehrere Jahre als Kriterium ausreicht. Diese Selektion ist zwar nicht grundsätzlich falsch, aber meiner Meinung nach nicht genug, um sich für die Warmblutzucht zu empfehlen.

Viele Züchter versuchen sich einen Vollblüter zu suchen, der möglichst nah am Ideal des Warmbluts ist. Der Vorwurf, dass man dann auch gleich einen Warmbluthengst nehmen könnte, greift zu kurz. Denn wer Vollblüter unter dem Sattel erleben durfte, der wird feststellen, dass sie entschieden „schneller schalten“ als ein Warmblüter.

Zauberwort Konsolidierung

Wir profitieren heute vom Vollbluteinsatz von vor 15 und mehr Jahren in den hinteren Reihen der Pedigrees. Wenn man nicht weiter Vollblut nutzt, sitzen wir aber in ein paar Generationen wieder auf den „kalten Trekkern“ der Umzüchtungsphase.

Es können bereits mit der ersten Kreuzung (F1-Generation) Pferde in der gewünschten Typausprägung und top Sportler zu finden sein. Genetisch betrachtet sind sie aber keineswegs gefestigt und dieses Ergebnis nicht beliebig wiederholbar.

Was fehlt ist eine sogenannte „Konsolidierung“ der vorhandenen Anlagen, um mehr Sicherheit in der Vererbung zu erreichen. Was zugegebenermaßen nicht nur ein Problem in der Kreuzungszucht ist, sondern auch innerhalb einer Rasse geschehen sollte. Eventuell vorhandene Nachteile in den nachfolgenden Generationen bei richtiger Anpaarung und Selektion meist zügig ausgeglichen werden.

Das Zuchtziel kann demnach erst nach einigen Generationen als genetisch ausreichend verankert gelten. Beabsichtigt man die züchterische Nutzung von Halbblütern, empfiehlt sich eine Rückkreuzung mit besonders geeigneten Vertretern der Rasse. Das meint ein blutgeprägtes Warmblut, das nicht allzu sehr vom gewünschten Ideal abweicht. Die rücksichtslose Selektion über möglichst viele Generationen liefert dann erst eine nachhaltige Annäherung an das Zuchtziel.

Ein Beispiel aus der Praxis

Ein gutes Beispiel hierfür liefert die Zucht von Friedrich Butt. Seine konsequente Anpaarung mit Vollblut über mehrere Generationen ist bekannt geworden. Er brachte eine Vielzahl von hochkarätigen Leistungspferden in der Vielseitigkeit hervor. Diese haben glücklicherweise mit Andreas Dibowski und Ingrid Klimke zu den passenden Reitern gefunden, um Erfolg haben zu können.

Aber auch Hengste wie Concours Complet zeigen den Wert dieser Grundlage. Die Pferde aus der Zucht von Friedrich Butt haben einen Blutanteil von oft über 90%. Sie sind also beinahe Vollblüter, aber mit dem Vorteil speziell auf Eigenschaften für Reitpferde selektiert worden zu sein. Dass eine solche Stute mit Erfolg in der Warmblutzucht wirken kann, ist anzunehmen.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Vollbluteinsatz heute oder Hauptsache Blut!

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten - geht das? Natürlich. Wissen ebnet den Weg dorthin. Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden.

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