Was ich auf Araberschauen über Reitpferde gelernt habe

Ich habe mich als Araber Laie zu kleineren Zuchtschauen in Deutschland begeben, um einen Eindruck der Szene zu erhalten. Höhepunkt war aber für mich der Besuch der Weltmeisterschaft in Paris im Dezember 2019. Davon möchte ich gern ein wenig mit Blick aus der Perspektive des Reiters berichten.

Schauwesen & Ehrlichkeit

Ich persönlich bin ein großer Fan der Leistungszucht. Daher ist meine Einstellung gegenüber der Schauszene eher skeptisch. Nur hübsch sein, ohne Leistung zu erbringen, wozu soll das für ein Pferd gut sein? Für mich ist es ein Sportpartner.

Aber ist es nicht ehrlicher, von vorneherein zu sagen, wir vergeben gute Wertnoten für schöne Gesichter, nette Choreografie und hochgerissene Hufe? Da weiß man woran man ist. Daher wollte ich dem Ganzen eine Chance geben und es mir einmal live ansehen.

Ist es denn in der Dressur so viel anders? Da werden Werte wie Gelassenheit und Taktreinheit für Schauelemente ausgetauscht, obwohl auf dem Papier etwas anderes steht. Da wird die Harmonie der Gesamtdarbietung der Korrektheit der Ausführung geopfert. Das ist doch viel befremdlicher. Wenn sinnvolle Elemente, wie Schritt und Grußaufstellung, international auf den Prüfstand gestellt werden, weil sich sonst die Zuschauer langweilen, kann man nur festhalten, das hat kein echter Pferdemensch entschieden. Das sind die Prüfsteine der sorgsamen und pferdegerechten Ausbildung. Sie abzuschaffen (und wer weiß was noch folgt?), bedeutet, dass wir uns mehr und mehr in Richtung Zirkus bewegen. Dann können wir die Kür auch komplett umstellen und korrekterweise als Show betiteln.

Aber zurück zu meinen Eindrücken aus der Araber Szene.

Aufstellung

Die Art der Aufstellung mit der flachen Rückenlinie soll schick aussehen, für mich sehe ich wenig tragfähige Rücken („Modell Badewanne“ denke ich mehrfach böse). Bei der Präsentation in der Bewegung sind stramme Rücken die Regel, durch den Körper schwingen tut da nichts, geschweige denn, dass man pendelnde Schweife sieht. (Aber auch danach sucht man in der Dressur heutzutage in der Breite vergeblich.) Das muss mir noch jemand erklären. Die gerade Kruppe lässt den Rücken sehr schwach aussehen, das ist nichts, was ich als Reiter begehrenswert finde.

Was mir aber deutlich wurde und nie aufgefallen wäre, ist dass ich diese Aufstellung immer für eine unnatürliche Haltung gehalten habe. Das stimmt so nicht. Wenn die Hengste sich gezielt gegenseitig provozieren durften, so stellten sie sich danach ausnahmslos so auf, wie es für die Prüfung erwünscht ist. Es scheint sich also um ein natürliches Imponierverhalten zu handeln. (siehe auch: Dressurlektionen – vom Fohlen zum Reitpferd)

Warum das Ganze scheinbar nur unter Schmerzen „formschön“ abzurufen ist, oder warum man dies in der Praxis duldet, ist mir schleierhaft. Die Schläge in Richtung Pferdekopf und vielfachen Ruck mit dem hauchdünnen Show Halfter setzen vermutlich das Adrenalin frei, das notwendig ist, damit die Pferde die „richtige“ Position einnehmen. Oder erinnern das Pferd an unschöne Erlebnisse, so dass es spurt. Ich finde es befremdlich, wie allgegenwärtig und offen diese Gewalt gegenüber den Pferden gezeigt wird.

Ich persönlich finde die Pferde in dieser Haltung auch nicht schöner, aber das ist offensichtlich Geschmackssache.

Körpergewicht

Für meinen Geschmack hätten die Pferde zum Teil ein paar Kilo weniger auf den Rippen haben können. Ich nehme aber an, dass ein Schutzpolster alleine für den hohen Reiseaufwand und den damit verbundenen Stress für die (zum Großteil) sehr jungen Pferde wichtig sind, damit diese nicht vor der Schau die Form verlieren.

Insgesamt waren die Pferde aber in sehr guter körperlicher Verfassung. Wirklich extrem dicke oder dünne Pferde sind mir nicht begegnet. Paradoxerweise werden sie dann ja so aufgestellt, dass die Silhouette schmaler wirkt.

Ablauf

Die Tribünen sind gekauft. Das muss ich vermutlich erklären, weil mir das im Reitsport oder auf Körungen noch nie begegnet ist: Es gibt auf den Tribünen Anheizer, die für Applaus und die richtige Stimmung während der Präsentation der Pferde zuständig sind.

Bei Eintreten des zu unterstützenden Pferdes wird von dort eine Choreografie abgezogen vom Feinsten: Mit Peitschenrascheln, Poltern mit den Füßen, Zwischenrufen des Verzückens und lautem Gejubel. Da sind unsere Peitschenraschler auf der Zuchtschau nichts gegen und vor allem extrem schlecht abgestimmt mit dem Pferdehandler. So fabriziert man sich die Standing Ovations selbst. So viel zum Thema Publikumsliebling bei der Körung, wenn sich das rumspricht…

Zu meinem großen Erstaunen, finden die Weltmeisterschaften der Show Araber vor leeren Rängen statt. Wenn man die vielen mitreisenden Anheizer abzieht, scheint sich kaum jemand live vor Ort zu begeben. Fotografen sind noch vertreten. Echtes Publikum sucht man vergeblich.

Zugegeben, es gibt einen Livestream und gute Berichterstattung, das Publikum ist weltweit verteilt, von daher ist es wohl etwas mühselig, extra anzureisen. Spannend finde ich, dass man von den leeren Rängen in der Live-Übertragung nichts sieht, weil die Tribünen im Dunklen liegen. Der Geräuschkulisse in der Halle nach zu urteilen, müssten zehntausende Zuschauer orientalischer Ausdrucksfreudigkeit die Ränge füllen, da geht ein Toben durch die (nicht vorhandene) Menge, dass der Fotograf nie seinen Einsatz verpassen kann. Mir dröhnen nach ein paar Stunden die Ohren, noch nachdem ich die Halle längst verlassen habe.

Aber dieses Event findet seit beinahe 40 Jahren alljährlich in Paris statt, das ließe sich mit ein bisschen (Weihnachts-) Shopping gut verknüpfen. Bis auf die VIP Tribünen herrscht gähnende Leere, nicht mal Catering gibt es. Das ist hier eindeutig eine geschlossene Veranstaltung, trotz freiem Eintritt. Befremdlich.

Ursprung als Kriegs- und Reitpferd

Dass in der Araberszene viel Wert auf Abstammung gelegt wird, sollte nicht überraschen. Auf was soll man sich als Züchter auch sonst orientieren, wenn es schon kein Element der Leistung gibt?

Interessant ist für mich dennoch der immer wieder zu hörende Hinweis des Kommentators, es würde sich im Ursprung der Araber um Reitpferde handeln, die Arbeit schätzen und in allen Reitsportsparten eingesetzt werden können. Bezeichnend, dass es nicht einmal ein Schaubild gab, um dieses Können in geeigneter Weise in Szene zu setzen. Ich habe an dem Wochenende in Paris nicht ein einziges gerittenes Pferd zu Gesicht bekommen.

Abstammung

Name und Pedigree des Pferdes werden bei der Vorstellung nicht angesagt, damit die Richter nicht von Herkunft und Besitzverhältnissen des Pferdes in ihrer Beurteilung beeinflusst werden. Das klingt erstmal gut in der Theorie und ich würde mir dies für Fohlenschauen oder selbst Körungen in der Warmblutzucht wirklich wünschen.

Aber in der Praxis hat dieses System seine Grenzen. Denn selbst für mich als fachfremde Person, waren die Handler und Geräuschkulisse doch recht schnell den entsprechenden Lagern zuzuordnen. Ich nehme an, das bekommen auch die Zuchtrichter mit. Zumal es Qualifyer gibt, auf denen eine Vorauswahl stattfindet. Die Favoriten sind, davon kann man ausgehen, schlicht bekannt.

Aber obwohl ich mich durchaus darauf verstehe, Pferde auseinander zu halten, wurde es gerade im Gemenge der Senior Stuten schwierig, bei all den Schimmeldamen den Überblick zu behalten. Offensichtlich steht weiß für Mütterlichkeit. Vielleicht passiert das mit der Verwechselung bei dem Lärm auch den Zuchtrichtern. Aber Oropax zu tragen, würde sie vermutlich allzu sehr gefährden, unter die Hufe zu kommen.

Negativ

Schminke

Schminke für Pferde? Ehrlich jetzt? Man kann es auch übertreiben. Die stark geschorenen Pferde waren (im besten Fall) mit Öl eingerieben und glänzten auch im Dunkeln. Das ist nun wahrlich nicht mein Ding.

Gewalt

Ich komme wirklich viel rum. Aber noch nie habe ich ein Reitsportereignis gesehen, bei denen die Gewalt gegenüber dem Pferd so präsent ist, wie im Schauwesen. (Wo ja paradoxerweise sportlich nichts von dem Pferd verlangt wird, was den Tierschützern doch immer aufstößt.) Das Drohen mit erhobener Peitsche und in Kopfrichtung der Pferde schlagen der Handler ist Usus, dagegen begehrt auch kein Richter oder der vorhandene (zum Schutz der Richter durchaus aktive) Steward auf.

Die Gewalt gegenüber dem Pferd ist omnipräsent und in den Augen der Pferde mit Panik zu lesen. Bemerkenswert ist der schnelle Wechsel zwischen Entspannung und Anspannung, den diese Pferde vollziehen. Sie wissen genau, wann Pause ist und gedöst werden kann und wann nicht.

Ich sehe viele stark dressierte Pferde, die auf bestimmte Zeichen bestimmte Handlungen ausführen, um sich den Richtern optimal zu präsentieren. Einstudierte Kunststückchen, die nach wilder Gegenwehr aussehen sollen und dennoch stark choreografiert sind.

Diese Pferde werden von ihren Besitzern königlich behandelt, weil sie einen hohen Geldwert haben, dennoch ist die Verbundenheit zu ihnen nur oberflächlich.

Positiv

Tanz

Die Choreografie im Freilauf der Pferde war zum Teil bemerkenswert gut.

Der Tanz mit dem Pferd, auch vereinzeltes Loben und streicheln der Pferde findet statt. Ich sehe aber die regelmäßige Behauptung bestätigt, dass Araberpferde dem Menschen zugewandt sind, denn sonst würde hier mehr Gegenwehr stattfinden. Jedes Tänzeln und steigen ist stark choreografiert und einstudiert, hier ist nichts wild, was einen wilden Anschein erweckt. Das Tänzeln an der Hand, das Provozieren der Gegenwehr, Steigen – alles auf Geheiß des Handlers und selten vom Pferd ausgehend.

Aber dennoch gibt es auch gute Beispiele von Handlern, die ihr Werk verstehen. Die ihr Pferd mit kleinsten Gesten und Einladungen schicken und aufnehmen, damit einen Tanz aufführen, der klaren Regeln folgt. Sowie Pferden, die den Takt zur Musik finden. Auch Pferde, die sich durch den Körper bewegen, sind zugegen.

Bewegung

Gewonnen wird nicht in der Bewegung. Oder zumindest sind die Einzelnoten für Kopf und Körper gemeinsam höher gewichtet als die Bewegungsqualität. Diese zu beurteilen, habe ich offenbar auch andere Ansichten als die Richter.

Das, was im Warmblutsektor gemeinhin als Takt betitelt wird, sieht man wenig ausgeprägt. Die meisten Pferde treten ungebremst und wenig gelenkschonend in den Boden, bei höchster Anspannung von Gliedmaßen und Rücken.

Kadenz wird ebenfalls kaum entwickelt, es geht um schnelle und effiziente Bewegungen, mehr als um den maximalen Ablauf.

Die Pferde haben zum Teil einen sehr flachen, aber dynamischen Bewegungsablauf, zum Teil auch raumgreifender und mit mehr Aktion. Was genau bevorzugt wird, hat sich mir nicht immer erschlossen.

Belastbarkeit

Eine Sache ist mir aufgefallen, nämlich die gute Bodenhaftung der Pferde. Kein Ausrutschen, kein Grätschen. Ich wundere mich bei den engen Zirkeln im vollen Tempo über so wenige Unfälle. Die Araber haben auch bei enormer Schräglage (Optik Motorrad) viel Bodenhaftung und kommen selten ins Gleiten. Die Pferde sind gut auf den Beinen. Dies mag durch den geringeren Hebel der kürzeren Beine begründet sein. Die meisten Pferde sind nur vorne beschlagen.

Da es keine Pflastermusterung in dem Sinne gab, ist die Korrektheit auf die Distanz nicht ganz leicht zu beurteilen. Aber es fällt die hohe Trockenheit von Beinen und Gelenken auf. Es gibt (von der Konstruktion abgesehen) kaum wirklich sichtbare Mängel, nur ein älteres Pferd mit Piephacken entdecke ich. Gemessen an den zu erwartenden Haltungsbedingungen ohne viel Freilauf empfinde ich das als ungewöhnlich. Ist das Vorselektion, weil es im Wettkampf unerwünscht ist, oder auf die Härte der Pferde zurückzuführen?

Interessant auch, dass ich auf nationalem Niveau mehr Pferde mit offensichtlicher Durchtrittigkeit und anderen Mängeln gefunden habe, das gab es bei der Weltmeisterschaft nicht zu sehen. Eine gewisse körperliche Härte scheint also auf diesem Niveau favorisiert zu werden, so jedenfalls mein Eindruck.

Fazit

Auch wenn mein Bericht sehr kritisch ist, bin ich froh, mir einen eigenen Eindruck verschafft zu haben. Es zeigten sich wunderschöne Pferde in tollem Ambiente gekonnt in Szene gesetzt. Daneben viele ambivalente Eindrücke. Der Tierschutz dürfte sich ruhig in dieser Disziplin präsenter zeigen.

Im Prinzip ist das Label Schaupferd vielen Reitern und Züchtern im Warmblutbereich zuwider. Ich habe dennoch viele Parallelen zu unserem Sport entdecken können. Vielleicht ist die Schauszene einfach nur ehrlicher in ihrer Selbstdarstellung.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Leistungsselektion um jeden Preis? oder Arabisches Vollblut im Springsport

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

3 Gedanken zu „Was ich auf Araberschauen über Reitpferde gelernt habe“

  1. Ein interessanter Beitrag, den ich erfrischend objektiv formuliert finde. Die Thematik ist definitiv problematisch.
    Als Araber-Züchterin und -Liebhaberin habe ich einen Beitrag geschrieben, der vielleicht ein paar Aspekte des Show-(Un-)Wesens erläutern kann: https://info.baschwa.net/show/
    Zum Welt-Championat 2019 und den nicht vorhandenen Zuschauern ganz konkret: in den vergangenen Jahren fand das World Championat immer während der großen französischen Pferde-Messe Salon de Cheval statt. Da waren dann auch die Tribünen immer sehr gut besetzt, weil es viel Laufpublikum gab. Das war 2019 anders, das World Championat fand ausserhalb des Salon de Cheval statt, so dass es kaum Zuschauer gab.

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