Hufschmied barfuß

Können Sportpferde barfuß gehen?

Man hat sich als Reiter daran gewöhnt Eisen auf Hufe draufzunageln, nicht weil es notwendig wäre, sondern weil man das halt so tut. Weil (die meisten) Menschen Schuhe tragen, gehen wir vermenschlichend davon aus, dass Hufschutz auch für Pferde notwendig ist, die barfuß gehen.

Das Problem

Warum überhaupt Eisen ablehnen? In aller Kürze: Ein Eisen ist – egal wie perfekt es angepasst wird – immer ein störender Fremdkörper am Huf. Je mehr Nägel verwendet werden, um das Eisen zu befestigen, desto stärker ist diese Wirkung.

Der gesunde Hufmechanismus, der Blut durch den Huf zirkulieren lässt, wird durch einen Beschlag behindert. Das sorgt dafür, dass die Durchblutung im Huf reduziert ist und damit das Wachstum des Hufes nachlässt. Anders als am Barfuß Huf bedeutet die fehlende Dämpfung von Strahl und Sohlenwölbung, dass der beschlagene Huf am Boden ungebremst auf prallt. Das geht auf die Gelenke und schadet dem Pferd gesundheitlich.

Beliebte Einwände

Jetzt höre ich schon die Einwände: „Mein Pferd kann nicht barfuß gehen!“ Das geht nicht, weil: Boden zu steinig, Hufsohle zu dünn, Horn zu weich, Huf zu kurz, Pferd zu empfindlich – you name it! All das sind Einwände, die ich bereits zigfach gehört habe.

All diese Einwände übersehen kollektiv eins: (Fast) Jedes Pferd kann lernen, barfuß zu gehen. Meine Pferde haben es jedenfalls ALLE gekonnt – Sportpferde wie Zuchtstuten. Wer es wirklich einfach mal macht, statt darüber theoretisiert, der wird oft erstaunt sein bei wie vielen Pferden das geht.

Die Natur hat mit dem Huf ein Wunderwerk geschaffen. Ein weicher Huf härtet unter Belastung aus, ein kurzer Huf wächst unter Beanspruchung schneller, die Wölbung der Sohle und die Beschaffenheit von Strahl und Horn sind veränderlich. Je weniger sie gefordert werden, desto mehr bilden sie sich zurück. Den Huf schonen zu wollen lässt ihn verkümmern und ist der völlig falsche Ansatz.

Reiterliches Umdenken

Ein Pferd, das Barfuß geht, bedeutet vor allem Unbequemlichkeiten für den Reiter. Das Pferd könnte fühlig gehen auf hartem Untergrund oder spitzem Kies. Das Pferd könnte rutschen auf Gras so ohne Stollen. Also ich fasse zusammen; das Pferd könnte Dinge tun, die natürlich sind.

Problematisch ist also eher die Erwartungshaltung des Reiters sein Pferd jederzeit und auf jedem Untergrund nutzen zu können. Ohne Einschränkungen und sofort. Dabei sollte ein Pferd nur so viel gearbeitet werden, wie es auch mit unbeschlagenen Hufen vertragen würde, um keinen körperlichen Schaden zu nehmen.

Fakt ist aber auch: Mit etwas Geduld wird das Pferd sich selbst widrigen Bodenbedingungen anpassen. Das können Pferde, weil es natürlich für sie ist. Wer als Wildpferd mit qualmenden Füßen dasteht, ist leichte Beute.

Das notwendige Übel

Der Ausnahmefall kann natürlich eintreten, so dass kurzfristig der Huf aufgrund von Krankheit oder unphysiologischer Abnutzung vor weiterem Abrieb geschützt werden muss. Hierzu kann ein Beschlag dienen, allerdings sollte er sobald es geht wieder abgenommen werden.

Hufschuhe können bei längeren Distanzritten oder anderen vorhersehbaren Belastungsphasen tageweise helfen. Allerdings ist die Handhabung ehrlich gesagt ziemlich umständlich. Die Passform muss hervorragend sein, damit es nicht zu Verletzungen oder dem Verlust des Schuhs kommt. Das penible Sauberhalten der Hufschuhe ist ebenfalls aufwändig.

Bedingungen für glückliche barfuß Pferde

Barfuß ist gut geeignet für ein Pferd, das unter halbwegs artgerechten Bedingungen lebt. Es kann sein Gefühl für Untergrund und Bodenverhältnisse ausleben, wird seine Füße vorsichtig setzen. Wenn es nötig ist, kan es sich vorantasten, ausbalancieren und muss nicht auf die Nase fallen. Man muss es nur machen lassen.

Eine Voraussetzung ist, dass das Pferd mit der Natur in Kontakt kommt. Ein geländeerfahrenes Pferd, das nicht nur auf planen Vierecken arbeitet, kann seinen Tast- und Balancesinn entwickeln.

Ebenso müssen Haltung und Ernährung auf den Prüfstand. Nur ein Pferd, das eine gute Grundversorgung hat, kann gesundes Hufhorn produzieren. Zusätze wie Bierhefe und Biotin sind beliebt, allerdings nur dann hilfreich, wenn genau dort ein Mangel vorliegt.

Die Tücken

Schwierig ist es einen Schmied zu finden, der einen Barfuß nicht behandelt wie ein beschlagenes Pferd. Sinnvoll ist es kurze Schmiede-Intervalle von 4-6 Wochen (im Sommer eher 4 im Winter eher 6) einzuhalten. Das hat auch den Vorteil, dass die Hufform sich nicht ständig dramatisch verändert. Korrekturen am Huf lassen sich beim Barfuß Pferd meist wesentlich besser umsetzen als mit Beschlag.

Die Umstellung auf barfuß

Es wird oft sehr viel Aufhebens gemacht um die Umstellung gemacht. Ein Pferd, das nur kurz Eisen getragen hat oder gute Hufe hat, tut sich naturgemäß leichter mit der Umstellung. Auch der Untergrund auf dem das Pferd sich fortan bewegen soll spielt eine Rolle, weil weicher Sand und Weide weniger Herausforderung sind als Asphalt und Schotter.

Man sollte sich allerdings auch von unrealistischen Vorstellungen verabschieden. Nur weil der Barfuß Huf langfristig für das Pferd gesünder ist, heißt das nicht, dass jeder Huf vom ersten Augenblick an besser dasteht. Das Vorhandensein von einer ausgeprägten Sohlenwölbung ist ein guter Indikator für die zu erwartende Fühligkeit des Pferdes. Je flacher der Huf, desto größer die Schmerzen.

Es kann bei einem schlechten Hufzustand durchaus Wochen oder Monate dauern, bis der Huf wieder voll belastbar ist. Leichte Schmerzen und Lahmheiten können zum Beispiel durch eine Reizung der Lederhaut entstehen. Das Pferd sollte in dieser Zeit wenn möglich nicht geritten werde und vor allem nur auf weichem Untergrund belastet werden.

Es gibt aber ein paar Punkte, die man beachten kann, um es dem Pferd leichter zu machen.

  1. Hilfreich ist es, dem Pferd zum Frühjahr oder Sommer die Eisen abzunehmen, weil dann das Hufwachstum am stärksten ausgeprägt ist.
  2. Sinnvoll ist zudem, die Eisen so sorgfältig und mit geringstmöglichem Schaden an der Hufwand abzunehmen. Dazu gehört es, die Nägel einzeln herauszuziehen und das Eisen nicht einfach mit der Zange vom Huf zu reißen. Dann sind die Nagellöcher so klein wie möglich und das Ausbrechen des Hufes minimiert.
  3. Der Huf sollte ruhig auch zwischen den Schmiedebesuchen regelmäßig rundgefeilt werden nach dem Vorbild der „Mustang Roll“ nach Pete Ramey.

Barfuß aufs Turnier?

Dressurpferde sollen durch das Gewicht mehr Bewegungsqualität bekommen, Springpferde durch Stollen mehr Halt auf Rasen erhalten. Aber geht das nicht auch anders?

Aus eigener Erfahrung mit Springpferd bei jedem Wetter und mit jedem Untergrund kann ich sicher sagen: Es geht auch ohne Stollen. Kaum zu glauben, aber wahr! Denn einen Denkfehler begehen Springreiter, die meinen ohne Stollen ginge es nicht: Ein unbeschlagener Huf rutscht wesentlich weniger als ein beschlagener. Mit dem Beschlag entsteht überhaupt erst das Problem des übermäßigen Rutschens, das dann durch Stollen oder Stifte behoben werden soll.

Klar, bei extremen Anforderungen in Vielseitigkeit und Springsport sieht es ein wenig anders aus. Wer als Profi vom Sport lebt, will sicher nicht riskieren, dass ungünstige Bodenbedingungen den Start unterbinden und man kann mit langen Stollen bei sehr weichem Rasen als Untergrund schon besser bedient sein, wenn es darum geht im Stechparcours oder engen Wendungen Boden gutzumachen.

Aber die wenigsten Freizeitreiter müssen ihren Lebensunterhalt durch die entscheidende Millisekunde im Stechen verdienen, also chillt einfach mal! Muss man wirklich bei jedem Wetter und Bodenverhältnissen antreten?

Fazit

Ohne Huf kein Pferd, das wussten schon die alten Meister. Hufprobleme sind alltäglich geworden durch falsche Rahmenbedingungen. Der Beste Beschlag ist immer noch barfuß!

Meine These: Jeder Reiter, der sein Pferd freizeitmäßig reitet und bis L-Niveau auf dem Turnier vorstellt, sollte sein Pferd barfuß laufen lassen. Aus irgendeinem Grund ist der Beschlag oder die Abwesenheit davon zur Glaubensfrage geworden.

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

Ein Gedanke zu „Können Sportpferde barfuß gehen?“

  1. Ein guter Beitrag. Ich denke auch, dass es ohne besser ist. Vor allem, wenn man überlegt, dass das nicht so Nägel aus dem Baumarkt sind, sondern richtig Grosse und das von uns ja auch keiner haben möchte…

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