Körung

Brauchen wir noch Körungen?

Es ist Tradition in Deutschland, jedes Jahr im Herbst die Junghengste zu sichten und zur Körung vorzubereiten. Es werden immer wieder Rufe laut, die Körung habe in ihrer jetzigen Form ausgedient. Was ist dran an der Kritik und gibt es vernünftige Alternativen zur Körung?

Die Gründe für die kritische Position gegenüber Körungen sind unterschiedlich. Mal wird kritisiert, dass die Pferde zu früh zu viel leisten müssen. Da ist von Kinderarbeit die Rede. Mal werden die Bewertungsparameter auf der Körung als unzureichend empfunden, um eine sportliche Aussage zu treffen.

Dafür spricht jedoch der Zuchtfortschritt durch schnelle Generationenfolgen und die Einheitlichkeit des Ablaufes, dem sich jeder Hengst im selben Alter stellen muss.

Wozu überhaupt noch Körungen oder auch Hengstleistungsprüfung durchführen?

Ist das noch zeitgemäß?

Was kann dieses altmodische Format noch aussagen?

Das Verfahren ist definitiv ein Relikt aus alten Zeiten. Was nicht heißt, dass es schlecht sein muss, aber doch bedeutet, dass man offen über Optimierungen sinnieren sollte.

Wo dies ohnehin nur der Einhaltung bestimmter Minimal-Standards dient und Züchter sich immer weniger vorschreiben lassen, wonach sie selektieren. Viele Züchter in meinem Umfeld lassen ohnehin nur noch internationale Erfolge der Deckhengste gelten, um zu beurteilen, ob diese für die Zucht gut genug sind. (Wobei man nicht den Fehler machen darf, Sportleistung und Vererbungsleistung gleichzusetzen!)

Jungpferde präsentieren sich Tagesform-abhängig

Eine Körung dient in erster Linie als frühe Beurteilungs-Möglichkeit vieler Nachkommen bestimmter Hengste unter gleichen Bedingungen. Der große Vorteil der Körung ist sicher die neutrale Möglichkeit, die noch sehr jungen Pferde unter vergleichbaren Bedingungen präsentiert zu bekommen. Das ist auch für den Züchter praktisch, um erste Eindrücke von möglichst vielen Nachkommen unter gleichen Bedingungen zu erhalten.

Das ist zugleich ein möglicher Kritikpunkt, denn natürlich mag manch 2,5-Jähriger noch nicht reif genug sein für diese Prüfung. Das wird dazu führen, dass er sich unter seinen Möglichkeiten präsentiert. Die Tagesform bestimmt nun mal gerade bei sehr jungen Pferden noch sehr stark den Eindruck, den sie hinterlassen.

Diese Rolle der einheitlichen Beurteilung könnte aber durchaus auch das Bundeschampionat oder eine Sportprüfung der Hengste übernehmen. Das wäre dem Turniersport auch wesentlich mehr nachempfunden, als Statthalter ohne Reiter zu nutzen. Faktoren wie Haltbarkeit im Sport und maximale Leistungsfähigkeit lassen sich ohnehin erst deutlich später festmachen. Da ist die Jugendlichkeit der Hengste eher ein Hindernis, denn ein Vorteil.

Freiheit des Marktes zulassen?

Wie wäre es, wenn alle Hengste Zugang zum Deckgeschäft hätten? Die Araberzucht ist diesen Weg gegangen und lässt jeden Hengst automatisch als Vatertier zu.

Ein Gesundheits-Check sollte zwar erfolgen, um gewisse Mideststandards zu sichern. Aber wer die Körszene beobachtet, merkt, dass es immer Wege zur Umgehung der Vorgaben gibt. Seien wir ehrlich: Irgendein dubioser ausländischer Zuchtverband segnet jede Graupe gegen Geld ab. Das Label „gekört“ ist damit ohnehin schon zweifelhaft, weil es mit ein wenig Mühe für fast jeden Hengst machbar ist. Wenn der Besitzer mehr Geld zu investieren bereit ist, da wird es mit dem Teufel zugehen, wenn diese „Auszeichnung“ nicht bei einem anderen Verband zu erhalten ist.

Warum nicht einfach den Sport (und den Markt) entscheiden lassen, was sich durchsetzt?

Denn wie viele Fohlen kann so ein kleiner, mittelprächtiger Lattenrutscher schon zeugen? Wer ist als Züchter bereit das Risiko zu tragen, wo doch die Vermarktung selbst guter Pferde immer schwieriger wird? Die Kosten der Aufzucht sind enorm und sollten nur in markttaugliche Exemplare investiert werden. Das muss doch jedem Züchter einleuchten und zu Hengsten mit hervorragender Selbstdarstellung treiben. Oder nicht?

Argumente dagegen sind, dass sich am Markt eben nicht immer das Beste bewährt. Sondern das, was protegiert und beworben wird. Wer die finanziellen Mittel zur Förderung hat, der wird es sich nicht nehmen lassen, das bestmögliche Umfeld für die Nachzucht zu erzeugen, sowie Jungpferde gegebenenfalls aufzukaufen und sportlich herauszustellen. Das ist bereits gängige Praxis bei den Profis und darf nicht überraschen.

Natürlich gibt es auch hier Gegenargumente, die eine Regulierung der Hengstnutzung durchaus sinnvoll erscheinen lassen. Leider lassen sich viele Menschen bei der Hengstauswahl von Kriterien blenden, die für eine Leistungsaussage nicht relevant sind. Oder aber sind fachlich nicht imstande, bedeutende Fehler in Stellung und Fundament des Pferdes zu erkennen oder entsprechend zu bewerten. Aber das lässt sich auch mit einer Körung nur bedingt abstellen.

Werden zu viele Hengste gekört?

Der Markt entscheidet letztlich darüber, welche Hengste genutzt werden. Dabei spielen viele andere Überlegungen als die reine Qualität des Pferdes eine Rolle.

Körungen werden auch nicht (ausschließlich) zur Selektion der nächsten top Vererber abgehalten, sondern zur Vermarktung von vielversprechenden Jungpferden. Dies ist eine willkommene Einnahmequelle für den Zuchtverband, denn sowohl für die Vorstellung bei der Körung selbst, als auch über den Abverkauf über die Auktion werden Einnahmen erzeugt.

Die Realität zeigt, dass viele Hengste nur dann gekört werden, wenn bereits vor der Körentscheidung klar ist, dass es Käufer für den Hengst gibt. Gibt es diese nicht, nutzt die Qualität des Hengstes ihm nicht viel. Kein Verband möchte einen Hengst kören, der nicht marktkonform ist.

Böse Zungen behaupten, der Marktwert des Pferdes könne mehr Einfluss auf das Körurteil nehmen, als die gezeigte Qualität. Wenn es einen Käufer gibt, warum sollte man ihn davon abhalten, mehr Geld für den „ausgezeichneten“ Hengst auszugeben? Daran hat weder der Verband, noch der Hengstaussteller das geringste Interesse.

Ideen zur Optimierung des Ablaufs einer Körung

Der größte Dorn im Auge ist für mich bei den Springpferden die Selektion auf Schönspringer mit viel Vermögen aber wenig Geist.

Es gibt durchaus gute Vorbilder im Ausland mit Ovalbahn und Springreihen, bei denen die Pferde im Fluss an den Sprung gehen und von den Peitschenführern keine Unterstützung erfahren. Hier zeichnen sich clevere Springpferde aus, die selbständig die Übersicht behalten. Auch hier gibt es Verlierer im System, die nicht so viel Eigenständigkeit in fremder Kulisse zeigen. Das wird nicht jedes Pferd in diesem jungen Alter schon bewältigen können.

Um zu verstehen, dass es auch anders geht, möchte ich einen Blick auf unser Nachbarland Frankreich richten. Dort hält sich das Interesse der aktiven Züchterschaft an dem Körprocedere in engen Grenzen. Wer keinen eigenen Hengst auf der Veranstaltung hat, der taucht gar nicht auf.

Bezeichnenderweise liegt dies nicht am Standort der Veranstaltung. Denn zum am selben Abend stattfindenden internationalen Springturnier laufen die Ränge voll. Dagegen wird die Körung der Junghengste vor weitestgehend leeren Plätzen vorgenommen.

Aus Mangel an Interesse an den Junghengsten ist es auch üblich, dass bei der Körung ein Zuschuss für gekörte Söhne gezahlt wird, sofern dieser in den ersten beiden Deckjahren des Vatertieres gezeugt wurde. Das ist natürlich nur ein kleiner finanzieller Anreiz. Aber anders sind die Züchter nicht zu motivieren, junge Hengste einzusetzen. Der Verband macht sich Sorgen um den Zuchtfortschritt, weil Junghengste keine Chance erhalten, sich zu beweisen. Wenn ich daran denke, wie es in Deutschland mit dem Hype auf die Körsieger und Publikumslieblinge der Schauplätze aussieht, wird mir ganz anders.

Wie sieht es bei den Dressurpferden aus?

Die Disziplin der Vorführung an der Longe ist erst vor ein paar Jahren mit zu den Prüfkriterien aufgenommen worden. Anscheinend versprach man sich davon mehr auf Reitpferde-Kriterien zu selektieren, als nur spektakuläres Gangwerk im Freilauf zu sichten. Allerdings halte ich dies in der jetzigen Form für nicht nur wenig aussagekräftig, sondern vor allem auch wenig pferdeschonend.

Wer sich mit dem Thema Longieren ein bisschen befasst hat, wird entsetzt darüber sein, wenn er sieht, wie junge Hengste hoch ausgebunden durch die Kreisbahn gejagt werden.

Da heißt es immer Longieren sei ungesund. Wenn man das so sieht, was die Profis da abliefern, da kann man nur sagen: Ja, so wie das hier betrieben wird, ist es wirklich ungesund! Denn die jungen Pferde haben nie gelernt, sich auf gesunde Art auf einer Kreisbahn zu bewegen. (Für mehr Informationen hierzu empfehle ich immer gern den Longenkurs.) Den Vorführern fehlt jegliches Gespür und den Hengsten die Ruhe, um sich in der Hektik der Vorführung durch den Körper zu bewegen. Das ist nicht zum Nachahmen zu empfehlen.

Fazit

Die Frage ist ja, was kann eine Körung leisten, was der Turniersport nicht ebenso zutage bringt? Eine Frühselektion kann man der Veranstaltung zugestehen. Aber für mich persönlich ist der Maßstab, der bei der Körung (altersgemäß) an die Pferde angelegt wird, nicht hoch genug, um über eine Nutzung des Hengstes zu befinden.

Während ich auch schon Junghengste genutzt habe (die allesamt in der weiteren Ausbildung die Klasse S erreicht haben), ist es doch schwer, als Züchter eine Prognose über den sportlichen Werdegang zu befinden.

Damit meine ich nicht so sehr das Talent vorherzusehen. Dafür mag man ein glückliches Händchen haben. Die Realität des Sports zeigt aber, dass viele Hengste zuvor ausscheiden, weil das Management der Turnierkarriere mäßig ist, oder die Bedeckungszahlen den zusätzlichen Aufwand der Haltung eines Deckhengstes nicht rechtfertigen, oder das Pferd aus gesundheitlichen Gründen ausscheidet oder teuer an ambitionierte Amateure bzw. ins Ausland abverkauft werden.

Kurzum: Es kann mit einem Junghengst viel passieren und man sollte sich als Züchter (der finanziell betrachtet die Zeche zahlt) überlegen, ob solche Experimente in der Anpaarung klug sind. Der Mut zum Risiko mag hier unterschiedlich ausgeprägt sein. Der Vorteil der Nutzung eines Junghengstes sind unstrittig der größere potentielle Zuchtfortschritt und im besten Falle die positive Besprechung und Erwartungshaltung des Marktes gegenüber dem gehypten Junghengst.

 

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Die Sportleistung eines Hengstes als Selektionsmerkmal oder Wie Jungpferdearbeit nicht zur Kinderarbeit wird

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

Ein Gedanke zu „Brauchen wir noch Körungen?“

  1. Vielen Dank für diesen Artikel! Sie sprechen mir absolut aus der Seele. Hengstleistungsprüfungen sehe ich noch kritischer als Körungen, denn die letzte Änderung der Warmblut-Sportpferde-HLP in Deutschland verursacht mehr Kopfschütteln als Sinnhaftigkeit. Sie hat wohl den größten Nutzen für die FN, da mal wieder ein weiterer Gebührenfluss gesichert ist. Für denjenigen, dessen Hengst die Anforderungen nicht erfüllt, bzw „nicht die richtige Lobby hat“, bedeutet es Verlust auf ganzer Strecke, denn der Hengst erlebt einen rapiden Wertverfall und bringt im Verkaufsfalle ggfs seine Unkosten nach Hause. Eine Katastrophe für den Aussteller…

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