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Datengrundlagen und Erfolgsstatistiken für die Pferdezucht

Mit Erfolgsdaten Fakten schaffen, statt Rätsel raten. Daran müsste doch jedem Züchter gelegen sein. Dem ist leider nicht so. In der klassischen Vorgehensweise wird ein Pferd theoretisch nach Pedigree beurteilt, bestenfalls zusätzlich nach subjektiven Eindrücken aus dem Sport. Bauchgefühl eben. Nach einer Beurteilung meiner Datensätze kann ich sicher sagen, eine Überprüfung dieser Fakten ist deutlich schlüssiger.

Traditionelle Methoden

In der Pferdezucht ist es weithin verbreitet, Annahmen über die Leistungsfähigkeit von Pferden aufgrund ihrer Abstammung zu treffen. Viele Züchter vergessen meiner Ansicht nach den Blick auf das Pferd, um sich dieses Eindrucks zu bestätigen. Oder diesen gegebenenfalls anzupassen. Dies betrifft nach meiner Beobachtung insbesondere Züchter, die nicht selber sportlich ambitioniert Reiten.

Hengste, die viel decken, erhalten oft mehr Zuspruch von Züchtern. Die schiere hohe Präsenz der Nachkommen sorgt für deren vermehrte Wahrnehmung im Sport, was mit guter Leistung verknüpft zu werden scheint.

Um Leistung objektiv zu bewerten, braucht es dagegen messbare Daten. Dazu zählen Fakten über die Anzahl der Nachzucht im Verhältnis zu den Turniererfolgen dieser Nachkommen.

Die FN Erfolgsdaten geben leider nur die im Sport erfolgreichen aktiven Nachkommen eines Hengstes wieder. Dies sind, so nimmt man jedenfalls gemeinhin an, nur rund 30-50% der tatsächlich existierenden Nachkommen. Denn es präsentieren sich nur die besseren, beziehungsweise gesunden, Nachkommen überhaupt öffentlich.

Lange Zeit war es Hengsthaltern daran gelegen, die tatsächlichen Bedeckungszahlen ihrer Hengste zu verschweigen. Denn der Einzige, der wirklich weißt, wie viel der Hengst deckt, ist derjenige, der die Decktaxen einstreicht.

Den Zuchtverbänden sind in der modernen Pferdezucht die tatsächlichen Bedeckungszahlen der Hengste nach wie vor nicht bekannt.

Ein System, das es erlaubt, weltweit nachzuvollziehen, wie viele Nachkommen ein Hengst hat, ist in einer globalen Pferdezucht meiner Meinung nach unerlässlich. Da gibt es Handlungsbedarf.

Neue Technologien und neue Probleme

Dies nicht nur wegen neuer Entwicklungen im Verkauf von TG Samen und Embryonen. Denn dieses Thema bringt neue Probleme der Überprüfbarkeit. Wie viele Vollgeschwister gibt es überhaupt aus einer Anpaarung? Früher waren dem natürliche Grenzen gesetzt, diese gelten heute nicht mehr. (siehe auch: Quo Vadis Pferdezucht)

Namen und Werbung sind alles. Der Züchter Joris de Brabander gibt selber zu, den Namen Narcotique Schuttershof (sowie Narcotique de Muze II und IV) sehr bewusst gleich mehreren Stuten aus einem Jahrgang gegeben zu haben. Die Mutter Querly Chin hat allein 26 Nachkommen bei Horsetelex registriert. Dies hat Folgen:

  • Es wird schwieriger nachvollziehen, welche von den Stuten oder deren Geschwistern denn erfolgreich war.
  • Man hat automatisch den Eindruck, den Namen schon mal gehört zu haben. Die (vermeintlich eine) Stute taucht plötzlich überall im Sport und in Pedigrees auf.
  • Dieser Name wird untrennbar mit Leistung verknüpft.

Denn es reicht, dass man als Züchter den Namen oft hört, damit er sich einprägt. Die wenigsten Menschen schlagen dann eine Pedigree Datenbank auf, um nachzusehen, wie viele Pferde es denn tatsächlich von der Sorte gibt. Dieser Stutenstamm gilt aktuell als einer der erfolgreichsten Stämme weltweit – Zufall? Natürlich gehört auch Leistung dazu, aber die hohen Bedeckungszahlen schaffen eine neue Dimension von Präsenz.

Überblick behalten

Der Überblick über Nachkommenzahlen ist, nicht nur aufgrund des genannten Beispiels, ein wichtiger Faktor in der Beurteilung von Leistung.

Nur mit genauen Daten lässt sich wirklich beurteilen, wie sich Punkte wie Gesundheit, Rittigkeit und Stressverträglichkeit tatsächlich auf die Sportleistung eines Hengstes auswirken. Beziehungsweise welche Quote an Nachkommen denn schlussendlich wirklich in der Klasse S ankommen.

Vieldecker sind nur so lange eine gute Investition für einen Züchter, wie die Vermarktungschance dieser Fohlen hoch ist. Das ist der Vorsprung, den sich ein Züchter erwartet, der den Hengst nutzt.

Je mehr Nachkommen ein junger Hengst hast, desto populärer wird er irgendwann. Der Schneeball kommt aber irgendwann ins Stocken. Denn wenn eine Hengst in etwa 4-stellige Nachkommenzahlen überschreitet, stellen sich die Züchter unweigerlich irgendwann doch die Frage, ob es Sinn macht, den 1.001 Nachkommen eines Hengstes zu produzieren. Oder ob es nicht angebracht ist, einen neuen Trend zu suchen und stattdessen auf diesen Zug aufzuspringen. (siehe auch: Modetrends in der Pferdezucht)

Datengrundlage schaffen

Nach meiner Beobachtung lassen sich Züchter viel zu sehr von Emotionen leiten, statt die Fakten zu überprüfen.

Das, was viele Züchter als Fakten präsentieren, sind vielmehr die Geschichten, die sie sich selbst über Pferd und Abstammung erzählen. Das beruht weder auf einer soliden Datenerhebung noch wurden halbwegs wissenschaftlich valide Methoden hierzu angewendet.

Ich persönlich liebe Daten. Bereits bei den Bundeschampionaten habe ich mir die Frage gestellt, wie viele der jetzigen Champions wohl später im 3-Sterne Bereich wieder zu finden sind. Statt diesen Gedanken endlos auszuwalzen, habe ich Fakten geschaffen, indem ich dies anhand des verfügbaren Datenmaterials der letzten Jahrzehnte überprüft habe. (siehe auch: Bundeschampionat) Ebenso mit dem Blutanteil von den WBFSH Ranking Toppferden, der sich angeblich über die Jahrzehnte verändert. (siehe auch: Blutanteil Sportpferd)

Das ist insofern unbequem, als dass man lieb gewonnen Annahmen auch manchmal loslassen muss.

Mir widerstrebt es, zu viel in einen Glauben zu investieren, wo Wissen so leicht dabei weiterhilft, Klarheit zu gewinnen. Viele Züchter tun das aber nicht und kommen oftmals zu hoch spekulativen Schlüssen über Hengste mit vielen Nachkommen. Das ist auch der Grund, warum machen Hengste in meinen Augen gnadenlos überbewertet werden.

Vollblut im Reitsport

Die Erzählungen werden gefühlt umso wilder, wenn es um Vollblüter geht. Denn hier wird irrigerweise oft angenommen, Leistung in Rennsport und Reitsport ließen sich vergleichen. Also, dass ein leistungsfähiges Pferd im Rennsport, auch Leistungspferde für die Reitsport Disziplinen liefert.

Nach meinen Auswertungen anhand von Rennkarriere und Reitsporteinsatz von rund 2.000 Vollblütern allein in Deutschland, kann ich sicher sagen: Das ist nicht der Fall.

Die „üblichen Verdächtigen“ und Vieldecker nehmen in der Nachschau in Relation zu ihren Nachkommenzahlen (die in der Vollblutzucht immerhin für Deutschland vollständig vorliegen) eher hintere Plätze in der Rangliste von Hengsten ein, die Nachkommen für die höheren Disziplinen (ab Klasse L) im Reitsport liefern.

Und hier ist es auch interessant zu beobachten, welche Hengste Nachkommen für welche Disziplin, also Springen, Vielseitigkeit oder Dressur liefern. Weil hier die Namen der erfolgreichen Ahnen doch erheblich voneinander abweichen. Es ist also mitnichten so, dass Blut einfach nur ein Katalysator für Leistung ist, sondern durchaus disziplinspezifisch betrachtet werden muss.

Von der Tradition in die Moderne

Deswegen hilft es auch nicht, von einem Pedigree auf Leistung schließen zu wollen. Denn das ist eine denkbar veraltete Herangehensweise. Es erhöht allenfalls Wahrscheinlichkeiten sich darauf zu verlassen.

Von den Besten aus dem Sport lernen hingegen (also im Fachjargon competitive analysis) und diese zum Maßstab nehmen, ist wesentlich erfolgversprechender. Also nach Pferden zu suchen, die nicht nur besser sind als der Durchschnitt, sondern die Besten (eine absolute Beurteilung statt relativ). Und alles ist besser, als über Stellvertreter (wie Pedigree) nach Leistung zu suchen, anstatt sich den wirklichen Fakten (also Sportleistung) zu stellen.

Mit statistischen Methoden kann man jedenfalls die Erfolgsrate einer solchen Prognose nach meiner Beobachtung vervielfachen. Man muss nur den Schritt gehen, sich von den alten Methoden zu lösen und sich für die Zukunft aufzustellen.

Wer Interesse daran hat, die Pferdezucht insbesondere mit Blick auf die richtigen Vollblüter mit einer soliden Datengrundlage voranzubringen, darf sich gern mit mir in Verbindung setzen.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Leistungsselektion um jeden Preis? oder Selektion in der Pferdezucht

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2 Gedanken zu „Datengrundlagen und Erfolgsstatistiken für die Pferdezucht“

  1. Zwar beobachte auch ich den massenhaften Einsatz von jungen Modehengsten mit einigem Argwohn und bin oft enttäuscht, wenn man später, im höheren Turniersport, von den Bundeschampionatsteilnehmern nichts mehr hört. Das muss aber nicht an der Grundqualität des Pferdes liegen. Hier darf man einfach nicht vergessen, dass Top-Leistungen erarbeitet werden – von Besitzern, Reitern, Trainern, deren Lebensplänen und deren eigenem Schicksal.

    Generell kann ich die hier geäußerte Kritik an den FN-Erfolgsdaten nicht nachvollziehen.
    Zunächst heißt es im Artikel „Den Zuchtverbänden sind in der modernen Pferdezucht die tatsächlichen Bedeckungszahlen der Hengste nach wie vor nicht bekannt.“
    WIESO denn das?
    Jedes Pferd benötigt einen Abstammungsnachweis. Dort sind die Elterntiere, also auch die Väter, angegeben. Es sollte angesichts der durchaus überschaubaren Anzahl von Zuchtverbänden und mit Hilfe des Computers leicht möglich sein, die Anzahl der Fohlen eines Hengstes zu zählen.
    Weiterhin heißt es: „Die FN Erfolgsdaten geben leider nur die im Sport erfolgreichen aktiven Nachkommen eines Hengstes wieder. Dies sind, so nimmt man jedenfalls gemeinhin an, nur rund 30-50% der tatsächlich existierenden Nachkommen. Denn es präsentieren sich nur die besseren, beziehungsweise gesunden, Nachkommen überhaupt öffentlich.“
    Jetzt gibt es zwei Phänomene. Als erstes muss man hier wohl anmerken, dass so mancher Reiter ein gutes Fohlen/Pferd kauft, ohne Turnierambitionen zu haben. Diese Reiter werden aus unterschiedlichsten Gründen immer mehr. (siehe ggf. Turniersport-Statistik der FN). Ihre Pferde – egal, wie gut sie sind- tauchen also nie auf. Gerade im Springsport beobachte ich dabei zudem auf ländlichen Turnieren häufig, dass ein Pferd unter seinem Besitzer (oder der Tochter) E/ A geht. Sitzt der Reitlehrer bzw. Bereiter drauf, sieht man das gleiche Pferd im M. Die Leistungsfähigkeit der Pferde wird also gar nicht ausgeschöpft. Wie groß die Dunkelziffer an leistungsfähigen Pferden in diesen Bereichen wohl ist?

    Und als zweites: Was heißt hier leider? Genau um diese Quote „Nachkommen zu Turnierpferden“ geht es dem Züchter von potentiellen Turnierpferden, dem turnierorientierten Händler und Käufer anfangs. Gesund – leistungsfähig -mit vertretbarem Ausbildungsaufwand einsatzfähig – also grundsätzlich rittig bzw. ´bedienbar` – das zeigen die Zahlen der FN oder von Rimondo oder anderen Statistiken durchaus. Als Züchter sollte man schon schauen, ob die Chance auf ein solches Fohlen 1:2 oder 1:3 beträgt.
    In diesen Datenbanken stellt man dann halt auch fest, dass ggf. alle Embriotransferpferde einer Stute besser sind als die anderen. (Das mit der Namensgleichheit ist freilich pervers!)

    Und zuletzt sollte man als Züchter auch einen weiteren Vorteil erkennen, wenn ein Hengst viel deckt und in den Erfolgsdatenbanken aufscheint: Passerpaarungen werden offensichtlich.
    Nichts desto trotz bleibt es natürlich jedem Züchter überlassen, sich den (outcross)- Hengst seiner Wahl passend zu seiner Stute zu suchen – und das ist ja auch das aufregende dabei. Vielleicht hat er zehn Jahre später das große Los gezogen.
    mfG
    Monika

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