Die Führung von Pferden und schwarzen Schafen

In diesem Beitrag geht es um Innovationen. Oder darum, wie Management Theorien dabei helfen können, ein Pferd zu verstehen. Wie passt das zusammen?

Innovationen sind laut Wikipedia ein „willentlicher und gezielter Veränderungsprozess hin zu etwas Erstmaligem“.

Früher hieß es eher Not mach erfinderisch. Also musste es einen Leidensdruck in irgendeiner Form geben, um sich weiter zu entwickeln. Heute steht Innovation eher für für Neuheit, Wandel und Vorsprung.

Gegenseitiges Vertrauen

Wer eine neue Ball-Sportart lernt, der wird aus Erfahrung wissen; es macht mehr Spaß, wenn man die Regeln kennt. Das gilt nicht nur für Spiele, sondern auch für Politik oder zwischenmenschliche Beziehungen. Und natürlich für die Beziehung zum Pferd.

In einigen meiner bisherigen Blogbeiträge ging es darum, wie ich meinem Pferd begegnen möchte. (siehe auch: Beziehung zum Pferd)

Ich habe den Eindruck viele Menschen, und hier gerade Frauen, haben ein hohes Bedürfnis nach einem harmonischen Miteinander mit ihrem Pferd. Sie sehen es als selbstverständlich an, dass auch das Pferd seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse hat und sich uns mitteilt. Und dass etwas Positives daraus entstehen kann, wenn man bereit ist, dem Pferd zuzuhören. (siehe auch: Dein Pferd hat viel zu sagen – hörst Du zu?)

Man kann es als Reiter kaum glauben, aber das ist für nicht-Pferdemenschen gemeinhin etwas schwierig zu schlucken.

Diese Themen erläutere ich meiner so überhaupt gar nicht pferdeaffinen Familie und Freunden. Daraus ergeben sich manchmal interessante Punkte zur Diskussion. Die neueste Episode ergab sich, als mein Freund einen meiner Monologe zum Thema Pferd mit den Worten kommentierte: „Das ist ja wie bei Mitarbeitern in Konzernen.“

Partner Pferd vs Kollege

Kurz vorweg: Ich bin kein Fan davon, das Pferd zu vermenschlichen.

Einige werden vielleicht Schwierigkeiten damit haben, das Pferd wie einen Kollegen zu betrachten.

Wir stellen mal folgende These auf:

Das Pferd verhält sich in vielerlei Hinsicht menschlich, indem es ähnlichen Mustern folgt: Es möchte wahrgenommen werden und es möchte verstanden werden. Dies trifft genauso auf einen Menschen, wie auf ein Pferd, zu.

Für Innovationen braucht es…

Um Innovationen zu erzeugen, muss es eine Mischung geben aus den folgenden Elementen:

  • Einer Zielrichtung oder Anspruch,
  • einer ersten Idee,
  • einem Test, wie erfolgreich dieses Vorgehen sein könnte,
  • die Etablierung von einem Verhalten,
  • und zuletzt die Erreichung von Nachhaltigkeit.

Klingt etwas fremd, aber so in etwa lernt ein Pferd zum Beispiel in der Freiarbeit, was von ihm erwartet wird, durch freies Formen. Es beobachtet und bietet Verhalten an, um dem Anspruch des Reiters zu genügen. Wenn es damit Erfolg hat, wird es das Verhalten auf Nachfrage wieder zeigen.

So ähnlich entstehen aber auch Innovationen in Konzernen. Der fortschrittliche Manager sieht in diesen Stufen Hinweise, die auf eine gute Beziehung unter Arbeitskollegen und Entwicklungsmöglichkeiten für Innovation schließen lassen.

Für Wandel braucht es…

Um Neuerungen und Fortschritt zu erzielen, braucht es das richtige Umfeld.

  1. Sicherheit: Rückhalt und die Freiheit auch unvorhergesehene Gedanken äußern zu können, ohne gleich ausgebremst zu werden.
  2. Vertrauen: Also die Überzeugung, dass jedes gezeigte Verhalten akzeptiert wird.
  3. Raum: Für Ideen und Feedback.

Was für das Arbeitsumfeld des Menschen bekannt ist, hat auch für das Pferd Gültigkeit. Wer neue Reaktionen von seinem Pferd möchte, muss bereit sein, genau diese oben genannten Aspekte zu garantieren. Und sie so zu kommunizieren, dass eine andere Spezies sie versteht. Dazu braucht es eigentlich nicht viel. In erster Linie echte Bereitschaft etwas an der bestehenden Beziehung zu ändern oder diesen Raum für den ersten Schritt zu gewähren.

Während der Reiter keine Schwierigkeiten haben dürfte, von menschlichen Denkmustern auf Pferde zu extrahieren, dürfte es dem Büromitarbeiter ohne Bezug zum Pferd etwas schwerer fallen einzugestehen, dass beide ähnlich ticken.

Aber nur mal angenommen es wäre so…

Entdecke die Möglichkeiten!

Wie möchte ich Anderen begegnen?

Das gilt bei genauerem Hinsehen für Pferde und Menschen gleichermaßen. Zusammenarbeit auf Augenhöhe und echte Co-Kreation entsteht nur durch Offenheit für die Antworten meines Gegenübers.

Im Kern bedeutet dies Klarheit über die folgenden Fragestellungen:

  • Was traue ich meinem Gegenüber zu?
  • Habe ich Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten, um jedes gezeigte Verhalten des Gegenübers in etwas Positives umzuwandeln?
  • Wie sieht Erfolg aus und was braucht mein Gegenüber für diesen Erfolg?

Dies entsteht ganz sicher nicht durch einen Chef, der kraft seines Amtes die Anweisungen erteilt. Das ist der größte denkbare Hemmschuh. Jetzt wird auch klar, warum Konzepte wie Natural Horsemanship an ihre Grenzen stoßen.

Auf was basieren wir unsere Zusammenarbeit?

Mir war bis vor Kurzem das integrative Kompetenzmodell nach Ken Wilber komplett neu. Der Mann hat mich wirklich inspiriert. Er hat – unter anderem – festgehalten, welche Entwicklungsstufen eine Person durchlaufen muss, um sich kontinuierlich weiter zu entwickeln.

Denn Entwicklungsebenen sind wiederkehrende Elemente in allen Lebensbereichen. Sie können unterschiedlich stark entwickelt sein, lassen sich aber alle in einem Schema darstellen. Nachfolgend eine vereinfachte Darstellung, beziehungsweise der Link zum komplexeren Modell für alle Interessenten.

Bei näherer Betrachtung hat die Interaktion mit Pferden viele Parallelen.

Gewünscht ist eine Entwicklung hin zu einem wertebasierten Miteinander statt Prozessen zu folgen. Also das Pferd wirklich wahrzunehmen und nicht einfach nur eine Methode von einem Guru auszuführen. Nein, eine einfache Methode lässt sich nicht über Nacht erlernen, es muss eine Interaktion entstehen.

Was soll das alles?

Wer erlebt, wie sehr alle Teilbereiche unseres Lebens sich an diesen Entwicklungsstufen orientieren, der wird erstaunt sein, über die simple Logik hinter dieser Komplexität. Wissen ist hoch komplex. Die Möglichkeit, Wissen in Kategorien zu ordnen, ist hingegen sehr begrenzt.

Ein Konstrukt, das die Qualität von Gedanken bewerten kann? Und zugleich zulässt, dass alle Gedanken richtig sind (wenn auch nur teilweise)?

Was zunächst verwirrend scheint, hat bei näherer Betrachtung eine enorme Anziehungskraft! Ich kann nur dazu anregen, sich die Theorie dahinter einmal zu Gemüte zu führen. Das erweitert den Horizont ungemein.

Praxisrelevanz

Wie kann man die graue Theorie nun in den Stall bringen? Indem man sich bewusst fragt, was man seinem Pferd für ein Umfeld schafft. Das klingt erstmal abstrakt.

Das perfekte Umfeld für Entwicklung schafft dem Pferd:

Raum geben

Was brauchst Du eigentlich? Ich gebe Dir Raum und du darfst Dich entfalten. Raum geben zum bei mir ankommen/ bei mir sein und nachdenken über die Aufgabe.

Ego raus!

Ich stelle mein eigenes Ego ganz bewusst hintenan. Lasse mich nicht von Deiner Reaktion kränken, egal wie diese ausfallen mag.

Im hier und jetzt bleiben

Nicht in der Vergangenheit leben und Gedanken darüber machen, was alles Negatives passieren könnte. Sondern die vorangegangen Probleme bewusst ausblenden und nur auf das reagieren, was wirklich gerade passiert. Nur so gibt es eine Chance, sofort Veränderungen wahrzunehmen und nicht in den üblichen Trott zu verfallen.

Positives Bild im Kopf schaffen

Das Pferd möchte eine Lösung finden, wenn es eine Chance dazu hat. Du darfst davon ausgehen, dass es den Weg suchen wird, wenn es die Gelegenheit hat. Nicht von oben herab die richtige Lösung bereits vorgeben, sondern das Pferd selbst die Lösung ahnen und finden lassen.

Es wird solange nach einer Lösung gesucht, bis die Übung positiv abgeschlossen ist.

Gutes Gefühl geben

Das Pferd ist mir wichtig und das darf es auch mitbekommen. Gute Ergebnisse werden als solche hervorgehoben, bis das Pferd den Stolz wirklich spürt. Loben nicht vergessen!

Dem Pferd die Möglichkeit gehen, wenn es ihm nicht gefällt auch „nein“ sagen dürfen.

Nicht einmischen

Wie kannst du das Pferd dazu bringen, selbst auf die Lösung zu kommen? Auf welche Art müsstest du am wenigsten eingreifen?

Unschwer zu erkennen: Genau so möchte auch ein guter Mitarbeiter von seinem Chef behandelt werden, der persönliches Wachstum erfahren möchte. Dies geschieht ebenso wie beim Pferd ohne Rücksicht auf Hierarchie und Ego. Denn beides wäre kontraproduktiv und hemmt Entwicklung.

Fazit

Als ich mich mit dem im Management bekannten Konzept der „Misfits“ (aus dem Englischen: Außenseiter/ unpassend) auseinandersetzte, fielen mir viele Parallelen zu den Pferden auf, mit denen ich gearbeitet habe.

Mir wurde damit auch klar, warum es immer die übermotivierten Pferde sind, die bei zu enger menschlicher Führung durchdrehen. Weil sie es nicht ertragen können, in den festen Hierarchien und Strukturen eingeengt zu werden. Sie wollen sich frei entfalten dürfen; oder aus menschlicher Perspektive kreativer und selbstbestimmter sein.

Ich finde es enorm spannend, diese theoretischen Konstrukte interdisziplinär zu betrachten und meine Praxiserfahrungen mit den Pferden damit abzugleichen. Ebenso spannend und gewinnbringend, wie das Beste aus allen Sparten in die Reiterei zu übertragen.

Schwarze Schafe sind wünschenswert, denn sie bringen einige Punkte mit, die andere (Menschen und Pferde) nicht haben. Regelmäßig ist dies die Bereitschaft Dinge anzuzweifeln und sich nicht mit althergebrachten Erklärungen und Vorgehensweisen abzufinden. Das kann Prozesse erheblich optimieren.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Pferd als Spiegel oder Beziehung statt Erziehung

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

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