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Need for speed – der Sinn von Geschwindigkeit im Rennsport

Kaum ein Thema wird so kontrovers diskutiert wie schnelle Vollblut Rennpferde. Für die Vollblutzüchter sind sie als ultimatives Zuchtziel heiß begehrt, für die Warmblutzüchter eher nicht so. Dies geschieht aus verschiedenen Argumenten heraus, deren inhaltliche Berechtigung hier näher betrachtet werden soll.

Bei dem Thema Geschwindigkeit haben Warmblutreiter und Züchter meist wenig Verständnis für das Wirken der Vollblutzucht und dem Wunsch nach mehr Geschwindigkeit der Pferde. Denn sie erwarten bei einem „Mehr“ an Geschwindigkeit automatisch ein Pferd, das den eigenen Ansprüchen nicht mehr genügt.

Was hat der Warmblutzüchter vor Augen?

Ich werde auf vielfach vorgebrachte Äußerungen eingehen und deren Hintergründe erläutern.

Ist mehr Ablauf in der Bewegung nicht besser?

Ein bisschen Mehr an Ablauf übers Knie in der Bewegung wollen die Reiter und Züchter im Warmblutsektor aktuell durchaus gerne sehen. Manche Warmblutzüchter gehen davon aus, dass mehr Knieaktion die Pferde automatisch auf der Rennbahn langsamer macht. Nach dieser Annahme macht es nur Sinn, langsame Vollblüter einzusetzen, um eine bessere Bewegungsqualität bei den Nachkommen zu erhalten.

Aber ich habe schon Englische Vollblüter mit über 90Kg GAG gesehen, die viel Ablauf und einen aus Warmblutperspektive wunderbaren Bergauf-Galopp hatten. Das kann also unmöglich das einzige Kriterium sein, das die Geschwindigkeit bestimmt und ist in meinen Augen ein zu vernachlässigender Aspekt.

Wird das mit Sprintern nicht kurzbeinig?

Warmblutzüchter erwarten, dass wenn zu viel Sprinterblut in der Vollblutzucht eingesetzt wird, daraus irgendwann kurzbeinige Quarter Horse Pferde als Resultat hervorkommen. Das ist definitiv nicht mit dem Wunsch nach einem Veredler für die Warmblutzucht zu vereinbaren, der -wie der Name schon sagt- Typ und Langbeinigkeit mitbringen soll.

Mein Eindruck von Spitzenpferden im Vollblutsektor ist, dass wir uns über zu viel Quarter-Typ in der deutschen Zucht keine Sorgen machen müssen. Die Pferde sind wirklich eindrucksvolle Sportler, deren Stärken noch mehr zur Geltung kommen würden durch einen gezielteren Einsatz. Denn auch das Pferd mit den kurzen Hebeln hat seine Vorzüge im Reitpferdesektor, man muss nur wissen, wie man ihn züchterisch sinnvoll einsetzt.

Was wollen wir mit den Verlierer-Typen?

Manche Warmblutzüchter sind der Meinung, nur der absolute Spitzenathlet unter den Vollblütern sei „gut genug“ für einen Einsatz in der Warmblutzucht. Und die bekäme man ohnehin nicht, weil sie zu teuer sind, also kann man es gleich bleiben lassen. Mit den Losern will doch keiner züchten!

Ich kann an dieser Stelle versichern, dass für 99% der Reiter auch die langsamste Schnecke auf der Bahn im Durchschnitt noch bestechend schnell im Vergleich zu einem Warmblüter ist.

Ich persönlich werde nie vergessen, wie ich erstmals Tränen in den Augen hatte von der Geschwindigkeit der Beschleunigung beim Durchstartens eines Vollblüters. Da habe ich schnell begriffen, warum Jockey und Arbeitsreiter im Galopp Schutzbrillen tragen. Das ist mir in den olympischen Disziplinen noch nicht begegnet.

Und überhaupt gibt es so viele positive Aspekte des Vollbluteinsatzes, dass man auch mit auf der Rennbahn mäßig erfolgreichen Vollblütern als Sportpferd echte Chancen verpasst, wenn man ihn nur aufgrund des niedrigen GAG nicht nutzt. Manche Pferde sind einfach nicht für den Alltag im Rennstall gemacht oder scheiden aus anderen Gründen aus. (siehe auch: Aussagewert GAG)

Die wirklich guten Pferde sind ohnehin zu teuer!

Bei der Nennung der Decktaxen und Kaufpreise für Vollbluthengste schlackern den meisten Warmblutzüchter die Ohren. Aber es gibt auch Gruppe I erfolgreiche Deckhengste zu äußerst moderaten Preisen und vielfach sind Vollblutgestüte auf Anfrage durchaus offen für eine Bedeckung von Warmblutstuten. Im Natursprung versteht sich. Denn aus Hygienegründen darf in der Pferdezucht kein Frischsamenversand erfolgen, wenn der Hengst gleichzeitig im Natursprung deckt.

Wie kann man Vorbehalte abbauen?

Indem man die Hintergründe besser erklärt. Ich glaube viele Warmblutzüchter missverstehen Speed und sehen vor dem geistigen Auge Kurzstreckenpferde im Quarter-Format. Die Pferde mit viel Geschwindigkeit sind nach Meinung vieler Warmblutzüchter klein und muskelbepackt.

Der Speed im Endkampf des Rennens wird von Reiter und Züchtern in seiner Sinnhaftigkeit im Rennsport unterschätzt und missverstanden. Der Rennsport ist ein über die Jahrhunderte durchdachtes und weiterentwickeltes System zur Förderung von optimaler Leistung von Englischen Vollblütern. Jeder Schritt in der Ausbildung der Pferde baut aufeinander auf, ein bisschen wie unsere Skala der Ausbildung bei Reitpferden. Erst wenn ein Schritt gefestigt ist, wird es Zeit für den nächsten.

Woher kommt Speed?

Um es dem Vollblut-Laien zu erklären, muss ich etwas ausholen in die sportliche Förderung des Vollblüters und warum diese Reihenfolge Sinn macht.

Der Trainingsaspekt

Jedes Jungpferd aus der Vollblutzucht wird in Deutschland in der Regel erst einmal über kurze Distanzen eingesetzt. Es ist in Deutschland sogar verboten, 2-jährige über Distanzen oberhalb von 1.700 bzw. 2.000 Metern (nach dem 1. August) starten zu lassen.

Das System des Vollblutrennsports sieht Starts von 2-jährigen Pferden als Möglichkeit vor und deklariert es auch zum Optimum. Vom Jungpferd über kürzere Distanzen als erster Beweis seiner Frühreife wird der Vollblüter also erst mit der Zeit zu einem ausgewiesenen Steher.

Aber auch das hat seinen tieferen Sinn. Denn nur, wenn zweijährige Pferde bereits früh an den Rennsport herangeführt werden, können statistisch betrachtet eine gute Haltbarkeit und Gesundheit garantiert werden. Das junge Pferd passt sich optimal körperlich an die starken Belastungen an. Ein Pferd, das „zur Schonung“ erst al 4-jähriger an den Start geht, hat ein erhebliches höheres Ausfallrisiko. Dazu gibt es zahlreiche Untersuchungen.

Das klassische Rennen

Die natürlich Weiterentwicklung und Krönung des Galopprennsports ist (vor allem hierzulande) der 3-jährige, der über klassische Distanzen von 2.400 Metern besteht. Das ist der große Traum des Galopprennsports! In Deutschland werden bezeichnenderweise alle Gruppe I Rennen (also die schwersten und prestigeträchtigsten Rennen) über Steher-Distanzen ausgetragen. Damit beweist das Rennpferd seine große Klasse immer über lange Distanzen.

Aber auch als klassischer Steher muss das Pferd entgegen landläufiger Meinung genug Speed mitbringen, um siegreich zu sein. Wenn ein Pferd nicht in der Lage ist, am Ende der Steherdistanz noch einen Endkampf hinzulegen, wird es vermutlich kein gutes Rennpferd werden. Denn egal wie langsam das übrige Rennen gelaufen wurde; wirklich entschieden wird es auf den letzten Metern vor der Zielgeraden. Der unbedingte Wille des Pferdes, sich gegen die Gegner durchzusetzen, macht das bessere Rennpferd aus. Sonst wird es auf den letzten Metern eingeholt.

Der genetische Aspekt

Für die Zucht ist es wichtig zu wissen, dass ein Pferd Speed genetisch mitbringen muss. Sprinter züchtet man, Steher trainiert man; heißt es zu Recht in der Szene.

Mittlerweile kann man die Fähigkeit des Pferdes über eine bestimmte Distanz zu laufen auch per Gentest ermitteln lassen. Noch ist es nicht gelungen zu sagen, wie schnell das Pferd ultimativ wird. Das erhält den großen Reiz des Sportes.

Warum immer wieder der Fokus auf Speed?

Leistung über Generationen zu erhalten, ist die hohe Kunst des Rennsportes. Die sogenannten „klassischen Rennen“ wurden als ultimativer Test eingeführt, um zu prüfen, ob das Pferd nach dem Beweis seiner Frühreife über kürzere Distanzen bei allem Stehvermögen auch über genug Speed verfügt, um über lange Distanzen siegreich zu sein.

Warum? Nichts vergeht in der Vollblutszucht so schnell wie Speed!

Die meisten Vollblutzüchter gehen davon aus, dass wenn man nicht bewusst auf Geschwindigkeit in der Vollblutzucht selektiert, dann geht Geschwindigkeit automatisch verloren. Auch Tesio hat das geglaubt. Und es würde erklären, warum die deutsche Zucht international erst so richtig von dem klassischen Steherblut profitieren konnte, als mehr Kurzstreckenpferde eingekreuzt wurden.

Viele Länder mussten trotz teurer Importe von Spitzenpferden aus dem Rennsport feststellen, dass sie in ihrem Heimatland nicht die Qualität an Pferden selbst produzieren und ans Laufen bringen konnten. Das mag an den Aufzuchtbedingungen liegen oder an unklugen Zuchtentscheidungen, aber die Zahl der nicht erfolgreichen Ländern in der Vollblutzucht ist größer, als die der erfolgreichen Länder. Das stimmt nachdenklich.

Fazit

Bei der Diskussion um den „need for speed“ geht ein Aspekt unter, nämlich wie diffizil es ist, Geschwindigkeit in der Vollblutpopulation zu züchten und zu erhalten. Selbst mit größter Mühe in der Selektion. Lange Zeit war auch Deutschland berühmt für seine Steher und damit keine starke Orientierung auf genügend Speed, was international den ganz großen Durchbruch vermissen ließ.

Zu erwarten, dass sich diese Merkmale ausgerechnet in der Warmblutzucht wieder zeigen, halte ich für eine unnötige Sorge. Für mich klingt das ein bisschen so, wie die stete Notwendigkeit, in der Warmblutzucht Vollblut zuzuführen, sonst gehen dessen positive Eigenschaften ebenfalls mit der Zeit verloren.

Wo kommt überhaupt diese Sorge vor Kurzstreckenpferden in Deutschland her? Ich habe es im Blogpost zu Northern Dancer schon mal erklärt (siehe: Northern Dancer).

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