Das Pferd als Spiegel

Ich weiß, Pferde als Spiegel, das klingt erstmal esoterisch. So eine Aussage ist aber weder mystisch, noch kurios, sondern ganz leicht erklärbar durch die scharfe Beobachtungsgabe von Pferden. Pferde sind als Herdentiere im sozialen Miteinander geschult und nehmen feine Signale leicht wahr. Das benötigen sie, um sich sozial anzupassen und auszutauschen. Wie das beim spiegeln des Menschen hilft, darum geht es nachfolgend.

Was sieht man im Spiegel des Pferdes?

Pferde nutzen die Informationen, die sie erhalten. Das ist wohlgemerkt kein „ausnutzen“, denn sie haben dabei keinen Hintergedanken. Pferde Handeln immer im hier und jetzt. Reagieren auf das, was sie sehen und wahrnehmen.

Mit ihrer Reaktion spiegeln Pferde ungefragt den Menschen in ihrem Verhalten. Das hält dem Menschen einen Spiegel vor. Das kann einem gefallen oder nicht, denn was man da sieht, hat die Kraft einen glücklich machen oder verzweifeln lassen.

Wer ein Pferd als Spiegel begreift, kann viel über sich und andere lernen. Wer das Pferdeverhalten fein beobachtet und reflektiert, kann daran wachsen. Pferde zeigen das, was der Mensch selbst noch nicht an sich wahrnimmt. Sie sind daher perfekte Lehrmeister auf dem Weg der Persönlichkeitsentwicklung.

„Das Pferd ist dein Spiegel. Es schmeichelt dir nie. Es spiegelt dein Temperament. Es spiegelt deine Schwankungen. Ärgere dich nie über dein Pferd, du könntest dich ebenso über deinen Spiegel ärgern.“

Rudolf Binding

Wie wirkt Abwehr?

Manche Menschen sind nicht bereit, sich so in die Seele schauen zu lassen und können darauf mit Ängstlichkeit oder Ärger reagieren. Gerade wer Traumata nicht genügend überwunden hat, wird hier vorhersehbar sensibel reagieren.

Abwehr verstärkt den menschlichen Wunsch nach Kontrolle. Insbesondere die Wiedererlangung der Kontrolle über das Pferd. Das ist wiederum nach meiner Beobachtung der Grund, warum viele Pferdebesitzer, die sich überfordert fühlen, zu Dominanz-Gehabe und Natural Horsemanship greifen. (siehe auch: Kommunikation statt Dominanz)

Was kann man von Pferden über Menschen lernen?

Das Pferd spürt sofort, ob man ihm etwas vormacht. Es bemerkt, wie viel Überzeugung hinter einer Handlung steht. Die Energie, die der Mensch aussendet, ist für das Pferd leicht erkennbar.

Wie funktioniert das genau?

Das Pferd hat gelernt, in seiner Herde anderen Artgenossen auszuweichen, oder neben ihnen Spur zu halten. Pferde bewegen sich in einer Herde im besten Fall als Einheit, sehen die Bewegung der anderen Tiere voraus und korrigieren ihre eigene Laufrichtung, wo nötig, um Kollisionen zu vermeiden und unfreundlich gesinnten Tieren frühzeitig auszuweichen. Sich so zu verhalten entspricht ihrer Natur.

Welche Pferde können das gut?

Nicht alle Pferde sind gleich gut hierin, manche Sportpferde stellen sich sogar ziemlich ungeschickt an, wenn sie kein geeignetes Umfeld hatten, um an ihrer eigenen sozialen Kompetenz zu arbeiten.

Aber grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass fast alle Pferde besser im Beobachten sind, als Menschen. Selbst büffelige Pferde sind oft gerne bereit, sich auf eine höhere gegenseitige Achtsamkeit einzulassen, wenn man sie ihnen anbietet.

Bereitschaft des Pferdes

Nach meiner Erfahrung tun sich Pferde mit einem ausgeprägten sogenannten „Will to please“ (Hundezüchter kennen den Begriff) besonders leicht. Das sind kooperative Wesen, mit einem enormen Wunsch zu gefallen. Die leichter formbar sind, als andere Pferde und die Forderungen des Menschen (sofern sinnvoll) gerne umsetzen. Im klassischen FN Reiter Jargon sagt man eher Rittigkeit dazu, aber gemeint ist auch eine Prise Sensibilität.

Wer einmal darüber nachdenkt, wie oft Pferde immer wieder die von Menschen gestellten Aufgaben meistern, auch wenn sie ständig dafür korrigiert (= zurechtgewiesen) oder sogar bestraft werden. Eigentlich ist es mitunter für den Beobachter erstaunlich, dass sie es immer wieder erneut probieren, sich auf den Menschen einzulassen.

Sie bringen die Bereitschaft mit sofort wieder zu ihrem aufgeschlossenen Wesen zurückzufinden, sofern sie wahrnehmen, dass der Mensch ihnen zuhört.

Voraussetzungen für die Arbeit mit dem Pferd

Freiarbeit ist besonders gut geeignet. Notwendig dafür ist ein möglichst freier Kontakt auf einem (umzäunten) Gelände, wie einer Longierhalle oder einem Außenplatz.

Das Pferd soll die Möglichkeit haben zu reagieren. Es sollte also möglichst nicht durch Halfter und Strick oder andere Hilfsmittel eingeschränkt werden. Seine pure Reaktion ist immer gewünscht, auch wenn es sich dann gegen eine Mitarbeit entscheidet!

Jetzt wird deutlich, ob:

  • Der Mensch aus sich heraus geht?
  • Kann er sich dem Pferd gegenüber verständlich machen?
  • Sucht das Pferd seine Nähe?
  • Wie reagiert der Mensch auf Frustration, wenn das Pferd das gewünschte Verhalten nicht zeigt?
  • Ist der Umgang geprägt von Leichtigkeit oder bitterer Ernst?

Fazit

Der Spiegel des Pferdes ist sehr lehrreich, wenn man bereit ist, sich selbst zu reflektieren. Es wird ein respektvoller Umgang mit einander aufgebaut, bei dem Ängste angesprochen werden dürfen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine gute Sequenz mit dem Pferd zu einer Art gemeinsamen Flow-Erlebnis werden kann. Alles geht von der Bereitschaft aus, es wirklich zu probieren.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Was für eine Beziehung habe ich zu meinem Pferd? oder Ihr Pferd hat viel zu sagen – hören Sie zu?

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

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