Pferdefutter Auslage

Pferdefutter – Rohstoffqualität und Zusammensetzung

„Warum fütterst du das?“ Das klingt zuerst einmal nach einer Fangfrage. Aber eigentlich sollte sich jeder Pferdehalter genau diese Frage einmal stellen.
Warum soll mein Pferd dieses Futtermittel erhalten? Was erhoffe ich mir davon? Kann mein Wunsch durch Pferdefutter in Erfüllung gehen? Statt Werbeversprechen blind zu glauben, sollte man sich eine gesunde Portion Skepsis aneignen.

Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass nur wenige Pferdehalter sich die Zusammensetzung ihres gekauften Futtersacks überhaupt ansehen, geschweige denn die Frage beantworten können, was in dem Pferdefutter drin ist, das ihr Pferd erhält. Dabei gibt es auf dem Beipackzettel viel Interessantes zu lesen! Nur so kann man überhaupt die Qualität des Inhalts und die Stimmigkeit der Zutatenliste bewerten.

Das ist Vielen sicher zu viel Aufwand. Dabei muss man gar nicht alles auswendig wissen, man muss nur wissen, wo es steht und dann im Zweifel nachsehen.
„Die Industrie wird schon wissen, was sie da zusammenmischt!“ Mag man glauben. Ich erkläre nachfolgend, was für Ziele die Industrie verfolgt und warum man sich darauf leider nicht verlassen kann.

Zusammensetzung beachten!

Die Zutaten in einem Tierfutter sind laut §13(2) der Futtermittelverordnung von 1981 in der Reihenfolge gelistet, wie sie mengenmäßig enthalten sind. Der erstgenannte Inhaltsstoff ist also am meisten vertreten und der letzte Inhaltsstoff auf der Liste am wenigsten. Dies handhabt man bei Lebensmitteln für den menschlichen Verzehr genauso.

Sehen wir also einmal gemeinsam auf den Beipackzettel des Pferdefutter-Sacks!

Man findet dort Formulierungen und Zutaten wie:

  • Hülsen,
  • Spelzen, Kleie, Schälkleie
  • Nachmehl oder Grünmehl
  • Kuchen oder Presskuchen, etc.

Dies sind sogenannte Mühlennachprodukte oder Nebenprodukte. Die erste Frage, die sich dem Pferdehalter dann stellt, ist doch:

Warum steht da nicht Hafer, Gerste, Mais?

Wäre das nicht einfacher und verständlicher? Diese Formulierungen zeigen an, dass hier eine Zutat verwendet wird, die bei der Produktion eines anderen Lebensmittels anfällt. So wird Weizen-Nachmehl aus den nach der ersten Vermahlung als Rückstand anfallenden Schalenteilen des Korns durch eine nochmalige Vermahlung gewonnen.

Verwertung von Rückständen der Lebensmittelindustrie

Worüber sich viele Tierhalter nicht bewusst sind, ist, dass Nebenprodukte der Nahrungsmittel-industrie ein ganz erhebliches Entsorgungsproblem aufwerfen. Die Nahrungsmittelindustrie häuft große Mengen an Rückständen an, die für den menschlichen Verzehr nicht zu gebrauchen sind. Irgendwo muss das, was an Resten übrig bleibt, dann aber hin.

Die Verarbeitung von Nebenprodukten zu Tierfutter ist eine willkommene Lösung des Problems. Dieses Nebenprodukt-Recycling ist im gesamten Sektor der Tierernährung üblich. Industrielles Fertigfutter für Tiere existiert erst seitdem auch Lebensmittel für den Menschen industriell hergestellt wird. Das ist kein Zufall.

Aus ökologischen Gesichtspunkten ist solch ein Vorgehen sogar durchaus löblich. Denn wenn die Abfälle aus der Lebensmittelindustrie nicht im Tierfutter landen würden, müssten sie energieaufwändig als Müll entsorgt werden.

Gerade Länder mit großen landwirtschaftlichen Anbauflächen haben aufgrund der schieren Masse der Abfälle ein erhebliches Problem damit, Rückstände kostengünstig und umweltschonend zu entsorgen. Wissenschaftler werden gezielt damit beauftragt, Lösungen für das Entsorgungsproblem zu finden. Sie liefern im Anschluss Studien, die eine Unbedenklichkeit des Vorhabens für die Verfütterung an bestimmte Tiere bestätigen. Viele dieser Studien sind nur über einen kurzen Zeitraum und mit wenigen Tierarten angelegt. Die Aussagekraft darf man anzweifeln.

Es werden mit dieser Art der Optimierung gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen; denn nicht nur werden die Abfälle an den Endabnehmer weiterverkauft, statt wie zuvor teuer entsorgt, sondern darüber hinaus reduziert sich der Gesamtbedarf an dem Rohstoff, weil die zwei Wirtschaftszweige nicht direkt miteinander konkurrieren.

Oder aus Sicht des Erzeugers: Er kann an einem Produkt gleich doppelt verdienen.

Ethische Bewertungen von Abfallprodukten

Die Behauptung „Abfall“ würde zu Futter verarbeitet ist übertrieben. Müll oder Abfall sind wertende Bezeichnungen. Es muss nicht schädlich sein, wenn Nebenprodukte als Tierfutter Verwendung finden. Um dies zu garantieren, müsste über die Nebenprodukte sorgsam Wissen eingeholt werden. Sie dürften nur dann verwendet werden, wenn sie dem Tier einen Mehrwert bieten.

Schlecht wird es erst, wenn Produkte im Abfall-Recycling Verwendung finden, die für das Pferd wenig bis gar nicht geeignet sind. Bei manchen Getreidesorten wie Weizen und Roggen ist der Futterwert für das Pferd äußerst zweifelhaft. Auch exotische Zusätze wie Johannisbrotkernmehl und Traubenkernmehl lassen Zweifel darüber aufkommen, warum sie im Futter verwendet werden. Geradezu befremdlich wird es, wenn diese Füllstoffe als „wertvolle Inhaltsstoffe“ teuer vermarktet werden.

Es werden von der Industrie durchaus unnötige bis bedenkliche Bestandteile zugefügt mit dem Kalkül, in kleinen Mengen werde dies am Tier keinen Schaden anrichten. Natürlich ist die Menge entscheidend dafür, wie schädlich dieses Produkt für das Pferd ist. Solche Umstände deuten allerdings nicht darauf hin, dass man sich über die Gesundheit des Pferdes viele Gedanken gemacht hätte.

In der menschlichen Ernährung werden schließlich auch keine Sägespäne oder Hühnermist verarbeitet, obwohl der menschliche Verdauungsapparat kleine Mengen davon wahrscheinlich ohne Schaden überstehen würde.

Über welche Füllstoffe reden wir konkret?

Beispielhaft stelle ich hier ein paar häufig in konventionellen Müslis vorkommende Rohstoffe vor, die Nebenprodukte der Lebensmittelindustrie sind.

Apfeltrester

Bei rund 30-40 % der weltweiten Apfelproduktion sind die Äpfel so beschädigt, dass sie aufgrund des peniblen Verbrauchers nicht vermarktet werden können. Aus weiteren 20 % der Äpfel wird Saft hergestellt, wobei ebenfalls große Mengen an Resten anfallen. Der Wasseranteil eines frischen Apfels liegt bei rund 85 % und der Pektingehalt liegt bei 1-2 %. Im Apfeltrester sind aber bereits 15 % Pektin enthalten.

Pektin ist ein Pflanzenbestandteil (Polysaccharid), der für den Menschen als gesundheitlich unbedenklich gilt und als Ballaststoff eingesetzt wird. In der Anwendung beim Menschen ist eine darmregulierende Wirkung bekannt. Anscheinend ist Pektin auch in der Lage Bakteriengifte und krebserregende Toxine zu binden und über den Stuhl auszuleiten.

In der Industrie wird Pektin unter dem Kürzel E440 als Binde- und Geliermittel eingesetzt. Diese Eigenschaft wird mit Wasser und Zucker verwendet, um Marmelade herzustellen.

Merke: Geringe Mengen an Pektin sind für ein Pferd nach heutigem Stand der Wissenschaft unbedenklich. Die Eigenschaft Wasser zu binden, behält Pektin auch im Pferd bei. Daher wird es z.B. in Präparaten gegen Kotwasser oder zur Darmstabilisierung eingesetzt.

Johannisbrotkernmehl

Der Johannisbrotbaum ist ein immergrüner Hülsenfrüchtler und wächst vorzugsweise im mediterranen Klima auf armen Böden. Die Bedeutung des Baumes für die Verhinderung der Erderosion in trockenen Gegenden ist bekannt. Der Anbau ist also nicht mit Schäden für die Umwelt in Verbindung zu bringen.

Die am Baum wachsenden Schoten sind etwa 10 bis 30 Zentimeter lang und enthalten etwa 8 bis 15 Samen. Die Samen werden zu Pulver vermahlen, das relativ geschmacksneutral ist und frei von Gluten und Laktose. Eine Cholesterin senkende Wirkung wird angenommen und es ist ein hoher Anteil an ungesättigten Fettsäuren enthalten.

Das Fruchtfleisch (Carob) wurde früher als Mehl verwendet, während heutzutage vor allem die Samen als Bindemittel und Geliermittel (E 410) eingesetzt werden. In Portugal brennt man auch einen Schnaps namens Morango daraus. Auch eine Rolle als Viehfutter für Rinder und Ziegen wird den Schoten zugesprochen.

Merke: Aufgrund des süßen Geschmacks durch ballaststoffhaltige pflanzliche Vielfachzucker (Saccharose, Glucose und Fructose) wirkt die Schote für Pferde appetitanregend und ist in geringen Mengen in der Fütterung unproblematisch. Pferde fressen die ganzen Schoten des Johannisbrotbaums gern und sammeln die heruntergefallenen Schoten im trockenen Zustand auf, wenn sie die Gelegenheit hierzu haben. Auf meinen Reisen in Afrika habe ich die Schoten als begehrtes Leckerli für Pferde, mit ähnlichem Stellenwert wie hierzulande Karotten, kennengelernt.

Traubenkernmehl

Der Anbau von Weintrauben erfolgt bekanntermaßen vordergründig zur Kultivierung von Wein. Der Rückstand nach dem Pressen der Traube nennt sich Trester und wird zur Gewinnung von Traubenkernöl und Grappa genutzt. Danach ist der Rückstand, das Traubenkernmehl, definitiv ein Nebenprodukt. Es hat einen Restölgehalt von rund 5-10 % und kann allenfalls als Mehl in der Küche Verwendung finden.

Merke: Die Nutzung dieses Rückstandes des Traubenkernmehls in der Pferdefütterung erscheint gefühlsmäßig etwas abstrakt. Aber es gibt nichts Bedenkliches über Traubenkernmehl zu sagen. Im Gegenteil: Die Fütterung von Traubenkernextrakt (150 mg pro kg Lebendgewicht) hat in einer Studie positive Auswirkungen auf den PH-Wert der Pferdeäpfel und somit vermutlich auch auf die Bakterienpopulation im Dickdarm gezeigt. Der Grund hierfür ist unbekannt. Dies könnte bedeuten, dass Traubenkernextrakt eine sinnvolle Ergänzung, insbesondere bei großen Mengen an Stärke im Pferdefutter, ist.

Fazit

Es muss einfach einmal so deutlich ausgesprochen werden: Das Problem scheint weniger zu sein, dass es für die Futtermittelfirmen zu teuer wäre, von vorneherein eine höhere Rohstoffqualität für ihr Produkt einzukaufen. Der Grund für das Recycling ist vielmehr, dass die Entsorgung der vorhandenen Rückstände teuer und energieaufwändig ist. Was wiederverwertbar ist, landet im Tierfutter.

Das größte Problem des auf dem Markt erhältlichen Fertigfutters ist aus ernährungsphysiologischer Sicht:

  1. die Undurchsichtigkeit der Qualität der Ausgangsprodukte und
  2. die Manipulation des Verbrauchers, damit er diese Zusätze als besonders positiv wahrnimmt.

Alles steht und fällt mit der Rohstoffqualität! Die Qualität des Pferdefutters bemisst sich daran, was für Einzelfuttermittel hinein kommen.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Warum Du keine Pellets oder Müslis verfüttern solltest

Wer es anders machen und sein Futter selbst zusammenstellen möchte, dem sei mein Ebook „Futtermittelkunde für Pferde – Krippenfutter“ hierzu empfohlen.

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

Ein Gedanke zu „Pferdefutter – Rohstoffqualität und Zusammensetzung“

  1. Danke für diesen Blogbeitrag über die Zusammensetzung von Pferdefutter! Ich wusste gar nicht, dass man Nebenprodukte bei der Fütterung nicht kategorisch ausschließen muss. Das Pferd meiner Tante bekommt außerdem Johannisbrotkernmehl, ich werde ihr jetzt mal von Deinem Blog berichten und gucken, ob sie das danach vielleicht absetzt. Es gibt viele Ergänzungsfuttermittel für Pferde, da verliert man schnell den Überblick.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.