Guter Reitunterricht

Reitunterricht und die Grenzen der Lehre

Guter Reitunterricht ist etwas Wunderbares. Der Reitlehrer oder Trainer gibt einem neue Impulse und Denkansätze, formuliert Feedback und bringt den Schüler damit weiter. Das ist alles richtig. Was kann daran verkehrt sein?

Ich sehe 3 große Probleme, die man als die Grenzen der Lehre umschreiben kann:

1) Methodenhörigkeit

In meiner Wahrnehmung hat sich folgendes herauskristallisiert: Menschen mit schnellen Erfolgsrezepten bringen einen nicht weiter. Außer großen Versprechen und enttäuschten Erwartungen, wenn die Methode trotz strikter Anwendung dennoch scheitert. Es gibt aber nicht nur die eine Lösung. Es gibt viele Wege, die nach Rom führen. Wenn die Methode nicht zu dir passt, dann ist der Erfolg anderer Menschen damit für dich bedeutungslos. Spule also nicht deren Programm ab und vergesse dabei auf dein Pferd zu hören. Denn das passiert, wenn man damit beschäftigt ist, eine Methode anzuwenden, die todsicher ist.

2) Optimierungswahn

Viele Menschen versuchen ihre Methoden zu verkaufen, indem sie behaupten, man würde als Reiter nicht sein volles Potential entfalten. Wer ein bisschen Ehrgeiz hat, der spürt, wie das an einem nagt. Aber dauerhafte Selbstoptimierung kann zu Verzweiflung führen. Wer ständig nach neuen Erfolgen giert, statt sich klar zu machen, was man bereits erreicht hat, der wird nie glücklich mit seiner Leistung sein. Der Trainer/ Reitlehrer kann dich nur deswegen aufbauen, weil du der Meinung bist an dir oder deiner Reiterei müsste noch etwas optimiert werden.

3) Abhängigkeit

Mach dir bewusst, dass du als Reitschüler in einer passiven Rolle steckst. Als Reitschüler begibt man sich in eine Position der Abhängigkeit. Das wohlgemeinte Helfen kann einen Reiter daher mehr behindern als vorwärtsbringen. Denn Hilfe durch eine andere Person ist die freundliche Formulierung dafür, dieser Person die Kontrolle zu übergeben. Was machst du in der Zeit? Lernst du wirklich eigenständig zu agieren, oder befolgst du nur die Anweisungen?

Was den guten Reitlehrer ausmacht

Natürlich gibt es erhebliche Qualitätsunterschiede. Jetzt kommen wir zu dem feinen und wichtigen Unterschied: Der gute Lehrer möchte, dass der Schüler selber lernt und damit eigenständiger wird. Der seelenlose Guru möchte eine Abhängigkeit erzeugen, die dauerhaft besteht, weil sich dies finanziell für ihn auszahlt oder er sich in dieser Rolle gut gefällt.

Zugegeben: Aus lauter Angst vor Abhängigkeit von einem Reitlehrer zum Einzelkämpfer zu werden, ist jedoch keine gute Alternative!

Fazit

Das soll jetzt nämlich kein Freifahrtschein dafür sein, eigenbrötlerisch vor sich hin zu wurschteln und keine neuen Ideen anzunehmen. Ganz im Gegenteil halte ich Fortbildungen und Diskussion mit Gleichgesinnten für enorm wichtig. Reitunterricht ebenso. Ich bin überzeugt: Wer aufhört lernen zu wollen, ist alt; egal wann sein Geburtstag ist.

Reitunterricht kann hierfür den richtigen Rahmen schaffen, der feste Termin kann dich motivieren deine Reiterei ernsthafter zu betreiben und deinen Ehrgeiz zu wecken, um deine Sache gut zu machen.

Aber die Wahrheit ist: Niemand außer dir weiß, wann der richtige Zeitpunkt zum Einwirken auf dein Pferd gekommen ist. Und wenn du dir selbst nicht zutraust, das im Umgang mit deinem Pferd selbst zu erfühlen, dann wirst du dir mit deiner Geisteshaltung dauerhaft selbst im Weg stehen. Das Umsetzen der Unterstützung durch den Reitlehrer soll dazu führen, dass man Höhenflüge erlebt und weiterkommt. Das motiviert auch ungemein. Aber man darf dabei nicht dauerhaft die eigene Weiterentwicklung in die Hände Anderer geben.

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

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