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Selektion in der Pferdezucht

Einen Züchter definiere ich so, dass dieser bestrebt ist, die Qualität seiner Pferde zu verbessern. Es geht also nicht um die reine Vermehrung der Pferde, sondern eine konkrete Zielsetzung, die es zu erreichen gilt. Hierzu muss eine gewisse Auslese und Selektion betrieben werden.

Das klingt in den Ohren vieler Wendys sicher hart. Denn ein Pferd ist schließlich ein Lebewesen und möchte in all seinen Facetten wertgeschätzt werden, unabhängig davon, ob es Leistung erbringt. Das stimmt so auch. Aber für einen Züchter, der dauerhaft aktiv sein möchte, muss das Pferd einen gewissen Markt bedienen.

Nun möchte ich natürlich nicht vorschlagen, dass hierzu jedes Pferd, das das Zuchtziel nicht erfüllt oder vorzeitig erkrankt, als Ausschuss einer solchen Zucht dem Schlachter zugeführt werden muss. Das wäre ziemlich beschämend, wenn man selbst für die Entstehung des Pferdes verantwortlich zeichnet und kann nicht der Aspruch sein. Sollte es dennoch notwendig werden, so muss jeder Züchter ernsthaft überlegen, was er hätte dazu beitragen können, um dieses zu vermeiden (und dies in Zukunft umsetzen!). Auch hier gibt es selbst in Europa Länder, wo Pferdezüchter in dieser Hinsicht wesentlich rigoroser vorgehen und ihren Ausschuss deutlich weiter definieren als hier geschehen. Denn jedes Pferd, das nicht kostendeckend vermarktet werden kann, ist aus unternehmerischer Sicht Ausschuss.

Was der Markt will

Damit kommen wir auch schon zu den Regeln des Marktes, die nicht immer sinnvoll oder nachvollziehbar sind.

Fakt ist:

  • dunkle Pferde verkaufen sich besser als Füchse
  • hübsche Pferde teurer als derbe

Das mag den auf Leistung bedachten Pferdezüchter grämen, weil diese Aspekte rein gar nichts mit Leistung zu tun haben. Aber dieser Realität sollte man sich nicht verschließen.

Natürliche Auslese

Aber ohne Selektion geht es nicht. Nur Auslese bringt die Zucht voran. Wenn der Mensch nicht siebt, tut es die Natur. Was man sich vergegenwärtigen sollte, ist dass immer eine Form der Auslese betrieben wird, sei es bewusst oder unbewusst.

Was bewirkt diese Auslese?

In muslimischen Ländern, wo männliche Pferde eher zum Schlachter abwandern, wenn sie sich nicht benehmen, als kastriert zu werden, sieht man Hengste brav nebeneinander ihren Dienst als Schulpferde für Kinder tun. Das wäre hierzulande einigermaßen unvollstellbar.

In Irland ist es üblich Pferde durch Gelände zu reiten, das man durchaus als schwierig bezeichnen darf. Herausgekommen sind Pferde, die geländegängig und hart sind und auf sich selbst aufpassen. Wir mögen die Reitweise „über Stock und Stein“ verteufeln, aber in Ländern, wo sie stattfindet, gibt es nur ein Überleben für diejenigen Pferde, die hart genug sind, um das auszuhalten.

Denn die Natur selektiert immer, ob uns das als Mensch nun bewusst ist oder nicht.

Mangel an Selektion hierzulande

Mir fällt auf, dass viele Züchter zwar hohe Ansprüche an die Hengste haben. Dagegen wird mit allem was an Stutfohlen geboren wird, grundsätzlich weiter gezüchtet, ohne weitere Ansprüche zu stellen oder das Pferd unter dem Sattel zu testen.

Oder, was noch viel schlimmer ist, Ausschuss in Form von kranken Stuten in die Zucht nehmen. Stuten, die sich als gesundheitlich oder nervlich nicht belastbar genug entpuppt haben, sollten nicht im großen Stil in die Zucht kommen. Die Implikationen sind eindeutig.

Wer allerdings Online diverse Zucht Foren und Netzwerke durchsucht, wird feststellen, dass gefühlte 90% der Anpaarungen, die vorgenommen werden sollen den Hinweis der Besitzer der Stute enthalten, die Stute wäre charakterlich schwierig (oder wahlweise auch nervig, nicht belastbar, unreitbar etc.).

Jetzt kann man sagen, hey, es hat jeder eine zweite Chance verdient. Ich habe ein Faible für sogenannte schwierige Pferde. Aber trotzdem wird mir ganz anders, wenn ich solche Entwicklungen beobachte.

Mir ist natürlich bewusst, dass sich die Zusammesetzung der Züchterschaft aktuell massiv verändert weg von Landwirtschaftlichen Betrieben hin zu Hobbyreitern mit 1-2 Stuten. Ich würde mich übrigens als Letzteres auch selbst bezeichnen, das ist nicht abwertend. Aber viele Neuzüchter kennen Hengste nur aus Film und Fernsehen beziehungsweise dem Katalog des Hengsthalters. Da fehlt es grundlegend an der Auseinandersetzung mit dem Lebewesen und Sportler Pferd.

Was wir aus der Rinderzucht lernen können

Interessanterweise sind bei nüchterner Betrachtung Nutztierzüchter in Sachen genomischer Selektion und Leistungsaspekten der Pferdezucht große Schritte voraus. Gut, man kann argumentieren, dass Eigenschaften wie Milchleistung oder Gewichtszunahmen leichter zu selektieren und überprüfen sind, als Rittigkeitswerte und Springleistung (was jeder Reiter für sich nochmal anders definiert).

Anders als ein Pferdezüchter wird ein Rinderbauer aber niemals eine Kuh halten und vermehren, nur weil sie hübsch aussieht. Ein netter Charakter und hübsches Äußeres sind für Pferdezüchter hingegen durchaus legitime und hoch bewertete Merkmale. Für viele Hobby-Züchter stehen diese Kriterien durchaus im Vordergrund.

Fazit

Es muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden, ob er Schönheit zum Zuchtziel deklarieren möchte. Das sollte nur ein Beispiel sein, das mit der Leistung des Pferdes nicht in Zusammenhang steht. Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass man sich als Züchter sein Zuchtziel genau definiert und überlegt, was man erhalten möchte.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Leistungsselektion um jeden Preis? oder Die Anpaarungs-Entscheidung

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

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