Cornet Obolensky Marco Kutscher

Die Sportleistung eines Hengstes als Selektionsmerkmal

Sportleistung ist der letzte „echte“ Leistungstest in der Sportpferdezucht. Wer Leistung und Härte in seiner Zucht verankert wissen will, kommt um den Sport als Selektionsstufe nicht herum! Wie ist das Vorhandensein von Sportleistung auf höchstem Niveau von Hengsten für den Erfolg ihrer Deckkarriere zu bewerten?

Turniersport als Leistungsaussage

Weder Körstatus, Stutenleistungsprüfung, Staatsprämie noch andere Schauerfolge können stichhaltig Auskunft über die Leisungsfähigkeit eines Reitpferdes liefern. Nur die Leistung unter dem Sattel unter Sportbedingungen kann hier letzten Aufschluss geben über die Fähigkeiten eines Pferdes.

Überhaupt sollte man sich hüten in der Springpferdezucht Äußerlichkeiten zu viel Gewicht beizumessen. Denn gerade beim Springpferd scheinen manche Kriterien einer Bewertung an der Hand oder beim Freispringen womöglich gänzlich kontraproduktiv, um echte Sportler auszumachen. Denn Schönheit und Korrektheit als Selektionsmerkmale haben sich noch nie positiv auf eine Leistunggssteigerung ausgewirkt.

„Schönspringer“ sind nur äußerst selten zu Grand Prix Pferden herangewachsen. Hier wird Schönheitsidealen im Standbild und am Sprung nachgejagt, die in keiner Relation zum Sportgeschehen stehen.

Trend zu bewiesenen Sportpferden

Der Tenor der großen Zuchtverbänden ist, trotz unterschiedlicher Herangehensweisen, durchaus ähnlich. Weg von Anpaarungen mit Jung- und Modehengsten und hin zu bewiesenen, möglichst sporterfolgreichen Vererbern!

Ein interessantes Credo. Es bleibt die Auseinandersetzung mit den Gründen, warum gerade Hengste mit Sporterfolgen die Zucht weiter bringen, als ihre sportlich ungeprüften Kollegen. Schließlich war es vor nicht allzu langer Zeit noch absolut üblich, dass sich Hengste mehr über ihre Nachkommen als über Eigenleistung definiert haben.

Dennoch hat es damals einen ganz gewaltigen Zuchtfortschritt gegeben und viele Hengste dieser Zeit gelten auch heute noch als absolute Topvererber, obwohl sie nie den Weg in den Sport angetreten haben. Man denke nur an Florestan I, Weltmeyer oder Polydor. In jüngerer Zeit mag man Graf Top oder Sandro Hit aufführen, denen der fehlende Sporteinsatz hinsichtlich der Nachkommenzahl nicht geschadet hat.

Bei Hengsten mit ausgeprägter Leistungsabstammung kann dieser fehlende Leistungsnachweis im Einzelfall als nicht weiter dramatisch gewertet werden. Denn natürlich schmälert dies die Vererbungsleistung einzelner Hengste nicht per se. Der fehlende Sporteinsatz lässt erst einmal keine weiteren Wertungen über die eigene Leistungsfähigkeit oder gar deren Vererbung zu.

Contendro I ist ein prominentes Beispiel von einem Hengst, der sich zumindest nicht bis zur höchsten Klasse im Sport bewiesen hat. Man muss bedenken, dass ein Sporteinsatz wegen starker Nachfrage des Hengstes eine zusätzliche Belastung darstellt und unwirtschaftlich ist. Es weisen aber mittlerweile die ersten Nachkommen internationale Erfolge auf und rechtfertigen damit das Vertrauen in den Vater.

Sind Sportler überhaupt die besseren Vererber?

Sind Sportpferde unbedingt die besseren Vererber?

Grundsätzlich ist das keine zulässige Schlussfolgerung. Denn auch ein Pferd, das nicht sportlich gefördert ist, kann über eine herausragend gute Genetik verfügen. Das Pferd mag alle Voraussetzungen mitgebracht haben, um im Sport Erfolge einzuheimsen und schlicht nie die Chance dazu erhalten haben.

Aber das erfolgreiche Sportpferd kann als Träger einer Anlage verstanden werden. Hat ein Pferd im Sport bewiesen, dass sein Vermögen für die Klasse S reicht, hat es sich leistungsmäßig über viele andere Pferde hinweg, positiv dargestellt. Dies lässt Aussagen über Härte und Bedienbarkeit zu. Ein Pferd, das sich mit seinen Eigenarten selbst im Weg steht, oder gesundheitlich nicht belastbar ist, wird diese Ausbildungsstufe überhaupt nicht erreichen.

Da zumindest ein Teil dieser sportlichen Leistung den Genen zugeschrieben werden kann, liegt der Schluss nahe, dass gerade die Gene des Top-Sportlers für die Zucht besonders wertvoll sind.

Große Namen im Sport

Wenden wir uns nun den Hengsten zu, die es ihren Nachkommen selbst im Großen Sport vorgemacht haben. Hier fallen vor allem die langjährigen Anführer der FN Zuchtwertschätzung Don Schufro und Breitling W auf, oder im Springsektor Stakkato und Cornet Obolensky. Aber die Liste ließe sich mit Levisto Z, Sandro Song, Catoki, Chacco-Blue, Balou du Rouet, Clinton I, Quintero la Silla und im Dressursport mit Briar, Damon Hill, Lancet, Axis, Desperados und Belissimo M auch endlos weiter fortsetzen. Tatsächlich ist der Anteil an Hengsten unter den Sportpferden in den letzten Jahren weiter ansteigend.

Natürlich gibt es auch genug Top-Sportler unterschiedlichster Abstammung, die bislang züchterische Bedeutungslosigkeit erfahren. Als Beispiel seien Olympiasieger Hickstead, sowie die international erfolgreichen Opium VS, Gavi, Cyrano de Bergerac oder in der Dressur Solero TSF, Le Noir oder Olympiateilnehmer Quando-Quando genannt. Vielleicht erfährt der ein oder andere von ihnen noch einen Aufschwung, bislang jedoch zeigt sich hier viel ungenutztes Potential.

Pflicht für die züchterische Nutzung ist nämlich auch ganz klar die finanzielle(!) und ideelle Förderung und Vermarktung eines Hengstes durch dessen Besitzer. Es ist nämlich nicht so, dass internationale Erfolge automatisch gleichbedeutend wären mit starker Nachfrage dieser Hengste durch die Züchter.

Sportleistung allein wird in den seltensten Fällen gewürdigt, es muss getrommelt werden!

Verfügbarkeit trotz Sportleistung

Eine Problematik bei der Nutzung von sporterfolgreichen Hengsten ist sicher die teils schwierige Verfügbarkeit der Top-Hengste für die Zucht zu aktiven Zeiten. Gerade Eigenleistungsmillionaire wecken Hoffnung auf eine gute Vererbung. Aber dennoch haben viele solcher Hengste zur aktiven Zeit (noch?) nicht den ganz großen Durchbruch erfahren und stoßen immer wieder auf kritische Stimmen aus Züchterreihen. Denn trotz unstrittigem Eigenleistungsnachweis fehlt hier die Nachkommenleistung in hoher Dichte, wohl auch schlicht mangels Masse.

Denn natürlich ist der Sport erst einmal Selbstzweck und die Hengste sind in ihrer aktiven Zeit oft nur zeitlich begrenzt oder lediglich über TG für Züchter verfügbar. Diese Entscheidung ist für den Besitzer des Hengstes nachvollziehbar, denn im Sport ist im Regelfall mehr Geld zu verdienen als in der Zucht.

Die Forderung Hengste mit klarer Leistungsaussage zu nutzen, kann also durchaus an die Grenzen des Machbaren stoßen. Es ist aber so oder so nur natürlich, dass Züchter versuchen die Einschätzung zur Leistungsfähigkeit eines Sportlers bereits beim jungen Hengst vorzunehmen. Schließlich werden die Hengste nicht von heute auf morgen zu hervorragenden Sportlern und Vererbern, sondern werden erst mit ihrem Erfolg gemeinhin als solche erkennbar.

Selektion auf Sportleistung nur auf der Vaterseite?

Leichter umzusetzen ist eine strikte Leistungsselektion durch Sporteinsatz aus Züchterperspektive immer auf Vaterseite. Gerade bei den Hengsten hat sich in den letzten Jahrzehnten ohnehin eine deutliche Verschiebung in Richtung Sporteinsatz ergeben.

War es früher absolut unüblich Hengste im Sport zu verschleissen, wo sie doch auf dem Gestüt schon genug gefordert wurden, so muss heutzutage Eigendarstellung im Sport als Werbung für Vererberqualitäten genutzt werden. Nur aboslut überragende Individuuen können sich dem Sport heute fernhalten und vom Züchter ungestraft davonkommen. Jeder andere Hengst wird in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, wenn ihm die entsprechende Eigendarstellung fehlt.

Während bei der Dressurpferdezucht in Deutschland erschreckend viele Junghengste zum Einsatz kommen, sind Springpferdezüchter konservativer, was die Eigenleistung der Vatertiere angeht. Grundsätzlich ist ein Hengst der selbst internationale Platzierungen vorweisen kann, begehrlicher als ein Junghengst mit einem guten Pedigree. Weil der Alte schon bewiesen hat, dass er selbst kann, was man von den Nachkommen noch erwartet.

Talent naturgegeben oder gemacht?

Nun stellt sich die Frage, ob all diese Leistung naturgegeben war oder vom Menschen gemacht? Wie in allen Gebieten rund um die Pferdezucht ist der Einfluss von Umwelt (meist in Form des Reiters) sehr hoch.

Studien an Rennpferden legen nahe, dass die Genetik höchstens 20% Einfluss auf die Leistung eines Rennpferdes hat. Dagegen bestimmt über 80% die Umwelt (Trainer, Jockey, Aufzucht etc.) des Pferdes.

Im Reitsport dürfte der Umwelteinfluss noch höher sein. Der Einfluss von Gesundheit, Aufzucht, Reiter und Management können nicht überbetont werden. Das entscheidet über die Zukunft eines Pferdes. Die Interaktion von Pferd und Reiter sind extrem wichtig für eine gute Sportleistung!

Wie ist der Vorwurf der „gemachten Sportler“ zu werten? (Siehe auch Artikel: Der Vorwurf des gemachten Sportlers)

Jedes Springpferd im Topsport ist in meinen Augen letztlich „gemacht“. Es ist durch sorgsame Förderung seiner Anlagen erst in die Lage versetzt worden, in die Klasse S aufzusteigen. Das ein oder andere Sportpferd mag mehr Glück mit seinem Reiter gehabt haben. Aber die gemeinsamen Erfolge kann man ihnen nicht nehmen!

Wertvolle Statistiken

Aber man sollte sich vor einem verfrühten Urteil in Acht nehmen. Deckhengste werden sich leichter tun, aus großen Nachkommenzahlen gute Sportler zu rekrutieren, als aus wenigen Bedeckungen. Alleine schon, weil mehr über ihre Vererbung bekannt wird und somit zu welchen Stuten der Hengst passt. Masse produziert eben manchmal auch Klasse.

FN Erfolgsdaten

Ein beliebtes Mittel zur Überprüfung der Erfolge der Nachzucht ist die Quote an S-erfolgreichen Nachkommen im Springsport über die Daten der FN. Dies funktioniert aber nur für Hengste, die bereits volljährige Nachzucht haben.

Die Quote an S-Springpferden in der Nachzucht als Selektionskriterium kann jedoch alles und nichts aussagen. Je nachdem was man ihnen für einen Wert beimisst!

Zahlen unterhalb von 10% der sporteingetragenen Nachkommen sollten den Springferdezüchtter stutzig machen. Zumindest bei Hengsten, die aufgrund ihres Alters genügend volljährige Nachkommen haben. Oberhalb von 10-15% fangen die Topvererber an, was sich bis hin zu Spitzenwerten um 30% (Cornet Obolensky) steigern kann.

Vorsicht sollte man bei ausländischen Hengsten walten lassen, die zahlenmäßig mit nur sehr wenigen Nachkommen im Jahrbuch vertreten sind. Da gibt es Potential für Fehlschlüsse, weil in erster Linie bessere Pferde importiert werden und somit die S-Quote verfälschen. Die Bedeckungen in Deutschland durch ausländische Hengste sind meist den Elitehengsten vorbehalten. Diese werden auch nur von stark leistungsorientierten Züchtern vorgenommen. Somit steigen die Chancen Nachkommen eines ausländischen Hengstes in der Klasse S anzutreffen.

WBFSH Ranking

Andere Statistiken, wie das WBFSH Ranking, setzen die Anzahl der nachkommen nicht in Relation zu den erzielten Erfolgen. Denn die Punktevergabe erfolgt hier pro Platzierung der Nachkommen eines Hengstes. Dieses System bevorzugt somit Vieldecker mit reichlich Nachkommen im Topsport. Ein Vorteil gegenüber den FN Erfolgsdaten ist jedoch, dass wirklich nur internationale Prüfungen herangezogen werden. Damit bietet das WBFSH Ranking eine anspruchsvollere Vergleichsgruppe was das Niveau der Parcours angeht.

Darf es noch mehr sein?

Für wirklich stark leistungsorientierte Züchter ist selbst der Aussagewert dieser Zahlen noch nicht hoch genug. Denn die Klasse S im Springen beginnt bereits bei 1.35m und geht bis zu 1.60m Prüfungen. Daher werden von manchen Züchtern erst Platzierungen ab S*** wirklich als aussagekräftig empfunden. Wobei ich persönlich denke, dass auch Hengste, die es sportlich nicht bis ganz oben geschafft haben als Vererber ihre Berechtigung haben können.

Bei der Beurteilung der Sportleistung stellt sich immer auch die Frage nach den Rahmenbedingungen. Hier zählt insbesondere dem Berittt, der zu solchen Leistungen geführt hat. War ein Profi im Sattel, dem reiterlich großes Fingerspitzengefühl bescheinigt werden kann? Oder war es ein Amateur, der neben seinem Beruf eine handvoll Pferde im Sport vorstellt?

Die Erwartungshaltung dürfte unterschiedlich ausfallen. Wobei hiermit nicht unterstellt werden soll, dass die Leistung unter einem Topreiter weniger wert wäre. Denn schließlich kann man nur jedem Pferd einen Idealberittt wünschen!

Die Verantwortung eines Züchters

Die Selektion auf Sportleistung kann auf vielfältige Art und Weise dazu beitragen eine Zucht leistungsorientierter werden zu lassen. In welcher Form dies stattfindet, liegt in der Hand eines jeden Züchters. Denn nicht jede selbst gezogene Stute kann vom Züchter in den Sport gebracht werden. Nicht jede Stute wird nach einem intensiven Sporteinsatz (womöglich bis zur Klasse S) noch problemlos aufnehmen und Fohlen austragen. Diese Doppelbelastung darf nicht unterschätzt werden!

Daher muss jeder Züchter nach seinen finanziellen Möglichkeiten und Idealismus entscheiden, was im Rahmen des Möglichen liegt. Stuten sollten in jedem Fall auf ihre Sport- und Zuchttauglichkeit hin geprüft werden. Denn nur die besten Stuten gehören in die Zucht!

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Von verhinderten Sportpferden oder Wann kann man einem Pferd Härte zusprechen?

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

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