Bailando

Sportpferde optimal trainieren

Gutes Training erhält die Beweglichkeit und verbessert das Wohlbefindens des Sportpferdes. Aber eine vernünftig durchdachte Pferdeausbildung kann noch viel mehr. Wenn der Reiter dafür Sorge trägt, dass sein Sportpferd gemäß seinen Möglichkeiten gefördert wird, steht ihm ein leistungsstarker Sportler zur Verfügung.

Aber was, wenn es irgendwo klemmt?

Beschäftigen Dich Probleme wie:

  • Dein Pferd legt keine Muskulatur zu
  • Dein Pferd wehrt sich gegen Deine gut gemeinten Maßnahmen
  • Dein Pferd läuft in unschöner Form und weigert sich, eine Dehnungshaltung einzunehmen

Das haben vermutlich viele Reiter schon erlebt. Daher möchte ich auf diese Aspekte näher eingehen und Dir zeigen, was Dein Pferd Dir damit sagen möchte.

Muskulatur

Die meisten Reiter halten inne, wenn sie bemerken, dass ihr Pferd keine Muskulatur aufbaut. Was ist da los? Braucht das Pferd anderes Futter? Oder anderes Training?

Viele Reiter sind in permanenter Sorge um einen Mangel an Muskulatur ihres Pferdes. Insbesondere die schwach ausgeprägte Rückenmuskulatur ihres Pferdes ist ein ständiger Stein des Anstoßes.

Eine ganze Industrie und insbesondere Anbieter von Zusatz-Pülverchen verdienen gut daran, den Eindruck zu erwecken, dass Muskelaufbau nur durch ihr Produkt ermöglicht wird. Denn alle die Sorgen um das richtige Training sind vorüber, wenn durch eine kleine Zufütterung das Problem in kürzester Zeit behoben werden kann.

Die unangenehme Wahrheit ist; wenn das Grundfutter stimmt, braucht es all diese Wunderpulver in der Regel nicht. Es tut mir leid mit dieser Aussage in aller Deutlichkeit Hoffnungen zu zerstören.

Das eigentliche Problem ist auch nicht der lange Rückenmuskel, der angeblich den Reiter trägt und an dem in Reiterkreisen permanent herumgedoktert wird. Das eigentliche Problem ist ein Pferd, das nicht gelernt hat, die schiebende Kraft aus der Hinterhand genügend mit der Vorhand abzufedern. Die Vorhand wird überdies nicht sinnvoll als Stoßdämpfer genutzt und deswegen latscht das Pferd permanent auf der Vorhand.

Jetzt kann man sich als Freizeitreiter sagen, das ist halb so schlimm, ich muss ja keine Spitzenleistungen abrufen können. Aber der Verschleiß des Pferdes ist so vorprogrammiert. Verschleiß entsteht nur manchmal als Folge eines Unfalls und oftmals als Folge einer schleichenden Fehlhaltung. Das Problem ist, das Reiter Letzteres weniger eindeutig identifizieren können. (siehe auch: Trageerschöpfung oder Hunter’s Bump)

Wehrhaftigkeit

Unter Reitern ist es eine durchaus verbreitete Empfehlung, ein Pferd (statt es zu reiten) für den schnellen Muskelaufbau über Cavaletti zu longieren. Das ist sicher ein gut gemeinter Ratschlag, um das Pferd aus der tragenden Rolle zu befreien. Das führt aber nach meiner Beobachtung dazu, dass allerorten wie zu Paketen verschnürte Pferde ausgebunden über Stangen gejagt werden. In der Hoffnung, dass nun endlich der Rückenmuskel wächst. Damit man danach weiter machen kann wie bisher. So funktioniert das leider nicht.

Das verschnürte Paket kann sich nämlich in dieser Verfassung kaum bewegen, ganz sicher nicht dehnen, geschweige denn seinen Körper spüren. Das löst das Problem der Anspannung oder einen Mangel an Muskulatur nicht. Der Rückenmuskel muss nämlich schwingen können, um zu wachsen. Und überhaupt macht es keinen Sinn, die Rückenpartie losgelöst des restlichen Pferdekörpers beurteilen zu wollen.

Denn wenn man genau hinschaut, erkennt man oft, dass die Hinterhand nach hinten heraushebelt, der Rücken verspannt ist, der Hals nicht als Balancestange genutzt wird. Dann kann aber auch der Rückenmuskel nicht schwingen. Das ist keine „Anstellerei“ des Pferdes, sondern eine anatomische Unmöglichkeit.

Andererseits gilt es im Training die Warnsignale des Pferdes frühzeitig zu bemerken, um auf gesunde Bewegungsmuster gegensteuern zu können. Ein Pferd mit Trageerschöpfung verspannt zum Beispiel den stark ausgeprägten Unterhals und die schwache Bauchmuskulatur. Die oberen Strukturen von Rücken und Nackenband sind passiv und hängen durch, statt in einer positiven, gebogenen Grundspannung „trägt“ eine Kompensationsstruktur. Dies sehen zu lernen, ist der erste Schritt in eine gesündere Haltung.

Das Pferd muss in diesem Zustand erst einmal lernen, einen Reiter zu tragen, ohne daran Schaden zu nehmen. (siehe auch: Trageerschöpfung)

Unschöne Form

Ohne Muskulatur fällt es dem Pferd schwer, sich in einem gesunden Muster zu bewegen. Das Wehrhafte macht das Pferd also auf keinen Fall aus Absicht, um seinem Reiter zu missfallen, wie gerne unterstellt wird.

Für eine gute Dehnungshaltung müssen schon ein paar Komponenten zusammenkommen. Die Hinterhand muss aktiv sein, das Pferd soll den Hals nach vorn dehnen. Die Dehnungshaltung ist ziemlich anstrengend, wenn sie vom Pferd richtig umgesetzt wird. Sie ist somit ein eigenes Ausbildungsziel. Also keine Übung, die mal eben schnell erreicht oder gar erzwungen werden kann.

Wer dem Pferd also Freiheit bezüglich seiner Körperhaltung lässt, darf nicht über das Ergebnis enttäuscht sein. Der Reiter sollte anzunehmen lernen, was der jetzige Trainingszustand ist und das Beste daraus machen.

Das Pferd wird sich ganz „nackt“ an der Longe, also nur mit Kappzaum ausgestattet, zu Beginn frei machen und sich herausheben. Kurzum: Das Pferd kann zu Beginn seine hübsche äußere Form verlieren. Das verärgert manche Reiter. Das Pferd muss sich aber derart ausbalancieren und es ist ihm egal, wie es dabei aussieht. Es versucht Funktionalität herzustellen.

Die Arbeit der Longenführers besteht in der ständigen Korrektur und sehr feinen Beobachtung der Qualität der Bewegung. Nur so hat das Pferd eine Chance, sich dauerhaft in eine gesunde Form zu laufen und lernen, diese von selbst einzunehmen und später auch über längere Zeiträume zu halten. Richtig gute Longenarbeit ist für Pferd und Reiter genauso schwer zu erlernen, wie richtig gutes Reiten.

Die große Frage ist doch: Was macht eine korrekte Haltung aus und wie bringt der Reiter sein Pferd dorthin?

Back to Basics

Ungezwungene Haltung

Der erste Schritt ist für mich, egal ob Korrektur oder Remonte, immer der Weg zurück zu einer ungezwungenen Haltung. Die freie Haltung ist notwendig, zur Widerherstellung des natürlichen Gleichgewichtes. Das Pferd wird sie in Freiarbeit automatisch einnehmen. Das ist seine jetzige natürliche Form. Das Optimum sieht dann schon mal anders aus.

Woran erkennt man, dass man auf dem richtigen Weg ist?

Eine bessere Haltung geht einher mit:

  • fließenden Bewegungen,
  • aktiver Hinterhand,
  • von hinten nach vorne durch den Körper getragenen Bewegungen,
  • die federnd durch die Vorhand aufgenommen werden.

Diese Anzeichen der Lockerheit stellen sich aber auch bei bester Absicht nicht über Nacht ein. Auch daran muss bei einem schlecht bemuskelten Pferd vermutlich gearbeitet werden.

Finger weg von Hilfszügeln!

Der Einsatz von Hilfszügeln jeder Art ist ein gern gewählter Ausweg, um das Pferd „in Haltung“ zu bringen. Das ist aber kontraproduktiv, wenn man nicht sehr genau weiß, was man da tut. (Und dann braucht man keine Hilfszügel, sondern Zeit und Geduld.)

Denn das Pferd wird durch Hilfszügel unbeweglich gemacht und in einer unbequemen Haltung fixiert. Das provoziert Verspannungen der Muskulatur. Losgelassenheit ist so nicht zu erreichen. Das Pferd lernt auch nicht, dauerhaft eine für sich gesunde Haltung einzunehmen, sondern weicht wieder aus, sobald es die Gelegenheit hat. Es kann auch gar nicht anders, um seine Balance zu halten.

Der Hilfszügel suggeriert daher, durch die ansprechende äußere Form des Pferdes, einen Trainingszustand, der nicht reell erreicht worden ist.

Fazit

Mehr Wissen unter Reitern über die körperlichen Möglichkeiten und Grenzen des Pferdes ist notwendig. Eine gute Form des Pferdes zu erreichen ist für mich aktiver Tierschutz und Weiterbildung hierzu unerlässlich.

Ein besseres Verständnis für den Pferdekörper schafft aber auch Möglichkeiten der Leistungsoptimierung und Stärkung des Pferdes, dies sowohl zur Schadensvermeidung als auch zur Rehabilitation. Erkrankungen am Bewegungsapparat können vermieden werden, wenn der Reiter für Warnsignale am Pferd entsprechend sensibilisiert ist.

Da ist genaues Hingucken gefragt. Darüber hinaus sollte man im Hinterkopf behalten, dass das Pferd immer Sportpartner und Lebewesen gleichermaßen ist. Seine Bedürfnisse zu berücksichtigen, hat für einen guten Reiter immer höchste Priorität.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Exterieur und Leistung oder Muskelfasertyp und Sportleistung

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

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