Weide statt Stehtag

Stehtage sind Mist!

Stehtage, so hat mir der Stallmeister früher immer erzählt, sind zur Erholung des Pferdes gedacht. Deswegen gab es früher auch Stehtage, am liebsten montags nach einem anstrengenden Turnierwochenende. Probleme wie Kreuzverschlag und Muskelkater waren die Folge. Ich weiß also ehrlich gesagt nicht, warum ein Titel wie „Was der Stallmeister noch wusste“ ein solcher Erfolg geworden ist. Nicht alles was Tradition hat, ist eine gute Idee.

Tierärzte mit Fachwissen aus Lehrbüchern von anno dazumal verschreiben auch heute noch kranken Pferden Stehtage. Ich sehe das mit Sorge und bin davon total abgekommen.

Wann schadet Bewegung wirklich?

Nach meine Dafürhalten nimmt das Pferd stehend so viel Schaden, dass es kaum Krankheiten gibt, die ein Einsperren rechtfertigen. Das ist für mich wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Selbst mit Angussverband oder sonstigen wild aussehenden Verbänden fliegen meine Pferde raus. Solange alle Beine dran sind.

Das habe ich mir übrigens nicht ganz allein ausgedacht, sondern unter anderem aus großen Vollblutgestüten abgeschaut. Da stehen Werte auf der Weide, da schlackern selbst Pferdetussis mit Sponsoring der Eltern mit den Ohren. Die Pferde werden aber weder in Watte gepackt, noch auf Einzelpaddocks. Sondern fliegen gemeinsam raus. Bei Wind und Wetter. Das ist Kalkül, denn dadurch wird die Gesundheit robuster. Zu viel Pampern bringt einfach nichts!

Mit besten Ergebnissen.

Das ist auch leicht zu erklären: Alle Wunden heilen bei intaktem Stoffwechsel und leichter Bewegung besser als ohne ebendiesen. Der Hufmechanismus, die Verdauung, die Atmung und natürlich die Seele leidet, wenn ein Pferd steht. Das lässt sich gar nicht vermeiden. Es muss also schon grobe Verletzungen haben, bevor Boxenhaft die schlauere Alternative ist.

Wundheilung

Ich habe mir schon so oft von Tierärzten angehört, dass die Wundheilung meiner Pferde schneller als erwartet voranschreitet. Sie ahnen dabei nicht, dass ich mich über ihre Ratschläge zur Boxenruhe in vielen Fällen hinwegsetze.

Dagegen höre ich mehrfach, dass die eingesperrte Kreaturen ein Sammelsurium an Defiziten entwickelt, wenn die Kette erst einmal anfängt. Es reißt immer das schwächste Glied, aber durch die Lahmlegung des Pferdes entstehen nach meiner Beobachtung nur neue Baustellen.

Kinderersatz

Ich beobachte auch ein bedenkliches Phänomen. Viele (zumeist weibliche) Reiter entwickeln einen ausgeprägten Pflegetrieb und verfallen in mehrfach tägliche Pflegemaßnahmen. Wenn man sie darauf hinweist, ob das Pferd auf der Weide nicht viel besser aufgehoben ist, gibt es 1.001 Ausrede, warum sie unbedingt weiter die Versorgerrolle übernehmen müssen.

Manchmal beschleicht mich der Eindruck, die tatsächliche Genesung des Pferdes steht nicht wirklich im Vordergrund der Bemühungen. Zu viel Zuspruch und Mitleid aus dem Umfeld erhält so manch eine Person aus dieser Situation. Zu gut fühlt es sich an, gebraucht zu werden.

Man hört es vermutlich zwischen den Zeilen, ich halte nicht viel von solchen Eitelkeiten. Bei mir steht das Pferd im Vordergrund der Betrachtungen. Und das möchte ein möglichst artgerechtes Leben führen.

Wohlfühlbox?

„Ich höre so oft, mein Pferd fühlt sich in der Box wohl, das will gar nicht raus!“ Das sind oft auch die Besitzer(innen) die sich über das Wiehern ihres Pferdes zur Begrüßung -im Tausch gegen Leckerlis- unbändig freuen. „Der freut sich so, wenn der mich sieht!“ (Wen wunderts, das arme Tier hat ja auch 23 Std am Tag sonst keine Abwechslung.)

Das ist nach meiner Beobachtung in der Vielzahl der Fälle sehr vermenschlichend gedacht.

Das Fehlen von Unmutsäußerungen hat mehr mit Charakter und Erziehung zu tun, als mit echtem Wohlbefinden. Pferde haben die Tendenz entwickelt, sich in ihr Schicksal zu fügen und „Umgänglichkeit“ steht als Zuchtziel hoch im Kurs.

Das Pferd hat allein mehrere hundert Kilo Darm und Eingeweide, die getragen gehören. Für Pferde ist Stehen auf Dauer daher eine echte Tortur. Ihr Bewegungsapparat ist auf dauerhafte Fortbewegung ausgelegt. Daran ändert auch freundlicher Benimm nichts.

Wildwest-Verhältnisse will hier niemand

Klingt das zu rustikal? Ich bin kein Fan von Experimenten an meinen geliebten Pferden. Ich greife auf die Schulmedizin zurück, weil es sich für mich bewährt hat. Das darf man aber durchaus mit profunden Kenntnissen und ein bisschen Mitdenken ergänzen.

Die Praxiserfahrung zeigt mir, dass viele Pferdehalter sich niemals trauen würden, der Natur die Heilung zu überlassen. Manchmal ist das aber schlicht sinnvoll. Wenn man ein Pferd mit Sehnenschaden auf die Weide stellt, regeneriert es sich meist von ganz alleine. Doktor Gras und Doktor Sonne regeln das, heißt es im Volksmund nicht ganz zu Unrecht. Die Ergebnisse, die ich bei anderen Reitern unter Ausschöpfung aller tiermedizinischen Finessen beobachte, überzeugen mich deutlich weniger.

Auf die Weide entlassen

Zugegeben, manchmal habe ich bereits mit gerunzelter Stirn den ersten Bocksprüngen von rekonvaleszenten Pferden zugesehen. Da war ein Stoßgebet schon mal ganz angebracht. Vielleicht ist ganz wegzuschauen sinnvoller. Ganz ehrlich, wer beobachtet seine Pferd schon 24/7 am Tag? Wer weiß schon, was die sonst noch so treiben? Ein bisschen mehr Vertrauen in die Kräfte der Natur wäre angebracht.

Wenn ich mir ansehe, wie Pferde Toben, die allein in der Box zurückgelassen werden, während alle anderen Stallpartner auf die Weide gehen und das auf viel engerem Raum. Was soll das bringen? Frust und Verletzungen? Dann lieber das kranke Pferd bei der Gruppe belassen, ein paar Minuten tief durchatmen und dann hat sich das Gröbste meist schon getan. Ein Pferd nicht aus den üblichen Abläufen rauszunehmen, entspannt alle Parteien.

Meine Sichtweise ist eindeutig: Bewegung hält Pferde gesund. Einsperren ganz sicher nicht.

Ich beobachte in meinem Umfeld viele Unbelehrbare, die ihre Pferde mit den unterschiedlichsten Diagnosen (meistens Bein oder Rücken) auf tierärztlichen Rat hin stilllegen und „alles menschenmögliche Tun“. Mit verheerenden Folgen; viel Geld und wenig Genesung später ist man ratlos. Man hat doch alles getan!

Was macht Bewegung?

Ich glaube es wird viel falsch verstanden. Natürlich hängt es sehr individuell davon ab, von welcher Art von Erkrankung wir hier reden. Manche Erkrankungen erlauben nur die Stilllegung des Pferdes.

Die steigende Tendenz von Atemwegserkrankten und lahmen Pferden macht mich traurig. Hier haben Pferdebesitzer oft Entscheidungen zu Ungunsten ihrer Pferde getroffen. Wenn ich mir anhöre, dass Solekammer für Pferde der neue Hit sind bei Atemwegsproblemen, wird mir ganz mulmig. Wie wäre es stattdessen mit mehr Weidegang (auch im Winter)? Um Ursachen zu bekämpfen, statt der Symptome. Am besten noch, bevor der Schaden entsteht.

Beweglichkeit wiederherstellen

Natürlich gibt es Phasen, in denen Pferde schonend belastet gehören. Vielleicht auch nur an der Hand bewegt werden sollten.

Die Idee im Kopf von vielen ist, sobald das Pferd beweglicher ist, bewege ich es mehr. Der Trugschluss ist, durch die Bewegung kommt der Raumgriff, nicht umgekehrt. Also auch mit leichten Schmerzen kann vorsichtig gearbeitet werden. Sinnvoll natürlich und mit viel Fingerspitzengefühl. Die Herstellung von Takt bei wenig Schwung in der Bewegung hat dabei höchste Priorität, also untertourig und möglichst idealen Bodenverhältnissen. Danach steht bei größeren Problemen noch Reha auf dem Plan, mit der Unterstützung von Physiotherapie kann hier viel erreicht werden. Maßvolle Bewegung ist das gesündeste, was ein Pferd tun kann.

Wann ist Vorsicht geboten?

Das Schmerzgedächtnis des Pferdes sorgt dafür, dass es sich nicht viel bewegt, wenn es Schmerzen hat. Schwierig wird es also, wenn gleichzeitig Schmerzmittel verabreicht werden und das Pferd rauskommt. Oder andere Pferde es piesacken, wenn es nicht auf voller Höhe ist.

Aber auch hier kann man durch kleine abgetrennte Flächen oft dafür sorgen, dass die Pferde ein Gefühl von Freiheit und Zusammengehörigkeit mit ihrer Herde erleben, ohne komplett eingesperrt zu sein.

Fazit

Bitte allzeit raus mit den Pferden! Weder das Wetter noch die Gesundheit sind gute Gründe, um auf den täglichen Weidegang zu verzichten. Pferde genesen am besten an der frischen Luft. Ein Stehtag (oder gleich mehrere) sind hierzu eher hinderlich.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Zusammenhang zwischen Haltungsbedingungen und Krankheit oder Hatte Ihr Pferd eine gesunde Aufzucht?

Zum Newsletter anmelden für mehr Informationen rund um den Blog!

Feines Reiten auf motivierten Pferden: Erfolg durch pferdegerechte Ausbildung und Haltung

Price: EUR 24,90

4.6 von 5 Sternen (30 customer reviews)

21 used & new available from EUR 16,20

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

Ein Gedanke zu „Stehtage sind Mist!“

  1. Ich lese den Blog mit absoluter Begeisterung still mit. Still, weil ich nicht das Gefühl habe, viel Inhaltliches beitragen zu können. Was das Buch „Was der Stallmeister noch wusste“ angeht kann ich die Frage aber beantworten. Da steht nämlich genau das drin. Das Boxenruhe Unfug ist und, im übrigen, auch nicht im Sinne der dort benannten „Alten Stallmeister“. Das Hauptproblem mit denen ist, dass nach dem Krieg jeder Depp, der mal mit ein paar müden Kriegspferden gearbeitet hat sich „Kavallerist“ oder „Stallmeister“ genannt und einen Tattersall aufgemacht hat und das sind die von denen die Meisten von uns oder von unseren Trainern noch gelernt haben. Und als Laie erkenn mal den Unterschied. Ein Oberst von Spohr hätte gewiss kein Pferd zur Boxenruhe verdammt. Wenn einer der genannten Tierärzte aber im Roßarzneibuch Luzern von 1575 nachschlägt, sollte man eher auf die Stallkatze aufpassen, nachher wird sie noch zur Augenarznei gekocht. Gutes und Unfug gab es zu allen Zeiten, das Buch zeigt beides und ordnet es auch ein. Aber vor allem anderen zeigt es, dass 23h Boxenhaltung und viele andere Sachen, die uns als „Tradition“ verkauft werden, neueren Datums sind, als gern weisgemacht wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.