Der Turniersport ist doch besser als sein Ruf

Sport ist Mord heißt es. Reiter lieben Pferde. Manche Reiter haben nur eine etwas ungewöhnliche Art, dies zu zeigen, die man als pferdefeindlich bezeichnen könnte. Aber zumindest der Wunsch sein Pferd möglichst lange sportlich nutzen zu können, ist im Turniersport verbreitet. Dazu muss es in erster Linie gesund sein. Also egal was der Beweggrund ist, Pferde gesund erhalten zu wollen, es liegt im Interesse eines Reiters es zu tun. Dennoch sehe ich viel Verschleiß am Pferd im Basissport wie im Topsport.

Turnierbesuch, ländlich

Schöner Sport sollte die Regel sein. Zugegeben, es gab eine Zeit, wo ich (Dressur-) Turniere gemieden habe, weil ich dort jegliche Harmonie vermisst habe.

Heute gehe ich wieder mehr auf Turniere, wenn dann aber auf Top-Events (jeder Sparte). Also eher Global Champions Tour oder ab Europameisterschaften aufwärts, als auf ländliche Turniere.

Denn was dort in den Einsteigerprüfungen geboten wird, da dreht sich mir persönlich genauso oft der Magen um:

  • Lahme Pferde, die nicht abgeklingelt werden („man möchte den Kindern ja nicht den Spaß am Turnier nehmen“), und mitunter sogar Sieger der Prüfung werden,
  • Gedankenlos zu Paketen verschnürte Pferde und
  • Lustloser oder roher Umgang mit dem Sportgerät Pferd.

Wo ist die Passion für den Sport? Mich erschreckt das, was im Freizeitsektor abläuft, fast noch mehr, als die Härte, die im Topsport unbestritten zu sehen ist. Denn das ist nach meiner Bobachtung im Basissport oft purer Verschleiß. Aus ganz anderen Gründen:

  • unentdeckte Lahmheiten,
  • chronische Atemwegsprobleme,
  • Hüftschiefstand oder andere osteopathischen Defizite,
  • null Muskulatur vorhanden,
  • Vorhandlastigkeit und fehlende Geraderichtung,
  • aus Geiz unbehandelte Infekte.

Die Liste ist lang.

Ist der Profisport wirklich besser?

Profis kümmern sich nach besten Wissen, denn die Pferde sind ihr Kapital. Profis sehe ich auch im heimischen Training und die wissen (zumindest zum Großteil) durchaus zu differenzieren und auch mal locker zu lassen.

Ich bin manchmal ganz baff, wenn ich meine reiterlichen Lieblings-Hassobjekte mal mit durchängenden Zügeln und gänzlich anderer Reitweise erlebe. Die können das und setzen es auch gezielt ein, z.B. um ihr steifes Pferd locker zu bekommen. Es darf also ebenfalls von Absicht gesprochen werden, wenn die Hilfen greifen wie ein Schraubstock.

Das machen Freizeitreiter oft nicht, dazu fehlt es auch an Kraft und Koordination. Hier geschieht der Verschleiß schlicht aus lauter Ahnungslosigkeit. Das ist ja im Regelfall keine böse Absicht gegenüber dem eigenen Pferd. Gewalt ist (denke ich) immer der letzte Ausweg, wenn man es nicht besser weiß, oder sich nicht mehr zu helfen weiß. Es gibt halt subtilere Formen, die dem Laien nicht so leicht auffallen.

Moderner Sport

Das Thema ist ja nicht nur die Gesundheit der Pferde, die wir reiten. Es gibt unterschwellige Themen, die da als (mehr oder weniger bewusste) Wünsche der Beteiligten mit rein spielen. Es geht um Emotionen statt Fakten.

Reiter wünschen sich im Reitsport:

  • Vorbilder, mit denen man sich identifizieren kann.
  • Bewertungskriterien: Die Beziehung zum Pferd und die Gesamtharmonie des Ritts sollen mehr in den Vordergrund rücken.
  • Das Pferd soll als Sportpartner Respekt erfahren und wahrgenommen werden.
  • Unparteilichkeit, der Beste an diesem Tag soll gewinnen.

Das sind zum Großteil subjektive Kriterien.

Ich gebe zu, echte Vorbilder zu finden, das ist im heutigen Sport nicht immer leicht. Ich habe es aber auch satt, die ständig selben Reiter angeprangert zu sehen, wenn doch hinter den Kulissen die Bilder sich in allen Reithallen aller Sparten ähneln. Wenn es um den großen Wettkampf geht, ist für Spiel und Spaß wenig Raum.

Ich möchte dennoch kein Fingerzeigen auf den schlimmsten Auswuchs betreiben, wo sich die negativen Schlagzeilen über die Rollkur ohnehin schon zur Genüge häufen. Wie wäre es, selbst im Kleinen nach Lösungen zu suchen? Dieses Wissen zu teilen? Damit dem Unwissen Fakten entgegengesetzt werden können.

Haltbarkeit Sportpferd

Jeder Reiter sollte sich mit dem Thema „Haltbarkeit“ des Sportpferdes (selbst-) kritisch auseinandersetzen. Wie hoch ist der eigene Verschleiß am eigenen Pferd? Ob bewusst oder durch Unwissenheit spielt hier für mich keine Rolle.

Ich persönlich halte die Belastung der Pferde im Freizeitbereich nicht unbedingt für niedriger als im Topssport. Es sind halt andere Probleme, die ein Pferd erwartet.

Noch mehr als der Reiter hat jeder Züchter dafür Sorge zu tragen, jedem Pferd, das er ins Leben bringt, den bestmöglichen Start zu gewähren. Er steht in der Verantwortung, ein Lebewesen zu schaffen, dass gesund und sportlich belastbar ist.

Wie kann ich damit umgehen?

Ich persönlich bin der festen Überzeugung Pferde werden durch sportliche Förderung im besten Fall: schöner, dynamischer und selbstbewusster. Jungpferde lernen im Verlaufe der Ausbildung besser mit ihrem Körper umzugehen. Das möchte ich nicht missen und noch vielen Pferden ermöglichen. Ich sehe was durch gutes Reiten machbar ist und weiß gleichzeitig, dass es in der Breite nicht so geschieht. Aber das macht in meinen Augen nicht den Reitsport an sich falsch.

Was kann ich also tun?

  1. Wenn viele es anders umsetzen, ist das schade. Ich versuche trotzdem die positiven Botschafter des Sports (auch die weniger bekannten) wahrzunehmen und ihre Reiterei zu genießen.
  2. Ich poste extrem selten abschreckende Bilder aus dem Reitsport, auch wenn ich davon reichlich habe. Die gibt es schon genug. Schmerzhafte Zäumungen und Reitweisen, blaue Zungen, blutige Flanken… ein bisschen Entrüstung und es ändert sich nichts. Ich sehe es als sinnvoller an, richtige Wege zu zeigen, statt den falschen zu kritisieren.

Tierschutz honorieren und leben

Es erstaunt mich, dass es einerseits einen Tierschutz-Preis bei den Bundeschampionaten gibt (prinzipiell lobenswert), in Wiesbaden zB ein Meggle-Sonderpreis für schönes Reiten vergeben wird und andererseits diese Reiter dann nicht auf Platz 1 zu sehen sind. Das ist mir gerade in der Dressur unbegreiflich. Aber für manche Menschen ist Perfektion offenbar erstrebenswerter als Harmonie. Ich sehe hier die Richter in der Pflicht.

Gleichzeitig denke ich, so paradox das ist, so notwendig ist offenbar der öffentliche Druck auf die Reiter, um schönes Reiten wieder zu honorieren. Die Regularien von FN und FEI geben das her. Und es gibt zum Glück viele Beispiele für Menschen, die für ihren Sport leben und immer im Sinne ihres Pferdes entscheiden.

Ich würde es bedauerlich finden, wenn niemand für sie applaudiert, auch wenn das sicher nicht deren einzige Motivation ist. Wer für Werte in der Arbeit mit dem Pferd einsteht, für den kommt schlicht nichts anderes in Frage.

Negative Berichterstattung

Ich sehe viele Massenmedien auf den Zug aufspringen. Ich glaube die negative Berichterstattung wird dem Reitsport in Zukunft noch sehr schaden. Denn was sich die Masse wünscht, muss nicht immer faktisch begründet sein. Populismus und die Nutzung von Massenmedien sind eng verbunden.

Laut einer Umfrage wünschen sich 65% der Franzosen, im Zirkus keine Tiere mehr anzutreffen. Während ich die Forderung nachvollziehen kann, finde ich es gleichzeitig schade, dass ein Verbot die einzige Lösung sein soll. Denn natürlich leiden viele Tiere unter Haltungsbedingungen und Abrichtung im Zirkus (und in vielen Zoos gleichermaßen). Dennoch denke ich, es könnte Raum geben für einen ethisch vertretbaren Umgang mit Tieren, auch im Zirkus. Warum gleich ein Verbot für alle fordern, nur weil sich manche (meinetwegen auch ein Großteil) daneben benimmt? Ich glaube durch ein striktes Verbot wird viel Gutes verloren gehen. Die Faszination für das Pferd entsteht doch auch durch dessen vielseitige Einsetzbarkeit.

Hinweis auf Missstände

Es werden dem Turniersport oft genug Missstände nachgesagt. Es ist grundsätzlich denke ich auch richtig, darauf hinzuweisen. Das Internet eröffnet hierzu immer neue Möglichkeiten.

Das finde ich prinzipiell begrüßenswert, denn so kann sich ein demokratisches Prinzip frei entfalten, ohne auf Sprachrohre in den Medien angewiesen zu sein. Diese müssen sich trauen, das Thema anzufassen und das tun sie eigentlich nur, wenn es eine Story gibt. (Im Zweifel also, wenn man Reitern in irgendeiner Form den Missbrauch an ihren Pferden unterstellen kann.)

Große Entrüstung

Der Shitstorm ist das letzte Mittel der Entrüstung. Nicht immer sehen die Betroffenen es kommen. Nicht immer ist es gerechtfertigt. Denn die Masse hat nicht öfter recht, nur weil sich mehr Personen spontan für ein Thema echauffieren können.

Fehlendes Fachwissen hilft nicht, aber es ging zu keinem Zeitpunkt um eine objektive Beurteilung der Lage. Dies ist aber unerlässlich für eine sachliche Diskussion des Themas. Weswegen ich versuche, in meinem Blog aktuelle Themen zu meiden, die ohnehin schon sehr viel Wind erfahren. Interessant ist doch eher, was dabei am Ende herauskommt.

Irrweg Gangwerk

Ob das übermäßige Gangwerk unserer heutigen Sportpferde ein Irrweg ist und der moderne Turniersport Pferde verschleißt, ist eine emotional geführte Debatte. Oft habe ich den Eindruck, die Sachlichkeit fehlt in diesem Thema gänzlich. Es ist zu verhärteten Fronten gekommen zwischen Sportreitern und Freizeitreitern.

Es geht immer weniger um Einigung, sondern um den Vorrang Recht zu behalten, mit den eigenen Aussagen. Das ist nicht die Sorte Debatte, die ich führen möchte. Daher auch mein Beitrag zum Thema: Einbeintrab

Was verursacht Verschleiß?

Immer wieder wird der Ruf laut, dass viele „höher, schneller weiter“ im Turniersport und in der Zucht verschleißt Pferde. Das ist ein naheliegender Gedanke aber damit noch kein zuverlässiger Indikator für die Richtigkeit der Annahme.

Ich glaube nicht, das gewaltige Potential des Pferdes, sondern der Umgang damit seitens des Reiters ist zu kritisieren. Vor lauter „noch besser“ wollen plötzlich alle den nächsten Totilas im Stall und keiner überlegt, was man als Reiter wirklich braucht.

Wie wäre es, das Ego beim Pferdekauf einmal auszuschalten und wirklich nach einem Pferd zu suchen, das man realistisch fördern kann? Denn ich habe schon so viel Gang durch Verspannungen und schlechtes Reiten weg geritten gesehen, dass man sich unweigerlich fragt, ob das der richtige Weg ist? Der Mensch steht sich da oft selbst im Weg, wenn er meint dieses Spiel des gegenseitigen Überbietens mitmachen zu müssen.

Klassisch/ Barocke Reitkunst contra FN

Den Terminus „Klassische Reitweise“ beanspruchen mittlerweile nicht mehr die FN-Reiter für sich. Ob der nun unter dem Titel klassisch oder barock, gemeinsam ist diesen Bewegungen die Rückbesinnung auf alte Traditionen. Das begrüße ich durchaus, sofern es im Sinne des Pferdes stattfindet.

Denn der moderne Sport sollte die Werte für und das Miteinander mit dem Pferd nicht aus den Augen verlieren. Es hat seinen Grund, warum Gurus der FN in so vielen Bereichen das Wasser abgraben. Fohlenaufzucht, Jungpferdeausbildung, Zusammensein mit dem Pferd und Erziehung des Pferdes. All dies sind Themen, die durch andere beackert werden. Das ist kein Beinbruch, wenn sich jeder auf das besinnt, was er selbst gut kann, ist auch für alle Belange gesorgt. Aber wenn man sich diesen Themen gar nicht zuwendet, so erreicht man automatisch eine Abgrenzung der Lager.

Fazit

Ein Reiter, der Rücksicht auf sein Pferd nimmt und es in seinen Stärken fördert und seine Schwächen angemessen berücksichtigt. Ihm Auslauf verschafft und seine Bedürfnisse erfüllt, damit es ein zufriedenes Reitpferd sein kann. Trotz (oder gerade bei) Potential es nicht im Vordergrund stehen zu lassen, das Pferd nach außen in seinem Vermögen darzustellen, sondern es auszubilden und seine Persönlichkeit zu schätzen und anzunehmen, was es jetzt schon so bereitwillig anbietet.

Eine ethisch vertretbare Reiterei entspricht dem Zeitgeist. Das ist geboren aus einer gewissen Nostalgie und dem Wunsch nach der Rückkehr von vergangenen Zeiten. Einen Weg zu mehr Respekt und Harmonie mit dem Pferd, statt einem abdriften in Show, das wünsche ich mir. Einen echten Sportpartner Pferd, dem seine Bedürfnisse als Pferd zugestanden und respektiert werden.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Leistungsselektion um jeden Preis? oder Tierschutz und Leistungssport

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

Ein Gedanke zu „Der Turniersport ist doch besser als sein Ruf“

  1. Ich habe heute zum ersten Mal in Ihrem Blog gelesen. Sie haben mir in Ihrem Beitrag: „Der Turniersport ist doch besser als sein Ruf“ aus dem Herzen geschrieben. Vielen Dank!
    Viel Grüße Anne Friedrich

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