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Wo kommen in Zukunft die Vielseitigkeitspferde her?

Eine spannende Frage! Leider wird sie von allen Beteiligten oft mit Schuldzuweisungen statt Lösungen beantwortet. Die Züchter schimpfen gerne auf die blöden Reiter, die keine (männlichen) Halbblutfohlen kaufen, wenn die Züchter „Mut zum Blut“ praktizieren. Die Profis finden dagegen keine bezahlbaren Jungpferde, weil die mit der entsprechenden Förderung und Perspektive ab 5-jährig locker ihre 40.000€ kosten. Eine Übersicht über die Herausforderungen der aktuellen Lage und Ideen für die Lösung des Problems.

Die Sicht der Profis

Ich möchte die Frage aufwerfen, was die Reitsport Profis dazu sagen würden? Denn die sind in jedem Fall die angestrebte Kundschaft für bessere Blutpferde.

Vermuten würde ich sicherlich zum Teil einen finanziellen Aspekt, der den Markt bestimmt. Denn Vielseitigkeitspferde sind langwierig auszubilden und dann durchaus teuer, wenn man sie als solche erkennen kann. Denn die Suche nach einem geeigneten Nachwuchspferd ist die Suche nach dem berühmten Stecknadel im Heuhaufen.

Die Aufzuchtbedingungen in Deutschland bei Boxenhaltung und maximal einem halben Jahr Sommerweide sind für ein Spitzenpferd nicht förderlich und 365 Tage draußen ist, sofern nach den Pferden geschaut wird, immer vorzuziehen. Das Pferd wächst in Bewegung am besten. (siehe: Hatte Dein Pferd eine gute Aufzucht?)

Aber ich denke auch die Präsentation der Pferde lässt aktuell ebenfalls zu wünschen übrig. Wer nicht zufällig jemanden kennt, fährt Kilometerweit und bekommt oft auch schlechte Pferde mit hohem Blutanteil angeboten. Wer soll das auf einer grünen Wiese auseinanderhalten können? So ein Lotteriespiel will niemand.

Ich kann jeden Profi verstehen, der sagt: Ein Fohlen ist mir zu heikel! Ich warte lieber, bis das Pferd 3 Jahre alt ist, dann sehe ich, ob er a) immer noch gesund ist, b) was ich unter den Sattel kriege und kann das Pferd im Idealfall c) auch mal an bunten Stangen testen. Bis dahin hat das Pferd aber den meisten Züchtern die Haare vom Kopf gefressen. Viele Berechnungen der Aktiven lassen doch arg viel Phantasie vermuten, wenn da von kostendeckenden Handlungen gesprochen wird. (siehe auch: Entstehungskosten Reitpferd)

Die Antwort kann in meinen Augen nur in einer besseren Darstellung und einem Ambiente liegen, wo sich Interessenten mit den finanziellen Möglichkeiten (lese Sponsor) gleich mehrere qualitätvolle Pferde ansehen können. Und die Pferde im allerbesten Fall von echten Profis selektiert werden, um einen Mindeststandard an Qualität zu gewährleisten und bei dem Kauf beratend zur Seite zu stehen für alle Amateure.

Günstige Aufzucht im Ausland

In meiner Jugend waren Neuseeland, Irland und England die Länder, wo man klassisch Vielseitigkeitspferde kaufte. Sie hatten dort eine hohe Anzahl an Vollblütern und vor allem harte Pferde, die dem Sport gewachsen waren (siehe: The Ghost of Hamish xx, Sleep Late xx).

Heute scheint es für viele Profis zumindest vor dem Brexit immer noch attraktiv zu sein, im Ausland Jungpferde einzukaufen (siehe Halston Hirohito/ Bodo Battenberg, Gentle/ Michael Jung). Hier sind die Kosten der Aufzucht durch Weidehaltung deutlich geringer. Darunter leiden zwar oftmals die dressurmäßige Förderung und das Handling der Pferde, aber die Härte und der Arbeitseifer der Pferde ist legendär. Da ich selbst viele Irische Vollblüter geritten bin (Importe und in Sligo selbst), weiß ich um ihre Qualitäten. Wer weiß, wonach er sucht, wird hier sicher fündig.

Und dennoch war in den letzten Jahren eine Vielzahl von Vielseitigkeitspferden im Ausland aus Deutschland gekauft worden (siehe Chilli Morning/ William Fox-Pitt). Gefühlt konnte diese Nachfrage nach der Formatänderung und dem Aufstieg des deutschen Vielseitigkeitsteams kaum gedeckt werden, weil in Deutschland notorisch wenige Vollblüter in der Warmblutzucht genutzt werden.

Markt für Blutpferde schaffen

Es geht also darum, die Lücke zu füllen zwischen dem Züchter von Blutpferden und den Sportreitern, die diese in der Vielseitigkeit fördern können. Denn nur, wenn das Vielseitigkeitspferd einen ähnlichen Marktwert entwickelt wie Spring- oder Dressurpferde, kann hier kostendeckend gearbeitet werden.

Eine weitere Quelle sind natürlich Vollblüter, die von der Rennbahn kommen und im Idealfall schon eine Grundausbildung erhalten haben. Mit der richtigen Selektion haben sie eine gute Perspektive im Sport.

Aktuell gibt es einige begrüßenswerte Initiativen, die den Marktwert und die Präsentation von potentiellen Vielseitigkeitspferden verbessern. Hier eine Liste der möglichen Anlaufstellen.

Bestehende Initiativen

PS: Dies ist keine Vorauswahl oder Empfehlung meinerseits, sondern eine reine Information über bestehende Angebote. Ich habe keine wirtschaftlichen Interessen mit der Nennung dieser Anbieter. Wer sein Projekt in dieser Liste wiederfinden möchte, darf mir gerne eine Nachricht zukommen lassen mit den Daten und seiner Webseite.

Fazit

Um in Zukunft die Vielseitigkeit nicht aus den „Resten“ der deutschen Pferdezucht zu speisen und von der Initiative von Einzelpersonen abhängig zu machen, muss etwas passieren. Denn die Lücke zwischen dem Züchter, der die Aufzucht und Ausbildung eines Jungpferdes finanziert und dem Reiter, der gerne ein gerittenes Pferd am Sprung beurteilen möchte ist aktuell zu groß. So kann nicht gewährleistet werden, dass die vorhandenen Jungpferde in die richtigen Hände finden, um sich sportlich beweisen zu können. Und das vermiest den Züchtern aktuell die Zucht von hoch im Blut stehenden Pferden, die der Sport so dringend braucht.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Pedigree als Label oder Die wichtigsten Portale für Pferdesportdaten

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1 Gedanke zu „Wo kommen in Zukunft die Vielseitigkeitspferde her?“

  1. Sehr geehrte Frau Wenzel
    Wieder ein sehr interessanter Artikel und eine vollstaendig richtige Analyse! Ergaenzen moechte ich vielleicht noch das „Modell Sweetwater“. Wir zuechten am Schwarzen Meer Vollblueter und hoch im Blut stehende (50%+) Trakehner und Bulgarian Sporthorses fuer die Vielseitigkeit. Unter idealen klimatischen Bedingungen, wachsen die Jungpferde robust und gesund auf. Grundsaetzlich werden alle Jungtiere ohne Vorverkauf ueber eine Hybridauktion angeboten (erstmals im Herbst 2021). Verbleibende Fohlen bleiben bei uns fuer die Aufzucht. Jungstuten werden mit 4 ( oder 4 1/2 Jahren, wenn sie zuerst ein Fohlen bei Fuss hatten) angeritten. Junghengste werden mit 3 1/2 bis 4 Jahren angeritten (Ausnahme Hengstanwaerter) und gehen danach in die Vermarktung oder Ausbildung. Das Ziel ist, dass der Kunde bei uns mehr Nadeln findet im Heuhaufen. Aufzuchtkosten und Preiserwartung der Profis ist zum Teil ein echter Spagat; ich denke unser Modell ist ein Loesungsversuch den zu schaffen. Das nur als Vorabinformation; wir werden unser Modell im Vorfeld der geplanten Auktion weiteren Kreisen publik machen.
    Mit freundlichen Gruessen
    Joerg Muehlethaler
    Sweetwater Stud

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