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Warum es mit dem Vollblut heute nicht mehr so läuft (wie früher)

Ein kurzer Überblick über die Probleme, mit denen sich Züchter heute bei einem Vollbluteinsatz konfrontiert sehen. Manches kommt aus dem Reich der Mythen und Märchen und soll hier richtiggestellt werden. Andere Themen sind durchaus eine Überlegung wert und ich möchte ein paar Ideen und Lösungsansätze dafür präsentieren. Denn selbst wer Vollblütern gegenüber positiv aufgeschlossen ist, stellt sich natürlich auch die Frage, wie man ihn eigentlich am besten nutzt.

Die 5 wichtigsten Aspekte für die Anpaarung mit einem Vollblüter:

1. Kein genetischer Anschluss

Oftmals besteht bei Züchtern die Sorge, dass ganz ohne Anschluss an die selben Ahnen, ein Vollblüter sich nicht gut vererben wird. Weil es ein Kreuzungsprodukt von zwei verschiedenen Rassen ist. Dagegen gibt es zwei gute Argumente:

a) Heterosis-Effekt sorgt dafür, dass Kreuzungsprodukte oftmals leistungsfähiger sind als die Ursprungsprodukte.

b) Anpaarung mit Vollblut muss gar kein Outcross sein.

Warmblutpferde haben oft in den hinteren Generationen sehr bald schon eine Vielzahl von Vollblütern im Pedigree. Das macht es leichter, hier einen Anschluss zu finden. Zum Beispiel, indem man gezielt nach einem Hengst sucht, der diese Vollblüter ebenfalls im Pedigree führt. Gerade die französischen Springpferde sind da oft ein guter Anfang. (Praxisbeispiel: Quattro x Miami Song xx)

Und es besteht natürlich auch die Möglichkeit auch auf Vollblutahnen eine Linienzucht zu betreiben. (Praxisbeispiel: Dance all Day x Innenminister xx) So lässt sich eine möglichst vorhersehbare Vererbung in den Folgegenerationen ebenfalls erreichen.

Denn Linienzucht bedeutet, die selben Vorfahren zu konzentrieren und damit die Vererbung vorhersehbarer zu machen. Man erhöht aber auch die Chance von erblichen Krankheiten, deswegen sollte das nicht die einzige Methode der Wahl bleiben. Ein bisschen Outcross zu betreiben ist also in jeder Zucht durchaus eine sinnvolle Überlegung.

2. Vollblutanteil niedrig

Wer erst zu einem Vollblut geht, wenn der Handlungsdruck hoch ist, weil die Stute so blutleer daherkommt, dass sie unmodern ist, steht vor einem Problem. Denn wenn er Extreme anpaart, sorgt das, so wissen wir dank Mendel, für einen Streuungseffekt. Das Ergebnis ist daher notorisch unvorhersehbar, also das Gegenteil von dem was ein Züchter gerne als Ausgangsituation hätte.

Besser wäre es, den Gedanken Vollblut einzubringen langsamer anzugehen und das Vollblut dosiert über mehrere Generationen vermehrt zuzuführen. Um den Blutanteil vorsichtig wieder anzuheben, ohne phänotypische Extreme nutzen zu müssen. Oder etwas vereinfacht ausgedrückt: Je ähnlicher die angepaarten Pferde sich in der Optik sind, desto wahrscheinlicher ist auch eine einheitliche Vererbung. (Praxisbeispiel: Lucy x Hermes de Lux und später Hermine x L’Elu de Dun AA)

3. Unvorhersehbarkeit

Vollbluteinsatz ist für viele Züchter wie Lotto spielen. Niedrige Aussichten auf Erfolg bei gleichbleibend hohem finanziellen Einsatz. Ein Halbblut-Fohlen ist genau so teuer in der Aufzucht und schwerer zu verkaufen, so argumentieren viele Zweifler.

Wer sich mit den Vollblut-Linien nicht auskennt, der spielt in der Tat Lotto. Die Hoffnung auf den 6er verführt, aber der Großteil zieht Nieten. Und dann wundert an sich, warum das Ergebnis schlechter ausfällt als geplant.

Auch das muss nicht sein. Hilfreich ist es, die Familie des Pferdes und deren Vererbung näher zu kennen. Das reduziert schon einmal die Überraschungen. Wenn einem gleich mehrere Pferde aus dem Stamm zusagen, stehen die Chancen gut, dass man mit dem Zuchtprodukt ebenfalls zufrieden ist.

Als Praxisbeispiel für die Umsetzung eines solchen Schaubildes kann ich die nachfolgenden Videos empfehlen. (YoutubeVideo von Concours Complets/ Butts Avedon & Intendant xx)

4. Traditionelle Sichtweisen

Traditionelle Ideen weichen nicht neueren Informationen.

a) die richtigen Fragen stellen: Warum werden immer noch pauschal Steher gesucht? Die Alternative wäre sich anzusehen, auf welchen Distanzen die Spitzenpferde aus der Sparte, für die ich züchte, eingesetzt wurden und wie sie dabei abgeschnitten haben. Als jemand, der genau das als ersten Schritt getan hat, kann ich sicher sagen, dass die Erkenntnisse daraus bereichernd sind.

b) die Ursachen dafür erkennen: Noch besser ist es, wenn man anfängt, die Zusammenhänge zum Exterieur zu verstehen und damit, worauf es bei der Selektion der Pferde wirklich ankommt.

Ein Exterieur beurteilen zu können nach den Erfordernissen des Sportes ist das Stichwort. Denn für den Dressursport mag es noch angehen, nach Optik zu selektieren, spätestens für den Springsport funktioniert das deutlich weniger gut. (siehe auch: Falsche Ideale in der Exterieurbeurteilung)

5. Woher einen Vollblutexperten nehmen?

Wie jede Weiterbildung ist sich selbst Fachwissen anzueignen der lange und steinige Weg. Natürlich gibt es reichlich Personen, die meinen, sich mit Vollblut auszukennen und selber auch schon mal Vollblut in der Zucht eingesetzt haben.

Die nächste Frage, die ich mir stellen würde, ist wie erfolgreich denn diese Produkte so im Reitsport waren. Denn der „Mut“ zum Blut allein ist nicht entscheidend, wichtig ist auch, dass diese Anpaarungen Ergebnisse bringen und das im Idealfall nicht in einem von 10 Fällen, sondern möglichst gehäuft.

Ehrlich gesagt gibt es in der Zuchtlandschaft der Warmblutzüchter viele Personen, die sich aufgrund ihrer praktischen Erfahrungen mit der Zucht ein Urteil anmaßen, ohne jemals eine Rennbahn live besucht zu haben (solange man die Besuche an einer Hand abzählen kann oder mehr als 10 Jahre zurück liegen, lasse ich das auch nicht gelten).

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es gibt extrem wenig Experten, die Reitsport und Rennsport wirklich beide im selben Maße kennen und beurteilen können. Ein Experte des Rennsportes weiß aber oft nicht, was Reiter/ Züchter eigentlich bei Vollblütern genau suchen (außer überdurchschnittlich große Pferde). Die Warmblutexperten sind nie über Buchwissen hinaus in die Materie Vollblut eingetaucht und sind nicht in der Lage ein Rennpferd in seinem natürlichen Umfeld zu beurteilen.

Fazit

Seit der Umzüchtungsphase hat sich in der Pferdezucht viel getan. Insbesondere in der Selektion von Sportlern für spezialisierte Disziplinen. Die Auswahl unserer Vollblüter hat sich dem nicht angepasst. Ich höre die stets gleichen Parolen zu einer völlig veränderten Stutengrundlage. (siehe auch: Egal welcher, Hauptsache Blut!)

Wer der Meinung ist, die F1 sei immer ein Zwischenschritt ohne echten Zuchtfortschritt, der muss sich nicht wundern, wenn das auch sein Ergebnis ist. Für alle anderen gilt genauer hinzusehen in der Selektion der Elterntiere. Wenn das Ergebnis nicht stimmt, gilt es den Kurs zu korrigieren.

Ich bin überzeugt, dass es bessere Möglichkeiten gibt, Vollblüter zu selektieren und möchte mich dafür einsetzen, diese Informationen quasi zu Autobahnen auszubauen, damit sie für jeden zugänglich werden. Denn nur so kann sich der gute Ruf der Vollblüter rehabilitieren. Ich sehe es als einen gemeinsamen Kraftakt Reitern wie Züchtern verständlich zu machen, auf was für einen perfekten Sportler sie mit dem Vollblut aus Unwissenheit verzichten.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Angloaraber in der Springpferdezucht oder Vollblutstuten in der Warmblutzucht

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