Stutenstamm

Der Wert des Stutenstamms für ein Sportpferd

Die Abstammung und der Stutenstamm werden zur Krücke für die Erkennung von Sportpferden. Welche Rolle der Stutenstamm für ein gutes Sportpferd wirklich spielt, darum soll es hier gehen.

Einschätzung des Pferdes

In der Folge wird der Faktor Abstammung immer mehr zur „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“. Denn je häufiger die Abstammung als Indikator für Leistung verstanden wird, desto wahrscheinlicher, dass Leistungspferde eine marktkonforme Abstammung haben. Sonst wären sie überhaupt nicht in fördernde Hände geraten.

Im Fohlen- und Jungpferdealter sind Abstammungen und Stutenstämme maßgeblich für die Einschätzung über deren Potential verantwortlich. Manche Abstammungen genießen hier einen klaren Vertrauensvorschuss.

Motivation des Züchters

Natürlich ist die Weiterführung von Stutenlinien das Anliegen eines jeden Züchters.

Der Erkenntnisgewinn, der durch das Wissen um die Stuten und deren Stärken und Schwächen entsteht, ist schlichtweg unersetzlich. Dass über Jahrzehnte gepflegte Stämme durch geschickte Anpaarungen ein hohes Leistungsniveau zu halten imstande sind, ist nur logisch. Ebenso, dass es sich aus Züchtersicht lohnt, wenn ein gewisser Bekanntheitsgrad seines Stammes in Sportreiterkreisen vorhanden ist. Die Frage, ob dies immer allein durch Qualität und nicht mindestens ebenso sehr durch geschickte Vermarktung geschieht, muss erlaubt sein.

Wer aber davon ausgeht, dass nur aus solchen Stämmen echte Leistungspferde kommen, verwechselt Ursache und Wirkung. Mit beinahe religiösem Eifer werden Vertreter bestimmter Stämme mit Vorschusslorbeeren ausgezeichnet.

Was führt zu Sporterfolgen?

Die Realität des Topsports sieht folgendermaßen aus. Die zunehmende Professionalisierung des Sports bedeutet, dass vermehrt diejenigen Pferde in den Topsport finden, die hierfür ausgesucht und vorbereitet werden. Zwar hat jeder Sportreiter klare Vorstellungen was für ein Typ Pferd ihm vorschwebt. Aber persönliche Kontakte sind maßgeblich, um Vertrauen in die Förderung eines bestimmten Jungpferdes zu gewinnen.

Natürlich gibt es auch Zufallsfunde. Also junge Pferde, die sich auf dem Turnier oder einer anderen Veranstaltung besonders positiv hervorheben und dadurch Begehrlichkeiten wecken. Wenn die Leistung erst mal stimmt, interessiert auch kaum einen Reiter noch die Abstammung eines Pferdes. Hauptsache es funktioniert!

Und das ist der Punkt: Mit der richtigen Förderung würden eine ganze Menge Pferde auf hohem Niveau funktionieren. Die Qualität der Sportpferde ist in den letzten Jahrzehnten rapide gestiegen. Vor allem setzt sich diese Qualität in der Breite immer mehr durch, so dass der Durchschnitt sich enorm gesteigert hat.

Spitzenpferde bleiben dennoch Ausnahmeprodukte, die aus geschickten Anpaarungen oder der Masse heraus produziert werden können.

Diese Pferde tun dem Profi auch nicht immer den Gefallen sich schon als Fohlen oder Jungpferd überragend zu präsentieren. Die sogenannten Ausbildungspferde, die sich formen lassen und im Laufe der Ausbildung immer besser werden, glänzen oft erst später.

Welches Pferd in den Topsport gelangt, ist mindestens im selben Maße dem Zufall geschuldet, wie seiner Qualität. Der geneigte Züchter kann die richtigen Weichen stellen, aber nur selten ein Pferdeleben lang Einfluss nehmen.

Was macht einen guten Stamm aus?

Kurzum: Er bringt sporterfolgreiche Pferde. Ganz sicher lassen sich nicht aus jeder beliebigen Stute mit nur einer geschickten Anpaarung gleich mehrere S-Springpferde ziehen. Dazu muss schon die Stutengrundlage stimmen.

Eine Analyse der Top 100 deutschen Springpferde (FN-Daten des Jahres 2012 nach Jahresgewinnsumme) ergibt, dass 90 verschiedene Stutenstämme vertreten sind. Das finde ich ziemlich breit gestreut. Spitzenpferde sind also nicht das Alleinstellungsmerkmal einer Handvoll Stutenstämme in Deutschland, wie so oft behauptet wird.

(M)Eine Mindermeinung

Allgemein wird dem Pferdezüchter erklärt, dass Pferdezucht auf Leistung sich nicht von der Analyse des Pedigrees trennen lässt. Nur wer seine Stutenstämme kennt, sowie die Spielregeln von Linienzucht, Sex-Balancing und ähnlichen Methoden, kann wirklich nachhaltige Pferdezucht betreiben.

Ich vertrete scheinbar eine Mindermeinung, wenn ich dies andersherum betrachte. Ich finde, dass das überzeugende sportliche wie funktionale Gesamtpaket wichtiger ist als ein Pedigree. Somit suche ich in erster Linie ein Pferd, das alle Voraussetzungen für den Sport mitbringt. Ein überzeugendes Pedigree stellt nur das I-Tüpfelchen dar.

Oft korreliert die herausragende Sportleistung mit einem überzeugenden Pedigree, andersherum hat dies jedoch keine Gültigkeit. Denn obwohl ein „gutes“ Pedigree eine Förderung wahrscheinlicher macht, gelingt es längst nicht jedem Sportpferd gemäß seinen Ahnen zu überzeugen. Dagegen überzeugen genug Pferde auf internationalem Niveau, auf deren Pedigree niemand Wetten angenommen hätte.

Der Wert der hierbei Stämmen und Linienzucht beigemessen wird, verwirrt den kritischen Betrachter. Denn überzeugte Pedigree Analysten lassen gern eines außer Acht: Dies ist ein beinahe unvermeidbarer Bestandteil der heutigen Pedigrees.

Wenn nicht innerhalb der ersten 3 Generationen, so spätestens weiter hinten, werden sich in jedem Pedigree interessante Komponenten finden. Diesen mehr oder weniger ausgeprägten Mustern eine große Rolle beizumessen, erscheint mir unsinnig. Dies umso mehr, wenn man bedenkt, wie überaus wahrscheinlich eine Wiederholung erfolgreicher Ahnen in jedem beliebigen Pedigree ist.

Das führt uns zu der Frage, wie wir zu der Annahme kommen, dass Pferdezucht nach bestimmten Strickmustern funktioniert. Wie mir scheint, ist die Beweisführung hierfür ziemlich dürftig. Ich werde daher ein paar Fakten vorstellen, die diese Theorie ins Wanken bringt.

Wo hakt die Theorie?

Um den Erfolg zu belegen, werden meist endlose Analysen von fein säuberlich aufgebauten Pedigrees von erfolgreichen Pferden herausgesucht. Solch ein Vorgehen ist aber weder wissenschaftlich noch zielführend. Denn es belegt nichts. Man vergisst dabei, dass die 08/15-Pferde nach demselben Strickmuster gezogen sind, wie die Guten.

Was fehlt, sind wesentlich tiefgreifendere Analysen der Normalverteilung und die Frage, ob dies bei Spitzensportlern wirklich ein Alleinstellungsmerkmal ist. Dieser Beweis steht schlicht aus. Man darf sich aber zur Beweisführung niemals die Rosinen rauspicken. Stattdessen muss die breite Masse genauso betrachtet werden, wie die Spitzenprodukte.

Denn es gibt durchaus auch Gegenargumente und ich möchte die wichtigsten 4 Argumente beleuchten.

Outcross

Pedigree Theorien erklären nicht wo im internationalen Sport die vielen Pferde mit Outcross Pedigree herkommen. Die Pferde mit kuriosen Pedigrees ohne Leistungsaussage dürfte es überhaupt nicht geben.

Tolles Pedigree ist kein Alleinstellungsmerkmal von Top-Sportlern

Es gibt auch eindeutig zu viele Pferde mit einem ähnlichen Pedigree-Aufbau, deren Leistung nicht überzeugt. Wie kann man also den Erfolg auf Stutenstamm oder Linienzucht schieben, wenn der Misserfolg vielversprechender Pedigrees schlicht ignoriert wird?

Alle modernen Sportpferde haben Linienzucht zu einem bestimmten Anteil im Pedigree, man muss nur weit genug zurückgehen. Außerdem treten einige Ahnen so oft in Abstammungen auf, dass eine Häufung nicht mehr ungewöhnlich, sondern die Norm ist. Ein Northern Dancer xx freies Pedigree in der Vollblutzucht hat heute schon beinahe Seltenheitswert.

Genetische Varianz bleibt außen vor

Genetische Variabilität bezeichnet die Bandbreite der äußeren (phänotypischen) Ausprägung bei gleicher genetischer Vorgabe. Das heißt, selbst nah verwandte Pferde können sehr unterschiedlich ausfallen. Uneinheitlichkeit sorgt dafür, dass Vorteile entstehen können und sich eine Spezies weiterentwickelt oder anpasst. Genetische Varianz lässt sich nicht abschalten, weil es dem Arterhalt dient.

Dieser normale und gesunde Effekt ist es auch, der so manch einen Züchterplan zunichtemacht. So erklärt es sich, warum Geschwister nicht immer dasselbe Leistungspotential haben, auch wenn sie dieselben Gene mit auf den Weg bekommen haben.

Die Ausprägung einer genetischen Information ist immer auch von der Umwelt beeinflusst. Auch bei genetisch identischen Individuen ist sie niemals gleich, innerhalb der sogenannten Reaktionsnorm des Gens. Das erklärt die optischen Unterschiede zwischen E.T. und seinem Klon.

Gründliche Datenanalyse

Es fehlt die kritische Überprüfung, ob die grundsätzliche These (Nur top Stutenstämme liefern Leistungssportler) überhaupt zutreffend ist.

Um an belastbares Zahlenmaterial heranzukommen, habe ich mir die Pedigrees der Top 50 Sportpferde anhand der Daten des WBFSH angesehen. Aus diesen Daten lässt sich ablesen, dass es – wie von mir erwartet – eine ziemliche Bandbreite an Pedigrees im Spitzensport gibt.

Warum sind Pedigree-Analysen trotzdem so überzeugend?

Linienzucht und Leistung sind unbestritten eng verwandt. Erst das Konzept von Ahnentafeln hat es möglich gemacht Muster darszustellen. Das ist aber kein Kochrezept, um erfolgreiche Pferde zu züchten. Es ist vielmehr eine Konsequenz des Prozesses zu einem erfolgreichen Pferd zu gelangen.

Kommerzieller Nutzen

Man sollte sich einmal die Frage stellen wer von einem „guten“ Pedigree profitiert? Denn ein top Pedigree bringt kommerziellen Nutzen. Dies gilt obwohl das Pedigree allein nicht besonders gut darin ist Leistung vorherzusagen.

Insbesondere im Vollblut-Rennsport sind Pedigree-Analysten gefragte Experten. Ausgerechnet die Möglichkeit der Monetarisierung von Wissen schafft Vertrauen.

Gesetzmäßigkeit trumpft

Der Logik einer Gesetzmäßigkeit, die sich in einem Pedigree noch dazu wunderbar optisch darstellen lässt, kann man sich kaum entziehen. Aber hat sie wirklich die versprochene Wirkung?

Man sollte mich nun nicht missverstehen und glauben Linienzucht hätte keinen Effekt. Selbstverständlich dient dies der Verfestigung von bestimmten Eigenschaften. Ihr wird nur von vielen Personen der falsche Wert in der Leistungsaussage zugemessen.

Beeinflussende Faktoren

Nun haben unabhängig der Eignung nur entsprechend geförderte Pferde jemals die Chance, sich im Sport zu beweisen. Dies verursacht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Vorurteil gegenüber den Pferden mit guten Pedigrees. Und dennoch lassen sich die Pedigree Graupen nicht ausrotten. Das spricht eine deutliche Sprache!

Fazit

Meine Ausführungen bedeuten nicht, dass ich mir das Pedigree eines Pferdes nicht ansehe und mir Gedanken über die Konsequenzen mache. Mir ist nur nicht ganz nachvollziehbar, mit welcher Logik die Leistung eines Pferdes allein an seinem Pedigree festgemacht wird. Es gibt so viele Faktoren, die viel wirksamer eine Sportkarriere beeinflussen als das Pedigree.

Der Wert eines Stutenstammes bemisst sich nicht in einer losen Aufzählung von Namen, sondern eher an den Ergebnissen im Sport. Ein Stamm ist immer das wert, was ein Züchter daraus macht.

Weiter mit ähnlichen Themen: Das Pedigree in Theorie und Praxis oder Das Pedigree als Label

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

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