Wolf

Wolf und Pferd

Ich würde mich selbst als Wolfsfreund bezeichnen. Ich habe bereits einiges an wissenschaftlicher Fachliteratur über das natürliche Verhalten des Wolfes gelesen, sowie Bücher über Beobachtungen am Wolf in der Wildnis. Ganz gute Voraussetzungen also, um zu einem mehr als nur laienhaften Urteil über das Verhalten von wildlebenden Wölfen zu kommen. Mein Thema: Wie groß ist die Gefahr für unsere Pferde wirklich?

Die Vergangenheit

Der Wolf wurde in Europa durch seine Bejagung systematisch ausgerottet und war über 100 Jahre in Deutschland praktisch nicht vorhanden. Offiziell wurde im Jahr 2000 das erste wildlebende Wurf Wolfswelpen in der Lausitz geboren.

Daher freuen sich viele Naturfreunde darüber, den Wolf wieder in Deutschland angesiedelt zu sehen. Die Frage, wie wohl sich der Wolf bei uns fühlt und wie weit er sich ausbreiten wird, kann niemand zweifelsfrei vorhersagen.

Aufgrund seiner Eigenschaft als Wildtier ist es nicht ganz leicht, über zuverlässige Angaben zum Thema Wolfspopulation zu kommen. Die verfügbaren Angaben im Jahr 2018 schwanken zwischen 150 (Bundesamt für Naturschutz) und 1.000 (Deutscher Jagdverband)

Fest steht, dass die Zahlen der Wölfe in Deutschland wieder steigen. Das freut Naturschützer und besorgt Landwirte gleichermaßen. Im Jahr 2010 war noch von 7 Rudeln in Deutschland die Rede, im Jahr 2017 bereits von 60 Rudeln. Zeitgleich steigt auch die Anzahl an Übergriffen von Wölfen auf Nutztiere. Im Jahr 2016 waren es bereits 50 dokumentierte Übergriffe in Sachsen und Niedersachsen und 258 getötete Nutztiere.

Die Mähr vom bösen Wolf

Der Hype gegen den Wolf, der seit einigen Monaten vor allem unter Jägern und Bauern in Deutschland Fahrt aufnimmt, beobachte ich mit gemischten Gefühlen. Ich habe genügend Abstand zu dem Thema, da ich hiervon nicht persönlich oder finanziell betroffen bin. Meine Pferde stehen (aktuell) nicht in einem Gebiet, in dem Wölfe gesichtet wurden.

Es lässt sich nüchtern festhalten, dass Nutztiere nach Kotuntersuchungen von Wölfen etwa 1 % des Wolfsfutters darstellen. Das klingt erstmal nicht viel, aber der Mensch hängt bisweilen an einzelnen Tieren. Da tröstet diese Statistik nicht, wenn das eigene Haustier oder Pferd von einem Angriff betroffen ist.

Angriffe auf Menschen

Kinder, Jogger, Hundebesitzer sind wohl die Gruppen, die am meisten gefährdet sein dürften. Hier wird oft eine akute Gefährdung hochstilisiert. Allerdings sind Angriffe auf Menschen meiner Ansicht nach noch unwahrscheinlicher als Angriffe auf Pferde.

Unwahrscheinlicher heißt aber nicht ausgeschlossen. Diese Garantie kann niemand geben. Das Abstreiten der Gefährlichkeit des Wolfes durch manch einen Natur-Romantiker erscheint mir nicht der richtige Ansatz.

Ein Blick auf die Pferdehaltung

Erwachsene (Sport-)Pferde dürften nicht allzu sehr durch den Wolf gefährdet sein. Diese sind groß und wehrhaft genug, um ein unattraktives Ziel darzustellen.

Ein Blick nach Spanien oder in die Mongolei zeigt aber, dass Wölfe sehr wohl Pferde in ihren Speiseplan integrieren. Wobei Schafe und Ziegen naheliegender sind und in freier Wildbahn Hasen und Rehe stärker vom Wolf gefährdet sind.

Problematisch dürfte eine steigende Wolfspopulation vor allem für Züchter mit Pferden auf großen Flächen werden. Der Angriff auf ein Fohlen, das wesentlich mehr Zeit als ein erwachsenes Pferd schlafend am Boden verbringt, ist durchaus realistisch für einen Wolf. Unsere Zuchtstuten dürften nur in den seltensten Fällen wehrhaft genug sein, um alleine oder als Herde ein Fohlen gegen Wölfe zu verteidigen.

Handlungsempfehlungen für Reiter

Die Empfehlungen des NABU für Ausritte im Wolfsgebiet lesen sich für mich etwas realitätsfremd.

Zum einen wird das Pferd einen Wolf vermutlich wesentlich eher wahrnehmen als ein Mensch. Es extra darauf auszurichten, dürfte in der Praxis entfallen. Wer halbwegs sensibel mit dem Thema Wolf umgeht, wird vermutlich auch nicht auf die Idee kommen, diese filmen oder fotografieren zu wollen. Und zuletzt sollte das wilde davon galoppieren vermutlich eher als letzter Ausweg gesehen werden. Also nur im Falle eines Angriffs erfolgen. Das Fluchttier Pferd davon abzuhalten, dürfte insbesondere weniger routinierten Reiter überaus schwerfallen.

Ich bin in Spanien mal zu Pferd von Wildschweinen angegriffen worden und mein Pferd war mir sehr dankbar, die erste Panik im Vorwärts verbringen zu dürfen. Mit etwas Distanz zum Auslöser der wilden Flucht konnte ich es (sehr hart) durchparieren. Allerdings bewegen sich im Falle eines Angriffs durch Wildtiere insbesondere ungeübte Reiter auf gefährlichem Terrain, da sie nicht die Kontrolle über das Pferd behalten werden und bei einem Sturz akut selbst gefährdet sind. Ein geordneter Rückzug gemeinsam mit dem Pferd erscheint mir daher eine äußerst sinnvolle Maßnahme mit Bezug auf solche Begegnungen.

Schutzmaßnahmen für Pferde

Der flächendeckende Einsatz von Schutzzäunen und Herdenschutzhunden, der von Laien immer wieder gefordert wird, entlockt mir nur ein müdes Schmunzeln. Denn Wölfe werden sehr hartnäckig einen Weg oder Loch im Zaun suchen, diesen unterbuddeln oder überspringen.

Darüber hinaus ist solch ein Zaun zum Schutz vor Wölfen ein erheblicher Kostenfaktor. Wer soll das bezahlen?

Wie sieht es mit Entschädigungen aus?

Die FN fordert, dass nicht nur gewerbliche, sondern auch private Pferdehalter eine Entschädigung für getötete Tiere erhalten sollten. Die Formulierung zeigt schon; das ist bislang nicht der Fall. Auch für Präventivmaßnahmen zum Schutz von Pferden wird vom Staat kein Geld zur Verfügung gestellt, weil der Aufwand hierzu in keinem Verhältnis zum Risiko stünde. Das sieht nur bei Nutztierhaltern anders aus.

Dabei gibt es schon durch DNA-Proben bestätigte Meldungen von Wolfsangriffen auf Pferdeherden in Deutschland. Bei einem Beweidungsprojekt wurden in einer Herde Koniks mehrere Fohlen durch Wölfe verletzt und getötet.

Mir ist zudem ein Fall im persönlichen Umfeld bekannt, wo ein Fohlen (vermutlich) von einem Wolf angegriffen wurde. Die daraus resultierenden horrenden Klinik-Kosten konnten das Fohlen, trotz nicht lebensbedrohlicher Verletzungen, dennoch nicht retten.

Denn was viele Menschen nicht wissen, ist das Bisse von Wölfen (oder anderen Raubtieren) meist sehr schlecht abheilen. Die ständige Neuinfektion der Wunde verhindert ein sauberes abheilen einer Verletzung. Auch lassen sich klaffende Wunden nicht einfach zunähen und somit verschließen, denn dies würde die Infektionsgefahr noch weiter erhöhen. Die Heilung ist daher immer aufwändig und oftmals sogar aussichtslos. Die Versorgung von offenen Wunden über lange Zeit darüber hinaus oft aufwändig und teuer.

Fazit

Wie bereits manche Experten vorschlugen, wird es in Deutschland aufgrund der beengten Verhältnisse vermutlich irgendwann notwendig werden, problematische Wölfe durch Erschießen zu stoppen. Dies ist in den Bundesländern Bayern, Niedersachsen und Brandenburg in Ausnahmefällen erlaubt. Allerdings ist der Wolf durch EU-Recht in der höchsten Kategorie der zu schützenden Tiere gelistet. Er darf erst wieder geschossen werden, wenn die Arterhaltung gesichert ist. Bei welcher Anzahl an Wolfsrudeln dies gesichert ist, darüber streiten die Gelehrten noch.

Wildromantische Vorstellungen helfen nicht. Ein aktives Management der Wölfe beruhigt die Landbevölkerung und beugt damit einer Selbstjustiz vor. Man denke nur an den Ausgang des Falles vom „Problembären“ Bruno.

Meine Meinung ist: Der Wolf soll sein Revier zurück erobern dürfen, sofern er sich unauffällig verhält. Viele Naturprojekte legen nahe, wie wichtig der Wolf für ein intaktes Ökosystem ist. Dies zu erhalten muss uns ein Anliegen sein.

Allerdings wird mir unwohl dabei, wenn ich bedenke, dass der Wolf genau die Nutztiere und Haustiere bedroht, die artgerecht untergebracht werden. Denn genau diese wünschenswerte naturnahe Haltung macht die Tiere leichte Beute für den Wolf. Natürlich wären die Weidetiere im Stall sicherer untergebracht. Aber es wäre ein Jammer, wenn im Namen des Naturschutzes der Tierschutz bei Nutztieren und Pferden hintenanstehen soll. Denn auch diese haben es verdient, artgerecht und naturnah untergebracht zu werden. Und erst recht für diese Tiere in unserer Obhut haben wir eine besondere Fürsorgepflicht.

Nützliches Kartenmaterial zu Wolfssichtungen in Deutschland

Wolfskarte der NABU oder Deutschlandkarte Google Maps

 

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

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