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Der Wunsch nach einem haltbaren Allrounder

Ich kann den verbreiteten Wunsch von Freizeitreitern nach einem Allrounder gut nachvollziehen. Jeder will ein Pferd, das mit einem durch dick und dünn geht und in jeder Disziplin eine gute Figur macht. Der Allrounder hat bei vielen Reitern auch einen guten Ruf, denn er macht sprichwörtlich alles mit. Er hat viele Liebhaber, aber dennoch muss ich die Fans der Doppelveranlagung an dieser Stelle leider enttäuschen. Ich erkläre die Hintergründen, warum gute Allrounder heute scheinbar Mangelware geworden sind. In diesem Blogartikel zeige ich die Schwierigkeit dabei auf, ein solches Pferd zu züchten.

Wo kommt die Forderung her?

In der Ausbildung von Reiter und Züchtern und in den Zuchtverbänden heißt es oft, das Ziel der Zucht sei ein gutes Reitpferd. So erstaunt es nicht, wenn seitens der Reiter die Forderung laut wird, Züchter mögen doch wieder mehr den guten alten Allrounder züchten. So ein Pferd, das alles mitmacht und kaum kaputt zu kriegen ist. So wie früher!

Ich möchte erklären, warum das in meinen Augen trotz aller guter Intention der Forderung der falsche Ansatz ist, wenn es um Reitsport und vor allem die ambitionierte Zucht von Pferden geht. Ich beleuchte die Situation dazu mal aus verschiedenen Positionen. Mir ist bewusst, dass meine Meinung diese allgemein verbreitete Lehrmeinung und übliche Sichtweise untergräbt. Ich denke es macht dennoch Sinn, sich mit den Gründen für meine Position einmal auseinanderzusetzen.

Der Züchter

Warum dieses Zuchtziel des Allrounders züchterisch schwer zu bedienen ist, habe ich in einem anderen Blogartikel bereits adressiert. (siehe: Doppelvererber)

Daher nur das wichtigste in aller Kürze: Genetisch betrachtet sind Dressur und Springen als Disziplin negativ miteinander korreliert. Das heißt, ich kann nur auf Springen selektieren und Bewegung erhalten, aber sobald ich auf Dressureigenschaften selektiere, verliere ich unweigerlich das Springvermögen. Ich kann daher in einer Zucht nicht beides auf hohem Niveau erhalten und muss mich als Züchter daher entscheiden, was Vorrang hat. Nur so lässt sich eine nachhaltige Zucht mit vorhersehbaren Ergebnissen betreiben.

Der Reiter

Auch reiterlich kann ich den Wunsch nach einem Allrounder absolut nachvollziehen. Die meisten Amateure wollen nicht das Spitzenpferd für eine Disziplin. Sondern je nach Trainingsmöglichkeiten, Jahreszeit und Muße vielleicht den einen Wochentag lieber ein rittiges Pferd, das eine Dressuraufgabe hübsch durchläuft, aber beim Springen schon auch vorsichtig genug ist, einen Parcours mit null Fehlern zu Ende zu bringen. Aber trotzdem muss das Pferd dabei mutig genug sein, um im Herbst auch mal eine kleine Fuchsjagd mitzulaufen und sich in der Gruppe nicht allzu sehr hoch zu spulen.

Die eierlegende Wollmilchsau ist durchaus gefragt. Aber die ist ein ebenso rares Gut. Das hat nicht nur mit den gegensätzlichen Ansprüchen des Reiters, sondern oft auch mit dem verfügbaren Budget zu tun. Ein Pferd, das wirklich beide Disziplinen auf hohem Niveau abliefert, ist meist nicht günstig zu haben.

Der historische Bücherwurm

Historisch betrachtet ist uns Reitern beigebracht worden, dass eine vielseitige Ausbildung (angefangen beim Jungpferd) des Pferdes sinnvoll ist. Niemals war die Rede davon, dass dies gegensätzliche Eigenschaften sein könnten.

Diese Ansicht wurde historisch auch in der Zuchtzielsetzung durch die Zuchtverbände vertreten. Es wurde bisher so kommuniziert, dass ein gutes Reitpferd das Zuchtziel einer Reitpferdezucht zu sein hat. Manche Rassen wie der Trakehner, haben über Jahrzehnte dieses Ideal hochgehalten. Wobei heutzutage die Neuausrichtung deutlich in Richtung Dressur und Vielseitigkeit geht. Auch dort hat man verstanden, dass man der Genetik kein Schnippchen schlagen kann.

Man muss sich vor Augen halten, dass Pferdezüchter immer nur mit dem Stand des Wissens ihrer Zeit handeln können und damit die Zucht eine Epoche widerspiegelt. Daran kann man sich aufhängen und das kritisieren, aber letztlich auch nichts daran ändern. (siehe: Krisenzeiten für Vollblut) Es muss ein anderer Umgang mit dem Problem gefunden werden.

Wie es auch gehen kann

Wie sich die Wahrnehmung und Weisheiten schon mal wandeln, möchte ich an einem kleinen Beispiel erklären. Die Wissenschaft hat durch moderne Darstellungsmethoden zeigen können, dass das Pferd im Galopp und Trab eine Schwebephase hat. (siehe auch: Einbeintrab) Das war lange Zeit in der Fachliteratur heftig debattiert und dem war lange Zeit widersprochen worden. Heute haben wir Klarheit darüber, dass es diese Phasen gibt, einfach weil sich die Technik zur Kontrolle der These verbessert haben. Die Augen des Menschen lassen sich offensichtlich austricksen.

Deswegen ist es manchmal sinnvoll, historisch gewachsenes Wissen als begrenzt zu enttarnen. Dazu gehört, das Wissen aus einer früheren Zeit mitunter auch kritisch auf den Prüfstand zu stellen, mit dem heutigen Stand der Wissenschaft.

Der Forschergeist

In meiner Erforschung des Themas kam heraus, dass es nicht nur genetisch bedingt schwer ist, dem Wunsch nach einem Allrounder gerecht zu werden. Sondern auch in Bezug auf Haltbarkeit.

Denn hier gibt es ein paar Missverständnisse aufzuklären. Oft herrscht der Gedanke vor, wenn das Pferd nicht ganz so langbeinig und zart ist, dann ist es automatisch robuster. (siehe: Darf es ein bisschen mehr Pferd sein?) So einfach ist es aber nicht. Ebenfalls heißt es oft, dass ein Pferd belastbarer ist, wenn es nicht ganz so leistungsfähig ist. Das ist ebenfalls ein Trugschluss.

Natürlich sind manche Auswüchse der heutigen Dressur- und Springpferdezucht nicht tragbar und ganz sicher kein Vorbild für eine nachhaltige Zucht. Aber daraus zu verallgemeinern, ein bewegliches Pferd wäre nicht haltbar, ist ebenfalls mit Vorsicht zu genießen. Denn die Frage ist immer, wofür das Pferd eigentlich verwendet werden soll. Verschleiß und Belastung orientiert sich bauartbedingt immer an der für das Pferd vorgesehene Aufgabe. (siehe: Anatomie in Harmonie)

Praxisbeispiel Fahrzeug

Ich stelle mal einen Vergleich mit einem Automodell her, auch wenn das im Detail natürlich nicht zu 100% zutrifft.

Bei einem Auto kann der Wunsch, mit demselben fahrbaren Untersatz ein Feld zu pflügen oder ein Rennen zu gewinnen offensichtlich nicht dasselbe Fahrzeug bedienen. Soweit klar. Ein Traktor und ein Rennwagen sind nicht dasselbe (wie auch z.B. Vollblut und Kaltblut).

So ist es aber auch mit den Pferden für Dressur und Springen oder Vielseitigkeit. Jeder Sport verlangt ein anderes Modell und keines der Disziplinen wird es dulden, dass ein Pferd aus einer anderen Disziplin bis auf ein Topniveau besteht, ohne den richtigen Körperbau dafür mitzubringen (merke: nicht Abstammung, sondern Körperbau!). Und Vielseitigkeitspferde sind vom Körperbau betrachtet keine Mischung aus den Extremen Springen und Dressur, sondern bringen wieder eigene Eigenschaften mit, die sie für ihre Disziplin belastbar genug machen.

Nichts davon nutzt dem Springpferd für das höchste Niveau. Die Art des Sprungs kann man nicht verallgemeinern, sondern muss individuell beurteilt werden. Ein Sprung kann auf sehr unterschiedliche Art ausgeführt werden und nur wenn Höhe, Breite, sowie Absprungpunkt des Hindernisses und die Geschwindigkeit des Pferdes identisch sind, kann man von der gleichen Aufgabenstellung sprechen. Alles andere bedeutet, Äpfel und Birnen zu vergleichen.

Fazit

Ein Pferd kann nur für eine bestimmte Disziplin in seiner Haltbarkeit selektiert und beurteilt werden, niemals für Eigenschaften grundsätzlicher Haltbarkeit. Erst wenn der Job klar ist, kann ich entscheiden, ob ein Pferd dazu in der Lage ist, ihn zu bewältigen.

Ein Pferd kann immer nur auf eine bestimmte Nutzungseigenschaft hin selektiert werden und bringt dafür die nötige Haltbarkeit mit. Ein echter Allrounder ist daher nicht mehr, sondern im Gegenteil weniger haltbar für eine bestimmte Reitsport Disziplin. Es geht aus funktionaler Sicht auch gar nicht anders.

Ich kann den Wunsch nach einem bestimmten Pferd für alle Aufgaben emotional nachvollziehen. Dennoch ist mir fachlich klar, wie unwahrscheinlich es ist, diese gegensätzliche Elemente bedienen zu können. „Ich möchte einen Allrounder!“ Klingt daher in meinen Ohren ein bisschen nach: Ich möchte ein Einhorn! Das wird es nicht geben und macht für eine Reitsportdisziplin vielleicht auch gar nicht so viel Sinn, wie ursprünglich angenommen.

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