Hengst Goldfever I

Wann kann man einem Pferd Härte zusprechen?

Unter Züchtern ist Härte ein gern genanntes Schlagwort. Wenn es um positive Eigenschaften geht, die man gern in seiner Zucht verankern möchte. Aber was ist Härte überhaupt? Nachfolgend möchte ich die einzelnen Punkte weiter ausführen.

Gesundheitliche Widerstandkraft

Ein Pferd, das optimal gehalten wird, hat selten Probleme mit „Wohlstandkrankheiten“ von Stallpferden wie Husten, Kolik oder Mauke. Einige Aspekte der Gesundheit seiner Pferde hat man als Besitzer über die Haltungsbedingungen selbst im Griff. Davon bin ich überzeugt und habe ein sehr geringe Krankheits-Rate in meinem Bestand.

Ich persönlich bin nicht bereit, ein Pferd durchzufüttern, das regelmäßig einen gelben Schein einreicht. Wer Tierarztkosten verursacht, die über Routineuntersuchungen wie Impfung, Wurmkur etc. hinausgehen, der bleibt nicht lange. Verstehen Sie mich nicht falsch: Jedes Pferd kann sich mal verletzen (oder verletzt werden) und wird dann gesund gepflegt.

Aber sobald Krankheiten oder Verletzungen mehrfach oder ohne erkennbare, abstellbare Ursache vorkommen, werde ich skeptisch. Es schleicht sich bei mir insgeheim der Zweifel ein, ob das Pferd entweder zu unvorsichtig oder nicht genügend belastbar ist. Beides ist für ein Zuchtpferd als Elterntier für ein zukünftiges Sportpferd unerlässlich. Darüber hinaus kostet ein krankes Pferd viel Geld im Unterhalt und macht keinen Spaß. Gesundheit, insbesondere bei Zuchttieren, kann nicht hoch genug gewichtet werden!

Körperliche Belastbarkeit

Manche reduzieren körperliche Härte allein auf Robustheit gegenüber widrigen Haltungsbedingungen und Leichtfuttrigkeit. Darunter verstehe ich einen guten Futterverwerter, der trotz magerer Weide im Sommer Fettreserven anlegt und auch bei eisigen Temperaturen mit dickem Plüsch jedem Wetter trotzt. Zugegeben, so ein Pferd ist ein Glücksgriff für jeden Pferdehalter, da ausgesprochen pflegeleicht und günstig im Unterhalt.

Ich verstehe den Wunsch nach einem robusten Pferd. Aber bei meinem Zuchtziel Sportpferd kann ich persönlich an dieser Stelle Abstriche in Kauf nehmen. Denn wollte ich Robustheit zum Zuchtziel deklarieren, gäbe es von den körperlichen Voraussetzungen her sicher geeignetere Ausgangsrassen als moderne Sportpferde. Isländer zum Beispiel.

Eine gewisse Mindest-Wetterfestigkeit setze natürlich auch ich voraus! Bei artgerechten Haltungsbedingungen verbringt ein Pferd nun mal einen Großteil seines Lebens draußen. Dennoch würde ich nie so weit gehen, mich von einem Pferd zu trennen, das friert. Ich rede von einem Pferd, das in Extremsituationen (24 Stunden Dauerregen bei 3°C) lieber im Trockenen steht oder wegen seinem dünnen Winterfell vor lauter Schlottern in der Rückenmuskulatur verhärtet. Wohlgemerkt aber nur solange selbiges Pferd mit einer Decke oder einem Unterstand gerüstet gesund dasteht!

Psychische Belastbarkeit

Die Frage danach, wie nah Genie und Wahnsinn beisammen liegen dürfen, spaltet Reiter wie Züchter gleichermaßen. Ein Pferd, das zwar körperlich hart im Nehmen ist, aber psychisch dem Turnierzirkus nicht gewachsen ist oder nicht mitmacht, ist für den Turnierreiter regelmäßig frustrierend bis unbrauchbar. Dagegen kann ein ambitionierter Freizeitreiter, der vor allem daheim trainiert, an diesem Pferd seine helle Freude haben. Jeder Reiter hat eigene Vorstellungen davon und Vorlieben, wie belastbar ein Pferd psychisch sein muss, um Spaß zu machen.

Ich persönlich gestehe einem sensiblen, mitdenkenden Athleten deutlich mehr Individualität zu, als der durchschnittliche Hobbyreiter mitmachen würde. Einfach weil viele Hochleistungssportler genial sind, aber oftmals auch Flexibilität seitens des Reiters einfordern.

Prüfung der Leistungsfähigkeit über Sportleistung

Wirklich hart geprüft werden kann ein Pferd in meinen Augen nur über Sportleistung. Erst wenn ein Pferd im Sport über die üblichen Belastungsgrenzen hinausgeht und trotz körperlicher Erschöpfung noch Leistungsbereitschaft zeigt, hat es Durchhaltevermögen bewiesen. Ein Pferd, das sportlich nichts leistet, kann keine Härte beweisen.

Ein Pferd, das mehr als 5 Jahre im Turniersport (oder 2 Jahre auf der Rennbahn) gesund überstanden hat, darf man eine gewisse Härte unterstellen. Jedes noch so harte Pferd kann jedoch durch Fehlmanagement und Mangel an Rücksichtnahme in deutlich kürzerer Zeit dahingerafft werden.

Bei Pferden, die sportliche Höchstleistungen erbracht haben, darf man (oder muss sogar) gewisse Abstriche in der Gesundheit machen können. Wer sich Goldfever I im hohen Alter auf dem Pflaster ansieht, darf ihn nicht mir einem Dreijährigen vergleichen. Man darf nicht vergessen, dass dieses Pferd Gewinnsummen-Millionär ist und über Jahre im Top-Sport gehalten hat. Dieselben Abstriche darf man bei einem Pferd, das keiner nennbaren Belastung ausgesetzt war, niemals im gleichen Maße verzeihen.

Die Schwäche des „harten Hundes“

Es gibt auch negative Aspekte von Härte. Ein wirklich „harter Hund“ bringt auch Härte gegenüber sich selbst mit. Das bedeutet, dass ein Pferd selbst unter Schmerzen eine Leistung erbringt, die ihm eigentlich unter diesen Umständen nicht zumutbar wäre. Das kann unter Umständen negativ sein. Weil man bei solchen Pferden als Reiter körperliche Einschränkungen oft erst denn mitbekommt, wenn bereits großer Schaden entstanden ist.

Man kann regelmäßig beobachten, dass lahme Pferde in hohem Erregungsgrad plötzlich wieder klar laufen. Das ist aus Sicht der Natur für ein Fluchttier eine sinnvolle Maßnahme. Denn kranke Pferde wollen nicht als potentielles Opfer aus einer Herde herausstechen und im Fluchtfall mit der Herde mithalten können.

Mir sind Pferde untergekommen, die trotz gesundheitlicher Probleme (von Hufgeschwüre bis zur Fraktur) unermüdlich ihre Leistung erbracht haben.

Ich habe Pferde kennengelernt, die im wahren Sinn des Wortes Leistung bringen, bis sie tot umfallen. Die trotz einem Herzfehler (in diesem Fall spontan durch einen verschleppten Infekt entstanden) ein Musterbeispiel an Leistungsbereitschaft sind. Erst die tierärztliche Messung der Sauerstoffwerte im Blut unter Belastung zeigte den erschreckenden Befund. Dieses Pferd konnte unter keinen Umständen mehr als Reitpferd genutzt werden. Auch wenn dieser Fall ein trauriges Ende nahm, ist das die Sorte Sportpferd, die man in der Zucht verwenden möchte.

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten - geht das? Natürlich. Wissen ebnet den Weg dorthin. Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden.

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