Hunter's Bump

Hunter’s Bump – Rückenleiden bei Springpferden

Im englischen Sprachraum ist der Begriff Hunter’s Bump (oder auch jumper’s bump, nach dem am meisten betroffenen Pferdetypus) eine geläufige Bezeichnung für eine pathologische Veränderung des Rückens. Im Deutschen gibt es keinen vergleichbaren Begriff. Aber das Problem tritt auch hierzulande insbesondere bei Springpferden auf.

Wie sieht ein Hunters Bump aus?

Diese sichtbare Veränderung betrifft die Dornfortsätze der Lenden- und Kreuzwirbel, sowie den Kreuzhöcker. Diese treten überdeutlich hervor oder erscheinen zu stark ausgeprägt. Typisch ist die Lücke vor dem hohen Kreuzhöcker.

Rücken Hunter's Bump

Symptome sind:

  • Asymmetrische Ausprägung der Kruppen Muskulatur
  • mangelnder Antrieb der Hinterhand, manchmal leichte Lahmheit der Hinterhand
  • Unwilligkeit und Steifheit des Pferdes

Das häufigste Krankheitsbild bei ISG-Problematiken ist nach Aussagen der Besitzer gegenüber dem Tierarzt „verminderte Leistungsfähigkeit“. Diese diffuse Aussage ist typisch. Daher bestehen Probleme meist bereits über Monate oder Jahre, bis überhaupt ein Tierarzt aufgesucht wird.

Typischer Verlauf

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass die Scherkräfte, die am ISG wirken, im Galopp wesentlich höher sind als im Schritt oder Trab. Die Phase der stärksten Belastung für das ISG ist, wenn im Galopp das erste Hinterbein auffußt. Dagegen dehnt sich das ISG maximal, wenn die Hinterbeine beide gleichzeitig gestreckt werden, wie z.B. beim Abstoßen der Hinterbeine im Galopp oder beim Absprung bzw. in der maximalen Streckung über dem Sprung.

Die Probleme bestehen paradoxerweise vor allem bei der dressurmäßigen Arbeit in langsameren Gangarten, während sich die Leistungsfähigkeit verbessert, sobald das Pferd galoppiert oder springt.

Grund hierfür ist die geringere Muskelaktivität die eine größere Beweglichkeit des Rückens erlaubt, was wiederum Schmerzen auslöst. Das Springvermögen ist dabei oft nicht ernsthaft beeinträchtigt und die weitere Belastung scheint die klinischen Symptome nicht zu verschlechtern.

Die Steigerung des Krankheitsbildes zu akuten Problemen ist Arthrose im ISG. Wobei auch hier das Vorhandensein von Veränderungen auf dem Röntgenbild nicht immer mit dem klinischen Bewegungsbild übereinstimmt.

Welche Pferde entwickeln einen Hunter’s Bump?

Betroffen sind grundsätzlich Pferde aller Altersgruppen.

Allerdings tritt das Rückenleiden gehäuft bei älteren Pferden oder nach Ruhephasen oder Verletzungspausen auf. Es stellt sich die Frage, ob die Untätigkeit zur Muskelrückbildung führt oder erst durch die Rückbildung die Anzeichen der bereits vorhandenen Veränderung auffallen. Faktoren wie eine gut ausgeprägte Muskulatur im Rückenbereich und/ oder eine dicke Speckschicht könnten verhindern, dass die Veränderung erkannt wird.

Es gibt Faktoren, die Rückenprobleme in Form eines Hunter’s Bump wahrscheinlicher machen. Es muss also von einer größeren Empfindlichkeit bestimmter Pferdetypen ausgegangen werden.

Gefährdung

Ein Hunter’s Bump entsteht gehäuft bei großrahmigen Warmblütern mit langem Darmbein (die Linie von Hüfthöcker zu Sitzbeinhöcker). Ein im Verhältnis zum Hüfthöcker vergleichsweise weit nach hinten verlagertes Lumbosakralgelenk scheint dieses Problem ebenfalls zu begünstigen.

Die Ursache für das Hervorstehen der Tubera sacralia sind meist überdehnte oder gezerrte Iliosakral- Kreuzdarmbein-Bänder. Oft geht diese Veränderung einher mit Muskelschwund im Rückenbereich (M. longissimus dorsi), ob als Ursache oder Folge davon sei dahingestellt.

ISG-Zerrungen und Läsionen im Lendenbereich treten gehäuft bei Pferden auf, die aus hohem Tempo springen, also Spring- und Vielseitigkeitspferde. Meist betrifft dies großramige Pferde mit schwach bemuskelten Kruppen.

Faktoren wie:

  • Größe (Stockmaß über 1,65m),
  • langer Rücken,
  • lange Hintergliedmaßen (Röhrbein),
  • schwache Bemuskelung an Rücken und Kruppe

führen zu einer hohen Beweglichkeit im Rücken. Dies hat eine gesteigerte Wahrscheinlichkeit von akuten und chronischen Schäden wie Zerrung und Entzündung zur Folge.

Eine Frage der Reitweise?

Es erscheint durchaus realistisch, dass der im Springsport oft vorherrschende Reitstil eine solche Entwicklung begünstigt. Gemeint ist wenn ein Pferd beim Abreiten „auf den Kopf gestellt“ ist. Dabei sind die Pferde im schlimmsten Fall heftig aufgerollt und latschen auf der Vorhand. Aber es muss gar nicht sein, dass dies unter großer Krafteinwirkung stattfindet!

Es geht nicht darum, hier einzelne Reiter zu denunzieren. Denn es ließen sich durchaus schlimmere Fotos finden. Es sollen keine Individuen herausgestellt, sondern auf einen Zusammenhang hingewiesen werden. Daher habe ich mir erlaubt ein paar Fotos vom Abreiteplatz von führenden Springreitern auszuwählen.

Abreiten Springplatz

Wer sich die Bilder ansieht, kann unschwer erkennen, dass dieselbe Stelle, die beim Hunter’s Bump Schaden erleidet, stark strapaziert und gestreckt wird. Ein Zusammenhang ist daher naheliegend.

Die Vorhandlastigkeit entsteht, weil die Hinterhand nicht genügend engagiert untertritt. Das nach der klassischen Reitlehre geforderte Durchschieben der Bewegung von hinten nach vorne bleibt aus, die Hinterhand läuft „hinten raus“. Als Folge bleibt die Muskulatur im Rückenbereich nicht genügend ausgeprägt und damit anfällig.

Ist es überhaupt ein medizinisches Problem?

In der veterinärmedizinischen Literatur wird diskutiert, ob der Hunter’s Bump als Krankheit klassifiziert werden kann. Grund hierfür ist, dass viele hochklassige Springpferde diese Rückenveränderung aufweisen und nicht alle hierdurch in ihrer Leistung beeinträchtigt sind.

Es wurde sogar die Vermutung aufgestellt, dass ein Hunter’s Bump sich positiv auf das Springvermögen auswirkt. Dies kommt durch eine bessere Hebelwirkung des langen Rückenmuskels und der Fascia thoracolumbalis, was zur Streckung des Lumbosakralgelenks führt. Dies würde sich in einem besseren Vorwärtsimpuls der Hinterhand äußern und könnte zu einer gesteigerten Leistungsfähigkeit im Springsport führen.

Der Veränderung der Rückenlinie darf nach Meinung mancher Tierärzte nur dann Beachtung geschenkt werden, wenn das Pferd Schmerzen hat. Dies kann sich durch eine Lahmheit, Schmerzen bei Berührung des Rückens oder verminderter Leistungsfähigkeit ankündigen. Manche Tierärzte gehen sogar so weit, einen Hunter’s Bump als Schönheitsmakel und nicht als Krankheit zu verstehen.

Eine solche Beurteilung ist in meinen Augen etwas kurzsichtig. Denn es muss klar gesagt sein, dass es durch Überdehnungen und Zerrungen zu einem Hunter’s Bump kommt. Offensichtlich kann das Pferd konstruktionsbedingt der gewünschten sportlichen Nutzung nicht standhalten. Und was noch viel schlimmer ist: Es ist nicht vorhersehbar, ob sich die Problematik unter Belastung weiter verschlimmert.

Fazit

Es lohnt sich als Reiter (und Züchter) genauer hinzuschauen. Wenn das Pferd ein diffuse Rückenschmerzen hat und regelmäßig springt, sollte man an den Hunter’s Bump denken und genauer hinschauen. Viele Reiter und Züchter kennen den Begriff überhaupt nicht und können daher nicht darauf aufmerksam werden. Gerade Züchter sollten diese Veränderung als Hinweis auf eine Schwachstelle registrieren.

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

Ein Gedanke zu „Hunter’s Bump – Rückenleiden bei Springpferden“

  1. Hallo, danke für diesen spannenden Artikel. Mein Pferd hat nämlich diesen „Hunters Bump“ und erstmal konnte damit keiner so genau etwas anfangen. Nach deinem Artikel ist er prädestiniert dafür: Er war sehr lange im VS Sport unterwegs und hat eben Exterieur bedingt wohl auch die Veranlagung dafür. Was mir hier ein bisschen fehlt: Gibt es Erfahrungswerte ob dieser Hunters Bump auch wieder weggehen („geheilt“) werden kann?

    Schmerzhaft ist er bei meinem zwar nicht, aber wie du schon schreibst, sind auch die restlichen Rückenmuskeln nicht so entwickelt wie sie sein sollten und es dauert immer einige Zeit bis er die Hinterhand wirklich aktiv benutzt beim reiten.

    Ich hatte bisher mehrere Physio und Chiropraktiker dran und helfen konnte mir hier keiner. Ein paar meinten das würde nach der Behandlung verschwinden (tat es natürlich nicht), ein paar das es eine Art von Karpfenrücken ist (nein ist es nicht) usw.

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