Intendant xx

Die Suche nach dem richtigen Vollblüter für die Springpferdezucht

Die Suche nach dem richtigen Vollblüter für die Springpferdezucht gestaltet sich wie die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Zumindest wenn man nicht die richtigen Kriterien anlegt. Eine Beurteilung der Situation und Chancen unter diesen Bedingungen Erfolge zu verzeichnen.

Es gibt durchaus Vollblüter mit genetischem Potential zum Springvererber (siehe Artikel: Springanlage beim Vollblut). Wenn es Vollblüter gibt, die trotz der Selektion auf Renneigenschaften Springveranlagung vererben, so gilt es solche Vollblüter gezielt für die Zucht von Springpferden auszuwählen.

Momentan muss ein Warmblutzüchter sich dagegen mit den für einen deutschen Zuchtverband vorwiegend nach Exterieur gekörten Vollblütern begnügen. Wenn er sich nicht intensiv selbst mit dem Thema auseinandersetzt. (Siehe auch Artikel: Nutzen wir die richtigen Vollbluthengste?)

Problematisch ist dabei das aufgrund der mangelnden Rentabilität nachvollziehbare Desinteresse der Vollblutszene an der Unterstützung dieser Bestrebungen. Dazu kommt, dass die wenigsten Jockeys, Trainer oder Rennpferdebesitzer Ahnung vom Reitsport haben. Wie viele Reiter pflegen umgekehrt ernsthaften Kontakt zur Rennbahn und prüfen Rennpferde bewusst vor dem Kauf auf Springqualität?

Vom Zufallsfund zur Selektion

Die Vollblüter, die in den Reitsport wechseln und dort Leistungen erbringen, sind realistisch betrachtet in 99% der Fälle Zufallsfunde.

Ich sage bewusst Zufallsfunde und nicht Zufall.

Nicht die vorhandene Qualität ist zufällig vorhanden, sondern diese wurde nur zufällig bemerkt. Gehäuft auftretende Zufallsfunde geben dann einen winzigen Einblick in die Leistungsfähigkeit einer bestimmten Abstammung. Das entbehrt natürlich jeder systematischen Grundlage. Dennoch lassen sich Tendenzen herauslesen.

Viel deutlicher kann Springvermögen unter diesen Umständen kaum auftreten.
Wenn ich mir die Erfolge von Vollblütern im Springsport ansehe, halte ich es für ausgeschlossen, dass es keinen genetischen Zusammenhang bei der Springanlage gibt. Dazu ist die Abstammung von Vollblütern im Sport zu stark von bestimmten Individuen geprägt, die offensichtlich Springvermögen vererbt haben.

Die Spezialisierung der Pferdezucht ist heute so weit vorangeschritten, dass einfach irgendeinen Vollblüter zu nutzen nicht mehr genug ist. Nun begnügt man sich aber mit gekörten Vollblütern, die weder Erfolge im Reit- noch Springsport haben. Da muss man sich auch nicht wundern, wenn höchstens „neutrale“ Vererbung zu finden ist.

Ein Vollbluthengst, der sich in Modell, Rittigkeit und Springanlage wie ein spezialisier Warmblüter präsentiert, ist die Nadel im Heuhaufen. Es gleicht einem Lotteriespiel nach einem solchen Hengst zu suchen, der dann diese Fähigkeiten auch noch vererben soll. Um in diesem Lotteriespiel mehr Chancen zu haben, muss ergründet werden, welche Faktoren einen springenden Vollblüter prägen.

Klingt logisch, nun zu der schwierigen Frage:

Wie erkennt man diese Vollblüter?

Springveranlagung ist eben nur schwer auf der Rennbahn oder der Weide zu erkennen, sondern vor allem am Sprung. Nur dort müssen die Vollblüter erst einmal ankommen, im Idealfall noch mit einem Minimum an Routine und nicht als Einmal-Ereignis.

Nachfolgend sollen verschiedene Auswahlkriterien ausgeführt werden, die Gedanken und Anregungen liefern, um bei dieser Suche Erfolg zu haben.

Auswahlkriterium: S-Erfolge im Springsport

Die am ehesten einleuchtende Variante ist wohl die Nutzung von sporterfolgreichen Hengsten. Da es in Europa nur wenige Vollbluthengste mit Erfolgen in der Klasse S im Springen gibt, ist dieser Ansatz merklich begrenzt. Sie müssen zudem züchterisch zur Verfügung stehen. Dies sind momentan: Roven xx, Favoritas xx, Duc D’Autheuil xx, Gluosnis xx, Big Cavallieri xx, Coconut Grove xx, Bright Silver xx und French Buffet xx.

Selbstverständlich sind diese Hengste in Manier und Exterieur nicht ohne Schwächen. Eine Anpaarung kann nur bei einer passenden Stute Sinn machen. Die begrenzte Auswahl und weite Verstreuung der Hengste macht dieses Vorhaben nicht einfacher. Schließlich sollte auch ein bisschen Information über den entsprechenden Hengst und seine Nachzucht vorliegen, bevor eine Anpaarung vorgenommen wird.

Auswahlkriterium: Auswahl über Eigenleistung am Sprung

Eine weitere Möglichkeit ist die Suche nach einem Vollbluthengst ohne Sporterfolge bis S, aber mit dem nötigen sportlichen Potential. Die größere Verfügbarkeit an solchen Hengsten könnte ein entscheidender Vorteil sein, um Potential früh zu erkennen.

Ohne Sporterfolge ist solch ein Pferd aber logischerweise schwer auszumachen. Eine abschließende Beurteilung ist erst mit genügend Nachzucht möglich. Naturgemäß sind die meisten Hengste dann schon alt oder verstorben. Law Society xx und Be my Guest xx sind mittlerweile verstorbene Hengste, die über ihre Nachkommen Springveranlagung bewiesen haben, ohne eine Nutzung in der Warmblutzucht erfahren zu haben.

Nur diejenigen Hengste, die für die Warmblutzucht gekört wurden, stehen wirklich sicher zur Verfügung. Eine gewisse Hoffnung könnte man in Hengste wie Nobre xx, Tipsy’s Pet xx, Papellito xx und Mulligan xx legen. Hier sind eigene Sporterfolge auf L-Niveau vorhanden, eine gewisse Springveranlagung ist also erwiesen.

Darüber hinaus ein Fragonard xx, Beryllus xx, Careless Secretary xx, Kubaner xx oder Cyrkon xx mit eindeutigem Talent am Sprung. Aber ihre bisherige marginale züchterische Nutzung macht einen züchterisch eindeutigen Erfolg nicht besonders aussichtsreich.

Weitere Hintergründe: Zur Springmanier von blütigen Pferden

Auswahlkriterium: Exterieur

Ich komme gleich zum Problem bei diesem Ansatz: Ein Modellathlet ist eben noch lange kein Sportler, wie auch in meinem Artikel Exterieur und Leistung beschrieben. Die Suche nach einem Hengst mit einem als geeignet anzusehenden Exterieur ist vor diesem Hintergrund problematisch.

Gewisse Exterieurschwächen müssen jedem Sportler (und Lebewesen!) zugestanden werden, daher ist ein Optimum schwierig zum Maßstab zu erheben. Darüber hinaus muss solch ein Pferd nicht nur existieren, sondern auch für die Warmblutzucht verfügbar sein. Alle diese Einschränkungen legen zu viele Hindernisse in den Weg, als dass der daraus entstehende Nutzen gerechtfertigt wäre. Weiterhin stellt sich die Frage, wie ein Springpferd überhaupt auszusehen hat? Wo die heutigen Leistungspferde im Sport doch ein sehr unterschiedliches Bild abgeben. Wo der Sport so viel Raum für Varianz lässt, muss auch Raum für Zugeständnisse in der Zucht sein.

Die Hengste Hand in Glove xx und Laudanum xx stammen aus den USA und haben selbst S-Erfolge im Springen vorzuweisen. Sie sind ein Beispiel für die Auswahl von Hengsten nach dem Leistungsgedanken. Die unterschiedliche Optik der beiden Hengste ist beispielhaft für die Problematik der unterschiedlichen Leistungstypen. Hand in Glove xx mit über 1.70m Größe, viel Rahmen und der Rappfarbe. Während Laudanum xx ein kleiner Fuchs mit beinahe ponyhaft schmalem Äußeren und überbauter Kruppe war. Unterschiedlicher hätten die Beiden jedenfalls kaum sein können. Beide hatten jedoch in der Vererbung gewisse Gemeinsamkeiten. Sie waren beide „kalte“ Blüter, die also Nachkommen mit wenig veredelter Optik gebracht haben. Eine Anpaarung an blütige Stuten war Pflicht, um Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Der international erfolgreiche Hengst Jaguar Mail von Hand in Glove xx/ Landanum xx beweist dies eindrucksvoll. Trotz seines hohen Blutanteils ist auch von ihm keine blütige Vererbung zu erwarten. Er braucht wie sein Vater und Muttervater zuvor weiterhin Blutstuten, um gute Zuchtprodukte zu bringen.

Auswahlkriterium: Pedigree

Es nutzt wenig auf legendäre Vererber zu verweisen, die seit vielen Generationen tot sind. Sicher ist es einfach einem Dark Ronald, Blandford, Tourbillon, Teddy, etc. heute eine deutliche Springvererbung nachzusagen. Nur was nutzt das heute noch? Diese Hengste sind schließlich nicht erst seit gestern züchterisch nicht mehr verfügbar. Darüber hinaus haben diese einen hohen Einfluss in der Vollblutzucht erlangt, dass sie in beinahe jedem Pedigree „irgendwo ganz hinten“ zu finden sind.

Die Beurteilung der Abstammungen von (Spring-)sporterfolgreichen Vollblütern zeigt recht eindeutige Korrelationen zu bestimmten Hengsten und Stutenlinien. Allerdings kommen auch viele Namen von Vollblütern vor, die schlicht viel gedeckt haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Name in einem Vollblut-Pedigree auftaucht, ist somit (unabhängig der Springveranlagung) hoch.

Bei Analysen des Pedigrees müssen Kontrollgruppen aus denselben Jahrgängen herangezogen werden, die einen Vergleich erlauben. Damit sind manche Häufungen im Pedigree leider schnell als Trugschluss enttarnt.

Als Beispiel sei der viel besprochene Hengst Northern Dancer xx aufgeführt. Dieser kommt bei 30% der für die Warmblutzucht gekörten Hengste ab Jahrgang 1980 vor. Dies mit einem Anteil von durchschnittlich 10%, also knapp 3. Generation im Pedigree. Das klingt erst einmal viel. Dieser Wert ist bei Vollblütern mit internationalen Erfolgen als Spring- oder Vielseitigkeitspferd aber bereits deutlich niedriger. Northern Dancer xx besticht also mit steter Präsenz in der Vollblutzucht, aber offenbar nicht so sehr mit Springvermögen. Da sind ihm selbst Hengste mit deutlich geringerem züchterischen Einfluss  weit voraus.

Problematisch ist ebenso immer die retrograde Beweisführung. Wenn erst einmal erfolgreiche Nachkommen vorhanden sind, kann man nicht wirklich von einer Vorhersage sprechen. Wenn diese noch nicht oder nur in extrem geringer Anzahl vorhanden sind, besteht der Verdacht des Zufalls. Allein aufgrund der geringen Bedeckungszahlen und weiten Verbreitung der Nachkommen der meisten Vollblüter ist eine abschließende Beurteilung der Nachzucht schwierig. Viele Vollblüter werden nie mehr als ein oder zwei international erfolgreiche Nachkommen haben.

Es gilt also bevorzugt Kriterien zu finden, die Springpotential bei aktiven Vollblütern aufdecken, um diese früh genug züchterisch zu würdigen.

Auswahlkriterium: Linienzucht auf Springlinien

Ein Ansatz ist die Linienzucht auf bewiesener Springvererber. Die Hoffnung dieses Potential durch eine gezielte Linienzucht wieder zu beleben, ist durchaus berechtigt. Dazu darf das Endprodukt natürlich nicht vollkommen springbefreit sein, das Vertrauen auf ein Papier darf nicht genügen. Ebenso sollte in möglichst dichter Folge das gewünschte Blut zu finden sein und das möglichst nicht erst in der 10. Generation.

Eine gezielte Linienzucht auf bestimmte Hengste ist die einzige Chance eine gewisse Vererbungssicherheit in der Nachzucht zu erhalten. Diese Pferde mit gezielter Linienzucht entstehen aber in den seltensten Fällen als Zufallsprodukte. Linienzucht ist schließlich auch ein Ansatz, den Vollblutzüchter mit Rennpferden akribisch verfolgen. An gelungenen Produkten herrscht also logischerweise in beiden Lagern Interesse. Denn welcher Züchter wird schon eine Linienzucht auf einen unpopulären Vererber versuchen? Aus Rennsportperspektive züchterisch wertvolle Exemplare werden demnach auch ihre Begehrlichkeiten erzielen.

Gezielt springbegabte Linien zusammenzuführen ist bei der Anpaarung von Vollblut mit Warmblut oft schwierig. Wegen der äußerst begrenzten Auswahl an potentiellen Partnern mit deutlicher Linienzucht auf gemeinsame Ahnen ist Vorsicht angebracht. Die Kandidaten sollen schließlich zueinander passen und nicht nur auf dem Papier eine nette Ergänzung darstellen. Dies ist die schwierigste und zugleich wichtigste Auflage, die es zu beachten gilt.

Die Sinnhaftigkeit dieses Ansatzes orientiert sich maßgeblich daran, wie deutlich der Einfluss des gewählten Hengstes oder der Stutenlinie sein kann. Dies vor allem weil sich solche merklichen Anhäufungen erst in hinteren Generationen verwirklichen lassen. Eine Linienzucht sollte möglichst bereits in 4. bis 6. Generation angestrebt werden, um eine Wirkung entfalten zu können.

Weiter zu diesem Thema: Springanlage beim Vollblut

Auswahlkriterium: Vollblut von einem in der Warmblutzucht aktiven Vollbluthengst

Durchaus erfolgversprechend ist auch die Variante eine Vollblutstute gezielt an einen in der Warmblutzucht herausragenden Vollbluthengst anzupaaren. Beispiele für diese Praktik sind die gekörten Hengste Lovely Crusador xx oder United Nations xx (beide von Lauries Crusador xx). Weiterhin steht in England der Hengst Handsome Stranger xx von Hand in Glove xx. Hier wurde der sport- und zuchterfolgreiche Vollbluthengst Hand in Glove xx an eine springbegabte französische Mutterlinie angepaart.

Leider ist dieser Ansatz nicht weit verbreitet, da der Markt für blutgeprägte und reine Vollblüter als Reitpferd nicht besonders lohnend ist. Für den Springsektor gibt es in Deutschland bislang kein solches Zuchtprodukt.

Größere Betriebe (wie das Gestüt Birkhof mit Herka xx, einer Vollschwester zu Heraldik xx und Mutter der gekörten Hengste Meraldik und Royaldik) werden aufgrund der Vermarktung lieber Anpaarungen mit Warmbluthengsten vornehmen. Es gibt keine echte Veranlassung solch ein Experiment anzugehen. Ein Hengstfohlen aus solch einer Anpaarung ist für einen kleinen Züchter zur Vermarktung kaum tragbar. Sollte hingegen ein Stutfohlen in erwarteter Qualität fallen, so ist nicht von einem Verkauf auszugehen.

Der Erwerb eines Nachkommen eines Hengstes, der sowohl in Vollblut-, als auch in der Warmblutzucht aktiv war, verspricht qualitätvolle Nachkommen. Bei diesem Ansatz ließe sich bei entsprechend gutem Mutterstamm die züchterische Qualität des Vaters voll ausschöpfen. Im Idealfall wäre das Pedigree noch auf Springen gezogen, um die Qualität des Vatertiers optimal auszunutzen.

Weiter mit einem ähnlichem Thema: Der optimale Vollblutanteil beim Sportpferd

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten - geht das? Natürlich. Wissen ebnet den Weg dorthin. Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden.

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