Emotionen an der Longe

Emotionen im Zaum halten

Wie oft haben Sie sich schon gewünscht, im Umgang mit dem eigenen Pferd gelassener umzugehen? Auch ich ertappe mich hin und wieder dabei, dass ich erwarte, dass sich eins von meinen selbst gezogenen Pferden verhält, wie seine Mutter es getan hätte. Oder man sich ärgert, wenn das Pferd nicht das tut, was man erwartet. Man investiert schließlich viel Hoffnung in ein Pferd und hat dann kaum emotionalen Abstand zu ihm. Warum Emotionen nicht immer ein guter Ratgeber sind.

Mit fremden Pferden arbeiten

Interessanterweise beobachte ich oft, dass es Reitern mit fremden Pferden leichter fällt schwierige Dinge gelassen anzugehen. Weil die Vorgeschichte und damit die Erwartungshaltung fehlen. Da kann man schon mal großmütig sagen „dann eben nicht heute sondern morgen“.

Auch erfahrene Menschen brauchen dafür manchmal Hilfe von außen. Denn alle schlechten Erfahrungen mit dem Pferd sorgen für Chaos im Kopf. Durch Emotionen und Gedanken, die eher hinderlich als förderlich sind. Schließlich sind Enttäuschung und Frust keine guten Ratgeber. Unbefangenheit ist da besser.

Ganz nüchtern sind wir nicht im Umgang mit dem eigenen Pferd. Daher ist Hilfe von außen manchmal notwendig, wenn eine festgefahrene Situation sich ergeben hat. Das bietet Raum für neue Lösungen.

Ursachen klären

Emotionen bewirken aber auch manchmal Negatives. Denn statt großzügig über Fehlverhalten hinwegzusehen, wird akribisch am Plan festgehalten. Der will nur nicht! Heißt es dann schnell. (siehe auch: Setz dich durch, der will nur nicht!)

Aber will das Pferd wirklich nicht? Oder versucht er sich nur unserer verbissenen Herangehensweise zu entziehen? Hat gar nicht verstanden was es eigentlich tun soll? Oder ist einfach körperlich oder geistig noch nicht soweit?

Seine eigene Wut und Enttäuschung sollte man nie am Pferd auslassen! Das fällt umso schwerer, desto weiter sich das Pferd vom gewünschten Ideal wegbewegt. Aber Pferde tun nichts ohne Grund. Also hilft es nur ruhig zu bleiben und alternative Lösungswege zu finden, statt sich immer nur durchsetzen zu wollen.

Je mehr Pferde man ausgebildet hat, desto ruhiger wird man mit der Zeit. Theoretisch. Natürlich gibt es Pferde, die eine ganz besondere Herausforderung darstellen. (siehe auch: Ein Faible für schwierige Pferde)

Unsere Pferde fordern und bewegen uns emotional. Das ist gut so. Aber so wird das ungewünschte Verhalten des Pferdes schnell als Affront gegenüber dem Reiter gewertet. Das ist es aber meist nüchtern betrachtet gar nicht. (siehe auch: Das Dominanz Konzept – Alter Hut neu erklärt)

Wer keinen Ausweg sieht, greift oft zu härteren Methoden als nötig. Es hilft Ruhe zu bewahren. Leichter gesagt als getan!

Von Betriebsblindheit

Ich habe mal ein Pferd in einer Longierhalle longiert, das immer auf der rechten Hand, wenn es in Richtung Ausgang ging, heftig beschleunigte. Zu Beginn dachte ich das junge Pferd wollte einen Blick über das Tor nach draußen erhaschen. Oder gern die Halle verlassen. Ich dachte das Verhalten würde sich schon von alleine geben und ignorierte es.

Aber es wurde schlimmer. Im Galopp konnte man es nicht arbeiten, weil das Pferd wirklich mit Vollgas auf das Tor durchstartete. Ich versuchte sehr bewusst mich neutral auf die Gurtlage des Pferdes auszurichten, also nach klassischer Lehrmeinung keine treibende Position hinter dem Pferd einzunehmen. In dem Bewusstsein hier meinerseits alles Nötige beizutragen, nervte mich das Verhalten des Pferdes ziemlich.

Erst als ich eines Tages das Pferd draußen longierte und es genau das selbe Verhalten ohne Tor zeigte wurde ich nachdenklich. Ich versuchte meine Position zu ändern, indem ich meinen Oberkörper mehr zur Zirkelinnenseite eindrehte. Die Schultern des Pferdes und meine eigenen waren also in etwa parallel. Im selben Augenblick war das Problem, das uns über mehrere Wochen verfolgte, von einer Sekunde auf die andere erledigt. Das Pferd hat es nie wieder gezeigt.

Das Problem war nie das Tor. Das hatte mir durch seine Anwensenheit nur eine alternative Erklärung für das Verhalten geliefert. Das Problem war, dass dieses sehr fleißige Pferd sich offensichtlich stark unter Druck gesetzt fühlte durch meine Körperposition. Diese war offenbar auf der rechten Hand stärker störend als auf der linken.

Manchmal fällt es einem wie Schuppen von den Augen, dass uns die Pferde so viel feiner beobachten, als wir es selbst wahrnehmen. Ich hätte natürlich auch weiter auf das blöde Pferd schimpfen können. Oder es durch ziehen im Maul an der Flucht hindern wollen.

Wie Abert Einstein einmal sagte: Es nützt nichts weiter dasselbe zu tun, aber auf ein anderes Ergebnis zu hoffen. Der Mensch als intelligente Wesen sollte sich bemühen aus dieser Erwartung auszusteigen.

Fazit

Bitte nicht falsch verstehen, völlig emotionslos ausbilden ist nicht das Ziel und sollte man ein Pferd nicht. Es soll die echte Freude hören, die in der Stimme mitschwingt. Das motiviert ungemein!

Wer von seinem Pferd Konzentration fordert, der sollte selbst auch ohne Ablenkungen emotionaler Art beim Pferd sein. Nur wer frei von rasenden Gedanken ist, kann Gelassenheit ausstrahlen.

Die Pferde spiegeln uns. Somit lohnt es sich oft darüber nachzudenken, wie man es dem Pferd leichter statt schwerer machen kann. Manchmal muss man sich dafür ziemlich zusammenreißen. Aber es lohnt sich!

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Denkpausen gezielt nutzen oder Was macht einen richtigen Pferdemenschen aus?

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

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