Fohlen springt über Stute

Kein Pferd springt freiwillig! Oder doch?

Kein Pferd wird freiwillig Springen!

Da sind sich Laien oft sicher. Denn das Fluchttier Pferd wird ein Hindernis umgehen, sofern es die Chance dazu hat.

Springreiten ist demnach irgendwo ganz nah an der Tierquälerei, wenn nicht darüber hinaus. Aber ist das wirklich wahr? Ein Plädoyer für Springpferde aus Leidenschaft.

Eine wahre Begebenheit

Ich möchte eine kleine Anekdote erzählen, um mit diesem verbreiteten Vorurteil aufzuräumen.

Mein Vater war immer der Meinung, ein Pferd könne kein Spaß am Springen haben oder würde das zumindest nicht freiwillig tun. Ein Vorfall im Jahr 1999 ließ ihn seine Meinung ändern.

Mein damaliger Warmblut-Wallach namens Astor, hat Springen geliebt.

So habe ich es gesehen. Mir als Reiter war natürlich klar, dass ein Pferd, das ich als Teenager nur mit Halsring und ohne Sattel durch ganze Parcours steuern konnte, eine ebensolche Freude am Springen hatte wie ich. Egal wie schief ich ihn auch zum Sprung hingeritten habe, egal wie hoch der Sprung war – es wäre ihm nicht im Traum einfallen zu verweigern. Er war ein verlässlicher Sportpartner, von dem ich viel lernen durfte.

Mit diesem Wallach waren wir nun im Sommer zu Besuch bei Freunden in der Nähe von Husum. Wir fuhren in die Marsch zum Ausreiten und ließen die Pferde zum Übernachten auf einer Sommer-Weide vor Ort. Auf der Weide standen im vorderen Bereich ein paar Sprünge aufgebaut. Die Weide war langgezogen und die Pferde tobten erstmal so richtig gemeinsam los. Die Gruppe von vier Pferden schoss also im wilden Galopp die Weide hoch und runter.

Soweit nicht ungewöhnlich.

Bei jeder Runde löste sich mein Astor jedoch aus der Gruppe, lief einen Schlenker von der Gruppe weg und übersprang einen der Sprünge, der dort prominent auf freier Fläche stand.

Ich lachte. Mein Vater schaute ungläubig zu: „Warum macht der das?“

Gute Frage! Dieses Pferd hat offensichtlich Spaß daran.

„Aber er könnte doch ganz leicht drum herum. Und die anderen Pferde laufen sogar in eine andere Richtung als er.“

Schulterzucken meinerseits. Es hat mich nicht gänzlich erstaunt.

Das war der Tag, an dem mein Vater mir endlich glaubte, dass ein Pferd

a) Spaß am Springen haben kann und
b) Ohne jeden Zwang durch den Reiter dies auch freiwillig tut.

Woher stammen die Zweifel an der echten Freude des Pferdes am Springen?

Mich persönlich braucht niemand mehr überzeugen, weil ich viele Pferde kennengelernt habe, die enormen Spaß am Springen hatten (und haben!). Eine tiefe emotionale Verbundenheit zum Pferd anzustreben und sportliche Leistung abzufragen, sind für mich daher keine Gegensätze. Es gibt nur zu viele Reiter, die dieses Ideal nicht erreichen.

Ich finde es bedauerlich, wenn Menschen, ohne Pferdeerfahrung oder auch Pferdebesitzer ohne sportliche Ambitionen, sich nicht vorstellen können, dass etwas anderes als Schmerz oder Zwang als Motivation für ein Pferd dienen könnte, um es dazu zu bewegen zu Springen. (Wie genau man ein 650 Kg Pferd dazu bewegt, Dinge zu tun, die es verabscheut, muss man mir noch mal in Ruhe erklären.)

Wer meint, reiterliche Manipulation habe dazu geführt, dass Pferde sich selbst vergessen und unter Erwartung von Strafe mitmachen, dem möchte ich meine Bilder zeigen. Denn meine gänzlich freiwillig springenden Fohlen sollten jedem Zweifler das Gegenteil beweisen. Garantiert kein Photoshop, garantiert ohne jede Manipulation meinerseits entstanden.

Warum tun die Fohlen das? Fohlen sind neugierig, toben herum, messen ihre Kräfte und kommen manchmal auf ziemlich wilde Ideen. Damit überraschen sie selbst mich. Und meine Zuchtstuten machen echt was mit.

Für das Springen geboren

Man kann es sich zwar kaum vorstellen, aber es gibt wirklich Pferde, die es am Sprung zu bremsen gilt.

Denn Jeder, der schon mal ein solches Pferd unter dem Hintern hatte, wird bestätigen können, dass es echte Sprung-Such-Maschinen unter den Spring- und Vielseitigkeitspferden gibt. Diese Pferde wollen aus jeder Lebenslage springen, sind voller Ehrgeiz und bereit jeden Sprung zu inhalieren. Da muss man als Reiter fast schon vorsichtig sein, dass das Pferd es mit dem großen Ehrgeiz nicht übertreibt. Denn auch diese Pferde können sich selbst überschätzen und man darf ihnen nur Situationen zumuten, die sie bewältigen können.

Solch ein springverrücktes Pferd muss nicht mal ein Ausnahmesportler sein. Es kann durchaus sein, dass es hinsichtlich seines Vermögens begrenzt ist. Aber der unbedingte Willen einen Sprung fehlerfrei zu überwinden, der existiert auch bei Pferden. Bei Arbeitshunden gibt es mit „will to please“ (Englisch für: gefallen wollen) sogar eine Bezeichnung dafür.

Sind diese Pferde alle so manipuliert oder züchterisch degeneriert, dass sie nicht mehr wissen, was sich für ein Wildtier geziemt? Vorsicht, jetzt wird es richtig wild…

Wildtiere auch noch!?

Jawohl! Auch vor Wildtieren macht die Springfreude nicht Halt. Meine Beobachtungen von Zebras (im Zoo) haben gezeigt, dass auch diese, wenn sie die Laune packt, über kleine Hindernisse hüpfen. Zum Glück hatte ich die Kamera dabei, denn das glaubt mir sonst langsam wirklich keiner mehr.

Zebra Sprung

Zugegeben, das sind keine sportlichen Höchstleistungen. Aber es geschieht zweifellos gänzlich freiwillig. Niemand hat die Zebras willenlos gemacht, über Freispringen manipuliert, oder ihnen Springen als unausweichliches Ziel einer gemeinsamen Reise präsentiert.

Das gibt es wirklich! Also bitte liebe Tierschützer, die ihr an das Wohl des Pferdes denkt: Dieses Vorhaben ist löblich, aber im Falle von Springpferden nicht immer angebracht. Da gibt es wirklich dankbarere Empfänger.

Und zum Abschluss für alle Zweifler noch ein Video, von einem Pferd, das bezeichnenderweise sogar deutlich besser springt, nachdem die Reiterin unfreiwillig den Sattel verlassen hat.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Dressur naturgemäß

Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.