Pferdebeurteilung – Darf es ein bisschen mehr (Pferd) sein?

Eine Typfrage: Schlachtroß oder Showpüppchen? Wer sich ein paar Jahrzehnte zurückversetzt, der findet viele Fotos von derben, schweren Pferden. Das war früher einmal die Norm. Davon findet man an entlegenen Orten und ländlichen Turnieren noch immer ein paar Exemplare. Aber auf den Körplätzen dieser Welt stirbt dieser Typus definitiv aus. Der Trend geht zu hochbeinigen, modernen Pferden. Ein häufiges Argument lautet: Das schadet der Haltbarkeit unserer Sportpferd. Aber stimmt das überhaupt?

Revival des schwerenTyps?

Dampfwalze, Kavalleriepferd, alter Schlag, massiger Bulle – egal wie man es bezeichnet, dieser Pferdetyp hat unter Zuchtleitern nicht viele Freunde.

Dagegen gibt es durchaus Reiterkreise, die auf die Wiederbelebung eines alten Schlages setzen. Vor lauter höher, schneller, weiter, in der Pferdezucht fühlen sich manche Reiter abgehängt.

Viele traditionsbewusste Personen scheinen einen Trend hin zu einem starkknochigen, schweren Pferd zu verfolgen und diese Sorte Pferd sogar den modernen Typen gegenüber zu bevorzugen. Das klingt im ersten Moment wie eine Erholung von den vielen schicken Schwarzen im Mainstream.

Jede Bewegung hat eine Gegenbewegung, das ist ein Naturgesetz.

Die Frage der Haltbarkeit

Aber um auf die Frage zurück zu kommen: Ich glaube nicht, per se, dass das eine oder andere Pferdetyp gesünder ist. Dafür ist Haltbarkeit ein viel zu vielschichtiges Thema. Darüber hinaus ist Gesundheit auch immer von einem guten Management abhängig. Auch das robusteste Pferd geht vor die Hunde, wenn es nicht ein Minimum an Pflege erfährt.

Nur was heißt denn Pflege?

  • Bei 24 Stunden Weidegang Eindecken im Winter oder Unterstand bereitstellen,
  • ganzjährige Versorgung mit Kraftfutter und/ oder Heu,
  • regelmäßige Pflegemaßnahmen durch Tierarzt, Hufschmied, Physio und Zahnbehandlung?

Für manche Reiter ist das Standard, für Andere schon ein Pferd am pflegeintensiven Ende.

Schönheitsideal im Wandel

Ich glaube viele Menschen sind so auf Ausgewogenheit und Schönheit fixiert, dass sie den Unterschied gar nicht mehr sehen. Vor lauter Schnabel und Hengsthals wird auf das restliche Pferd nicht mehr geschaut. Bei manchen Fohlenschauen hat man den Eindruck die Bezeichnung „Typ“ wird heute nur noch für das Merkmal Kopf angewendet, so möchte ich es aber nicht verstanden wissen. Ein Pferd kann enormen Ausdruck und Präsenz haben, ohne einen schicken Schnabel zu haben – ein toller Typ eben.

Ich persönlich sage dazu: Sportlich darf ein Pferd gerne sein. Dagegen ist schick für mich persönlich ein Bonus, auf den es nicht ankommt. Ich verurteile keine Schönlinge, ich erwarte nur dieselbe Leistung von ihnen, wie von den derben Exemplaren.

Auf der Suche nach Black Beauty

Jede Generation hat ihr Traumpferd. Bei den Älteren ist es Fury, später Black Beauty und heute eher Ostwind. So formen die Gewohnheiten die Wünsche. Gemeinsam haben diese drei Pferde mehrere Punkte: Sie sind schwarz und Hengste.

Ich staune, wie eindimensioniert Pferde (insbesondere Hengste auf Hengstpräsentationen) wahrgenommen werden. Vor lauter entzücktem „oh“ und „ah“ beschränkt man sich auf Merkmale wie Babyface und Mega-Hals, während der restliche Körper überhaupt nur am Rande wahrgenommen wird. Verstellungen und durchtrittig – wo denn? In der Dressur ist dieses Phänomen der Suche nach Black Beauty sicher stärker ausgeprägt, als im Springen. Hochbeinig sollen sie sein, dunkel und ästhetisch mit großen Augen daherkommen. (siehe auch: Modetrends in der Pferdezucht)

Reitsport ist Frauensport. Ich glaube, daran könnte es liegen, dass die Optik für viele so in den Vordergrund rückt. Das Pferd wird zum Schmuckstück, mit dem man sich inszeniert. „Die behandeln ihr Pferd wie eine 650kg Handtasche“ kommentierte mein Freund, als ich ihn mal spaßeshalber durch die aktuellen Instagram Berühmtheiten des Reitsportes führte. Da ist was dran! Schade, dass darunter das Sehen des Pferdes, seiner Eigenheiten und Charaktereigenschaften so reduziert wird.

Optik und Gesundheit

Gibt es Zusammenhänge zwischen diesen Faktoren, dann gilt es diese zu berücksichtigen. Denn auch hier täuscht der erste Eindruck schon mal. Kann man die Optik losgelöst von den gesundheitlichen Konsequenzen betrachten? Das fällt mir als Züchter schwer.

Als gesundheitlich robust könnten sich auch Püppchen erweisen. Man schau sich nur mal die Shetlandponys an, da ist nun wahrlich nicht viel dran. Dass der reine Knochenumfang eines Pferdes nicht unbedingt mit deren Knochendichte und Haltbarkeit zu tun hat, hat sich noch nicht überall rumgesprochen. Fakt ist, was Knochendichte angeht, liegt der Araber vorne und der hat gemeinhin ziemlich zarte Beine – die trotzdem halten.

Exterieur und Daten

Jetzt bin ich in Sachen Exterieur und Korrektheit sicher kein übermäßiger Fehlergucker. Will sagen, ich sehe Defizite in der Pferdebeurteilung durchaus, messe ihnen aber nicht immer dieselbe Bedeutung zu, wie das Lehrbuch. Die Praxis lehrt einen, was haltbar ist im Sport und was nicht. Meine Wahrnehmung ist jedenfalls eine gänzlich andere, als das, was ich in Exterieur Bibeln zu sehen bekomme.

Lineare Beschreibung ist an sich eine gute Idee. Standardisierung und Vereinheitlichung von Daten, ich bin ein Fan von Daten und von der Sinnhaftigkeit eines solchen Vorgehens grundsätzlich leicht zu überzeugen. Die längeren oder kürzeren Beine oder Hälse gleich als Makel abzutun, das ist aber sicher zu kurz gedacht. Denn ein Pferd ist mehr als die Summe seiner Einzelteile.

Fazit

Ich erkenne beim besten Willen und trotz meinem eigenen Faible für leichtere Pferdetypen in meiner Sportpferdezucht keinen Grund, warum das eine oder andere Ideal in der Pferdebeurteilung bevorzugt werden sollte. Aus rein züchterischer Perspektive haben beide Typen Pferd ihre Vorzüge und ich möchte lieber lehren, genauer hinzusehen, als zu pauschalisieren.

Ich halte es für nichts mehr als Liebhaberei, welche Sorte Pferd man in der Pferdebeurteilung nun bevorzugt. Obwohl ich mich zuletzt sehr intensiv mit Siegern im Reitsport auseinandergesetzt habe, sehe ich keinen Anhalt dafür, davon auszugehen, das die eine Pferdeform als gesünder zu empfinden, als die Andere.

Eine Sache stelle ich fest: Diese Debatte wird mitunter nicht ganz nüchtern, sondern emotionsgeladen diskutiert. Ich beobachte, dass viele Reiter einen Typ Pferd haben, den sich schon als Kind toll fanden. Vielleicht ticken wir alle noch viel einfacher als gedacht.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Muskelfasertyp und Sportleistung oder Exterieur eines Sportpferdes

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

Ein Gedanke zu „Pferdebeurteilung – Darf es ein bisschen mehr (Pferd) sein?“

  1. Ich stimme dir insofern zu, als dass mehr Masse beim Pferd kein Problem ist. Allerdings beobachte ich immer wieder, dass es für die Pferde zum Problem wird, weil ihnen eine Belastbarkeit zugeschrieben wird, die sie effektiv meist nicht haben. So erlebt bei einer Frau, deren Pferd wegen Trageerschöpfung zum Rentner wurde und die sich dann einen Schleswiger anschaffte, statt zu lernen, wie man ein Pferd schonend reitet. Langer, weicher Rücken, wenig Weidegang durch Maukeneigung (vielmehr, durch eine zu nasse Weide), Ende vom Lied sind jetzt zwei Rentner. Wirklich sprachlos war ich allerdings bei der Frau, die sich einen schweren Warmblüter kaufte mit der Begründung, neben ihrem alten Pferd sähe sie auf Bildern zu dick aus. Dein Freund hat die Sachlage da ganz klar erkannt.

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