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Wie viele Generationen sind in einem Pedigree relevant?

Züchter können das Alte bewahren oder das Neue entstehen lassen. Wie zukunftsgerichtet ein Pferdezüchter ist, zeigt sich in manchen althergebrachten Glaubenssätzen, die sich einfach nicht ausrotten lassen. Da ist es auch vergleichsweise egal, wie viele Belege zum Gegenteil existieren. Ich habe mich in diesem Beitrag der Frage gewidmet, wie viele Generationen in einem Pedigree für den den Züchter von heute Berücksichtigung finden sollten.

Von der Tradition

Das Prinzip in der Pferdezucht „das Beste mit dem Besten zu verbinden und das Beste zu hoffen“ wurde bereits vor über 200 Jahren von Robert Bakewell (1725-1795) in der Vollblutzucht praktiziert. Seitdem hat sich die Vorgehensweise vielerorts nicht mehr deutlich verfeinert.

Bei Züchtern heißt es oft, man müsse die Ahnen seines Pferdes besonders gut kennen. Dabei mindestens 6 Generationen zu Rate ziehen, besser noch 12 Generationen. Oder auch „Genetik vergisst nicht“. Als wäre es eine mystische Ursuppe, die man da als Züchter zusammenrührt, wo sich bestimmte Ahnen -wie bei der Homöopathie- trotz Reduzierung in der Masse in ihrer Wirkung potenzieren lassen.

Durch Inzuchtkomponenten kann man das Phänomen der Mehrung der Ahnen entgegen vielen anders lautenden Theorien nicht beliebig mit Leistungsverbesserung ausbeuten. Der Anteil eines so fernen Ahnen ist so gering, dass er auch durch zehnfache Potenzierung nicht mehr erheblich zunimmt.

Alles was in einem Pedigree hinter der dritten oder vierten Generation stattfindet, hat keinen nachweisbaren Effekt mehr auf die Leistungsfähigkeit des Pferdes. Egal was die Leute sagen.

Damit das klar ist: Ein positiver Effekt von Inzucht auf die Leistungsfähigkeit von Rennpferden lässt sich feststellen. Dies aber nur, wenn eine Dopplung innerhalb der ersten 3 bis 5 Ahnenreihen auftritt. Also erst durch eine relativ deutliche Linienzucht.

Natürlich ist es so, dass jede Theorie ihre treuen Anhänger findet. Im Zeitalter des Internets findet sich auch für jede Behauptung ein „Beleg“. Wenn sich durch den Ritt durch die hippologische Historie eines zeigen lässt, dann mit wie vielen unterschiedlichen Methoden Pferdezüchter im Laufe der Zeit und quer durch die Zuchtrichtungen Erfolg gehabt haben.

In die Moderne

Die akademische Antwort ist klar: Nach 6 Generationen ist Schluss! Da ist aus wissenschaftlicher Sicht Ende mit der Wirkung eines Ahnen.

Das habe ich mir nicht ausgedacht, kann es aber recht plastisch darstellen. Denn weil der Anteil eines einzelnen Tieres in der Abstammung noch maximal einen Chromosomen (von 64) ausmacht oder 1,5% des Genanteils, bleibt auch keine Wirkung mehr übrig. Jetzt können wir noch die Effekte der Epigenetik berücksichtigen oder der maternalen DNA, aber dann reden wir ebenfalls von unter 1% des Erbgutes.

Die Frage lautet also eher: Wie kann es sein, dass so viele Züchter vehement etwas anderes attestieren und in der Praxis zu sehen glauben?

3 Gründe für diese Haltung:

  1. Historienwissen übt Faszination aus. Ich verstehe ja, warum es reizt, sich mit der Geschichte des eigenen Stutenstammes auseinanderzusetzen. Aber wie jeder Finanzexperte bestätigen wird, sind Erfolge der Vergangenheit kein guter Indikator für Erfolge in der Zukunft.
  2. Menschen lieben Muster. Sie picken sich passende Beispiele und vertreten vehement diese Positionen, erheben dies gar zu einem „zeitlosen“ Standard und wollen der Zucht ihren ganz eignen Stempel aufdrücken. Seit der Entstehung von Zuchtbüchern gibt es diese Faszination mit den Mustern in der Ahnenreihe von Leistungspferden. Das hat nur leider mit der Realität nicht viel zu tun und hat Top-Züchter ruiniert.
  3. Wissenschaft ist nicht zugänglich. Die wenigsten Züchter setzen sich auch 150 Jahre nach den Erkenntnissen von Herrn Mendel (1866 publiziert) mit aktueller Wissenschaft auseinander. Im Buchhandel herrscht eine beklagenswerte Abwesenheit neuerer Fachliteratur bezüglich Pferdezucht. Es werden immer noch die alten Methoden verbreitet und der Wunsch nach historischen Schriften mit Neuauflagen davon bedient.

Wie viele Generationen beziehe ich bei der Errechnung des Vollblutanteiles mit ein?

Ich nutze mal ein pragmatisches Beispiel, wo dieser Faktor ebenfalls echte Relevanz hat. Nämlich für den rechnerischen Vollblutanteil eines Pferdes.

Oder wie es ein befreundeter Züchter so sachlich nüchtern formulierte: Wer kein Vollblut in 3 bis 4 Generationen zufügt und sich dann auf die mathematische Berechnung von vielen Generationen verlässt, betrügt sich letzendes selbst.

Denn wo sollen all die Eigenschaften eines Blutpferdes herkommen, wenn nicht von direktem Vollblut? (Siehe auch: Der optimale Vollblutanteil)

Selbstverständlich wäre mir persönlich ein hervorragender Vollblüter weiter hinten im Pedigree sehr viel lieber, als ein schlechter Vollblüter weiter vorne. Da gibt es natürlich qualitative Unterschiede!

Fazit

Wo Tradition gepflegt wird, ist Wissenschaft und Innovation oftmals nicht gefragt, obwohl die Antworten simpel und bekannt sind. Wer praktisch züchten möchte, sollte sich auf die ersten 3 bis 4 Generationen fokussieren.

Ich möchte einem Pedigree nicht seine grundsätzliche Aussagekraft über die Qualitäten eines Pferdes in Abrede stellen. Ich denke, man sollte eine Ahnenreihe immer als eine Informationsquelle konsultieren, aber man muss diese Informationen schon zu lesen wissen.

Für ein Sportpferd oder Rennpferd zählt am Ende nur eins, nämlich die Leistung. Die entsteht in erster Linie durch einen Körperbau, der optimal für die Leistung in seiner Sparte konstruiert ist. Daneben verblasst ein gutes Papier, auf denen kann man bekanntlich nicht reiten und sehr zum Leidwesen von Züchtern haben auch Vollgeschwister nicht dieselben Ausgangsvoraussetzungen.

Es werden sich von findigen Züchtern immer Gegenbeispiele für besonders passend erscheinende Individuen für ihre jeweilige Theorie finden lassen. Das entbehrt aber jeder wissenschaftlichen Grundlage. Ich persönlich bevorzuge es daher, mich auf die wirklich wichtigen Aspekte zu konzentrieren.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Pedigree als Label oder Die wichtigsten Portale für Pferdesportdaten

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4 Gedanken zu „Wie viele Generationen sind in einem Pedigree relevant?“

  1. Ein wichtiger Aspekt in der Zucht ist die Telekinese.D.h. der Erste stempelt die Frau mit seinen Erbanlagen.Zum.für 7 Jahre.Daher läßst sich auch das Theater mit dem Jungfernhäutchen beim Menschen herleiten u.gedanklich auf die Pferdezucht übertragen. Was bei Ihren geschätzten Aufsatz etwas zu kurz kommt ist die Seele,das Spirituelle.Da sind die Ahnen Generationen doch schon sehr wichtig.

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    • Danke für diesen interessanten Beitrag. Ich bin jetzt kein ausgesprochener Verfechter der Telekinese. Was aber in diesem Zusammenhang spannend ist: Die Epigenetik liefert uns heute brandneue Erkenntnisse, die wir noch vor nicht allzu langer Zeit für unmöglich hielten. Die komplette Debatte nature vs nurture (also erblich oder erworben) beruht darauf. So können Traumata wie z.B. schlimmer Hungersnot eine genetische Veränderung hervorrufen, die offensichtlich erworben ist und dennoch über mehrere Generationen erblich. Ich wollte mich mit diesem kurzen Blogbeitrag nicht unnötig verästeln und den roten Faden verlieren, aber das ist ein unheimlich spannendes Feld, wo es noch ganz viel zu lernen gibt. Mir ging es erst mal um eine ganz klaren Bezug zu dem Faktor Leistung, der am einfachsten messbar ist.

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  2. Hallo, grundsätzich gehe ich konform mit dem Artikel. Aber nicht 100%. Ich besitze eine Zuchtstute (Lizzjana) die als GM (Rottach xx) eine reine Vollblutstute hat. Ich persönlich kenne sogar noch die Ur, Ur GM (Rendite xx). Ein erfolgreiches Rennpferd aber mit schlechten Nerven. Die Urgroßmutter (Royalta xx) hab ich selbst als jugendliche in der Arbeit mal geritten, sie war brav u. ruhig sonst hätte ich die reiten dürfen als 12 jährige. Die oben genannte Zuchtstute stammt aus der Anpaarung Schimmel x Schimmel. Und wurde schwarzbraun wie die Urur GM. Das Nervenkostüm und die übersensiblen Rittigkeitswerte übersprangen sie selbst und sind bei ihrer Tochter (Latours Girl) wieder vorhanden. Aus der Royalta stammt sogar eine direkte Tochter die bis S*** Dressur ging. Royaltina xx.
    Fazit. Gene die vorhanden sind überspringen mal eine Generation und schlafen. Dann sind sie wieder aktiv. Nur wer die Generationen kennt kann das auch bemerken. LG

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    • Vielen Dank für Ihre interessante Darstellung. Denn Sie beschreiben einen Sachverhalt, der erst einmal nur eine Aneinanderreihung von Fakten ist, die niemand für sich genommen bestreiten wird (Sie kennen die Pferde ja auch besser als ich!). Und jetzt wird es spannend: Welche Bedeutung Sie diesen Elementen geben, bestimmt Ihre Wahrheit. Sie sagen also, die Farbe und das Temperament hängen zusammen und als nächste Schlussfolgerung haben damit diese Eigenschaften eine Generation übersprungen. Ich kann das komplett anders deuten und sagen, Sie konstruieren einen Zusammenhang, der genetisch gar nicht existiert. Denn gerade Merkmale wie Charakter und Rittigkeit sind stark von Umwelteigenschaften geprägt. Vollkommen unabhängige Faktoren werden hier verknüpft, weil ein gedachter Bezug zu bereits bekannten Informationen besteht (Kausalität). Das ist meine Wahrheit. Wer hat nun Recht?
      Im übrigen ertappe ich mich auch oft bei solchen Trugschlüssen. Als Züchter bin ich z.B. oft überrascht von der Reaktion eines Jungpferdes, wenn es von dem Verhalten abweicht, das die Mutter oder Großmutter an den Tag gelegt hat. Das kann mich ja nur wundern, wenn ich a) weiß wie die Mutter agiert hätte und b) ich annehme, dass die Tochter sich ebenso verhalten muss. Beides falsche Annahmen, passiert mir trotzdem immer wieder!
      PS: Eine erfolgreiche Linie und höchst spannend gezogene Stute haben Sie da! Mit Royaltina xx habe ich mich tatsächlich gedanklich auch schon viel befasst, deswegen freut es mich davon zu hören.

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