Beziehung zu einem Pferd aufbauen

Was für eine Beziehung habe ich zu meinem Pferd?

Es gibt verschiedene Arten, diese Frage zu beantworten. Im nachfolgenden Artikel möchte ich mich der Frage widmen, wie man sich seinem Pferd im Alltag und in Gefahrensituationen gegenüber verhalten kann. Und wie sich das auf die Beziehung zum Pferd auswirkt.

Natural Horsemanship wird oft angeführt, wenn es darum geht, die Beziehung zum Pferd zu verbessern. Es stimmt natürlich, dass viele Reiter, die aus althergebrachten Systemen der Ausbildung kommen und eine harte Herangehensweise kennen, hier erstmal fündig werden. Diese Reiter könnten zum ersten Mal mit Natural Horsemanship auf die Idee kommen, das Pferd und seine Reaktionen überhaupt genauer zu betrachten.

Für mich kann das aber nur der erste Schritt auf einem weiten Weg sein. Daher möchte ich gerne hier die Unterschiede herausarbeiten, die es noch zu erreichen gilt für eine gute Beziehung zum Pferd.

Was macht Natural Horsemanship mit dem Pferd?

Ich habe eine kritische Haltung gegenüber vielen der Gurus aus dem Natural Horsemanship und meine Haltung bereits in zwei früheren Artikeln umfassend dargestellt. (siehe auch: Das Dominanz Konzept – Alter Hut neu erklärt & Kommunikation statt Dominanz)

Das Problem dabei ist, dass mehr oder weniger bewusst oft folgendes Ergebnis entsteht: Das Pferd bekommt sein natürliches Verhalten und seine positive Sensibilität konsequent vom Reiter abtrainiert. Denn Desensibilisierung ist – bei allen Vorteilen für die Händelbarkeit des Pferdes – eine Reduktion der Reaktion des Pferdes auf Reize. Also Abstumpfung. Das bedeutet es denkt auch weniger mit und soll zunächst in erster Linie menschlichen Befehlen gehorchen. Wo ist da eine Beziehung?

Jetzt kann man sagen; find ich nicht schlimm. So ist mein Pferd händelbar für mich und viel einfacher zu handhaben.

In einer Gefahrensituation zeigt sich aber der feine Unterschied.

Um begreiflich zu machen, was die Auswirkungen einer solchen Vorgehensweise sind, möchte ich als Beispiel ein paar Fotos zeigen, die illustrieren, was ich meine.

Praxisbeispiel

Nachfolgende Bilder zeigen zwei unterschiedliche junge Pferde (3 und 5 Jahre alt), die das erste Mal auf einer großen Veranstaltungshalle mit hohen Besuchertribünen sind. Mehrere Stunden vor der ersten Vorführung möchte jeweils der Reiter dem noch sehr grünen Pferd die neue Umgebung zeigen.

Beide Jungpferde sind sehr aufgebracht und möchten die Halle schnellstmöglich durch den Haupteingang wieder verlassen. Auf die Angstreaktion des Pferdes gehen die zwei Pferdeprofis sehr unterschiedlich ein. Ich habe diese Reaktion fotografisch festhalten können und möchte sie hier zeigen.

Nachtrag: Leider muss vorerst aus rechtlichen Gründen auf das Zeigen der Fotos verzichtet werden, sobald ich ein ähnlich anschauliches Fotobeispiel gefunden habe, werde ich es ersetzen.

Wie reagieren die Pferde?

Pferd Nummer 1

Der Horsemanship trainierte Pferd bekommt als Antwort auf seine Angstreaktion (Hektik und hoher Kopf) eine Menge Druck. Der Mensch macht jetzt seinerseits Druck und schickt es rüde und Strick wedelnd weg von sich. Dann wird das Pferd durch Kopfabsenken physisch davon abgehalten, diese Reaktion weiter zu zeigen.

Zu Beginn widersetzt das Pferd sich und bedrängt den Menschen in seiner Aufregung. Daraufhin wird der Druck massiv erhöht, bis der Mensch und sein Raum wieder respektiert wird. Das Pferd hat zuvor gelernt, diesem Druck zu weichen und reagiert nach mehrfachen harten Korrekturen wie der Mensch es wünscht. Es stellt seine Gegenwehr ein und stumpft merklich gegenüber der Außenwelt ab. Es schaltet auf Durchzug. Der Reiter hat den gewünschten Effekt erreicht: Das Pferd zeigt sich nach außen kooperativ.

Was passiert aus Pferdesicht? Das Pferd hat Angst. Sein Reiter ist der Einzige, der ihm noch mehr Angst macht. Nachdem eine Flucht unmöglich erscheint, versucht es dem Druck zu weichen und es dem Menschen recht zu machen.

Pferd Nummer 2

Das zweite Pferd zeigt ein ähnlich aufgebrachtes Verhalten wie das erste und reagiert noch deutlich körperlicher durch Rückwärtsrennen und Kopfschlagen. Der Reiter bringt es dazu halbwegs ruhig zu stehen und sucht den Körperkontakt. Er legt dem Pferd die Hand erst auf den Hals, später flach auf die Stirn. Diese beruhigende Geste zeigt zwar Wirkung, aber das junge Pferd wirft den Menschen ein paar Mal unwirsch umher. Der Mensch bleibt gelassen und souverän, weicht dem Pferd aus und lobt jede Sekunde der einkehrenden Ruhe.

Was passiert aus Pferdesicht? Nach ein wenig Aufregung, die das Pferd körperlich ausleben konnte, legt sich die erste Angst. Der Mensch an der Seite hat keinen Anlass gesehen aufgebracht zu reagieren und war beständig und vorhersehbar in seiner Reaktion. Das Pferd beruhigt sich leicht.

Das Pferd hat sich dem Verhalten des Menschen angepasst. Es hat insgesamt länger gebraucht, um sich auf die neue Situation einzulassen und zeigte mehr und heftigere Fluchtimpulse. Das Pferd darf seine Aufregung in der Bewegung in der Halle abbauen und zeigt sich kooperativ. Es steht in Beziehung zum Menschen.

Was folgt daraus?

Und jetzt die Quizfrage für dich: Was möchtest du deinem Pferd mit auf den Weg geben? Möchtest du Auslöser von Stress oder Ruhe sein?

Für viele mag noch ein Gedanke Ausschlag gebend sein wie dieser hier: Kann ich das als Reiter oder Begleiter meines Pferdes am Boden durchsetzen? Wer über mehr Kraft verfügt, wird vielleicht intuitiv eher zu der ersten Methode tendieren, weil es schnellere Ergebnisse verspricht. Das zweite Pferd bleibt impulsiv und muss mit äußerster Aufmerksamkeit vorgestellt werden.

Mir geht es nicht darum, zu behaupten, der eine Weg ist zielführender oder einfacher als der andere. Worum es mir geht, ist zu zeigen, dass wir als Pferdemenschen eine Wahl haben. Letztlich muss sich jeder Reiter selbst entscheiden, wie er von seinem Pferd wahrgenommen werden will.

Soll ich in einer berechtigten Angstsituation meines Pferdes als empathischer Mensch mit Zwang oder Lässigkeit antworten?

Für mich stellt sich die Frage überhaupt nicht.

Natürlich kann ich Situationen konstruieren, wo ich aufgrund einer Gefahrensituation mein Pferd zur Mitarbeit zwinge. Zum Beispiel, weil ich am Straßenrand einer Schnellfahrstraße nicht die Option habe, zu diskutieren, ohne mein Pferd und mich selbst zu gefährden. Da kann man auch mal mit Sporeneinsatz das Pferd dazu bewegen, die Straße zu räumen. Auch wenn es gerade am Wegesrand etwas Gruseliges entdeckt hat.

So eine Ausnahmesituation gefährdet aber meine gute Beziehung zu meinem Pferd nicht, wenn ich ansonsten immer zu 100% in seinem Sinn entscheide.

Wie möchte ich auf Stress reagieren?

Sage ich meinem Pferd, hör auf damit, ich habe das im Griff, oder sage ich ihm es ist okay, dass du Angst hast, aber schau, das kriegen wir schon gemeinsam hin. Merkst du den Unterschied?

Letztlich muss sich der Reiter zwischen diesen zwei Handlungsoptionen entscheiden. Denn beide sind im Grundsatz legitime und umsetzbare Handlungskonzepte. Beide Menschen haben schließlich ihr Ziel auf unterschiedliche Art erreicht. Das Pferd reduzierte mit der Zeit seine Angstreaktion und war bereit, die neue Halle zu betreten und dort mit dem Menschen zu interagieren.

Die Wirkung auf das Pferd ist aber nach meiner Wahrnehmung eine ganz andere.

Möchte ich ein Pferd, das selbstständig nach Handlungsalternativen sucht und sich einbringt? Oder möchte ich ein Pferd, das Befehle ausführt und folgsam ist? Das eine ist eine Folgsamkeit aus erlernter Hilfslosigkeit oder Zwang, das andere eine Gehorsamkeit aus Überzeugung.

Meine Position

In Stresssituationen zeigt sich meiner Meinung nach der Unterschied zwischen diese beiden Vorgehensweisen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass für mich persönlich nur die freie und vertrauensvolle Variante Bestand hat.

Aber letztlich hat dies im Kern damit zu tun, wie ich als Mensch von meinem Pferd und Umfeld wahrgenommen werden möchte.

Will ich die Feinheit der Zwiesprache wahrnehmen und achten?

Bin ich bereit, dem Pferd seinen eigenen Raum und seine eigenen Entscheidungen zu lassen und zu akzeptieren?

Auch wenn es dann entscheidet, seine eigenen Wege zu gehen, ohne mich weiter zu berücksichtigen? Wie viel Freiwilligkeit bin ich bereit meinem Pferd zuzugestehen? Kann ich es ertragen, wenn es sich abwendet und etwas Spannenderes zu tun hat?

Einwände

Manchmal höre ich den Einwand diese liberale Form der antiautoritären Erziehung würde aber nicht für problematische Pferde funktionieren. Denn da müsse man Härte demonstrieren.

Nach meiner Wahrnehmung ist das Gegenteil der Fall. Gerade die schwierigen Pferde profitieren von ein bisschen mehr Raum für eigenes Input.

Denn sie lassen sich nur schwierig in Form pressen und zeigen sich wehrhafter. Wer bereit ist, ihre eigenen Ideen zuzulassen, der wird erleben können, wie sie aufblühen und über sich hinauswachsen. (siehe auch: Ein Faible für schwierige Pferde

Viele Leistungspferde lassen sich nicht zwingen

Denn natürlich muss es im Umgang mit 600 Kg Pferd ein Mindestmaß an Regeln geben, damit das Pferd den Menschen nicht gefährdet. Es ist aber ein Trugschluss zu glauben, subtile oder offensichtlichere Formen von Gewalt würden das Pferd dauerhaft davon abhalten.

Die erlernte Hilfslosigkeit führt zwar dazu, dass viele Pferde klein beigeben. Allerdings wartet es im Prinzip nur auf seine Chance gegen den Menschen vorzugehen oder schätzt diese „Beziehung“ nicht besonders. Besonders duldsame Charaktere gelingt es zwar diesem Druck standzuhalten, aber Höchstleistungen sind nur schwerlich zu erwarten.

Das Leistungspferd mit eigener Meinung wird nicht so schnell einlenken und vielmehr die Konfrontation suchen. Es gilt dann als schwierig, aber eigentlich geht es dem Pferd nur darum, seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Dem Pferd zu erlauben, seine Meinung mitzuteilen schwächt den Reiter nicht. Ganz im Gegenteil.

Fazit

Der Mensch sollte sich entscheiden, wie er von seinem Pferd wahrgenommen werden möchte. Als Drangsalierer, dem man möglichst versucht aus dem Weg zu gehen, oder einer echten Beziehung, wo Widerspruch auch erlaubt ist.

Denn darum geht es letztlich. Dem Pferd zuzugestehen, seine eigene Meinung nicht nur haben zu dürfen, sondern auch ausleben zu können. Grundsätzlich zumindest. Natürlich gibt es auch hier immer Grenzen.

Also frage dich: Was für eine Beziehung möchtest du zu deinem Pferd haben?

Ist dein Pferd ein Befehlsempfänger oder wünsche ich mir echte Kooperation und Beziehung?

Möchte ich meinem ängstlichen Pferd sagen: Lass das, ich habe das im Griff oder entspann dich, es wird alles gut. Das ist unsere Entscheidung.

Weiter mit einem ähnlichen Thema: Dein Pferd hat viel zu sagen oder Was macht einen richtigen Pferdemenschen aus?

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

2 Gedanken zu „Was für eine Beziehung habe ich zu meinem Pferd?“

  1. Ich betreibe seit vielen Jahren Horsemanship und bin ganz klar der Meinung nur das zweite Vorgehen ist das richtige. Horsemanship hat sich weiter entwickelt und es wird nach dem Grund geguckt, warum sich das Pferd so verhält wie es sich verhält. Ist Angst der Grund kann niemals dominantes Rückwärts oder ähnliches helfen.
    Früher mag das erste Vorgehen das typische für Horsemanship gewesen sein, aber so agieren nur Trainer oder Horsemanshipler die in ihrer Entwicklung vor langer Zeit stehen geblieben sind, was ich übrigens sehr schade finde.

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