Exterieur oder Körperhaltung? Mythos der Unveränderlichkeit

Belastbarkeit und sportliches Potential lassen sich am Körperbau eines Pferdes ablesen. Deswegen erfolgt bei Sport- und Zuchtpferden oft eine Exterieurbeurteilung. Bei dieser Beurteilung gilt es zu differenzieren zwischen Körperhaltung und unveränderlichen Merkmalen des Körperbaus.

IST-Zustand beurteilen

Wer ein Pferd beurteilt, beurteilt immer seinen Ist-Zustand.

Das ganze System der Eintragung von Zuchtpferden setzt auf eine Note, die zu keinem Zeitpunkt nochmals überarbeitet wird. Wenn wir das ganze Pferd in Wertnoten (Schau) und Zahlen (lineare Beurteilung) erfassen, sieht es so aus, als könnte man diesen Ist-Zustand tatsächlich für ein Pferdeleben lang bewerten. Das suggeriert auch eine gewisse Statik und Unveränderlichkeit dieser Ergebnisse.

Vielen Reitern und Züchtern ist dagegen überhaupt nicht bewusst, dass sich das Exterieur eines Pferdes im Laufe eines Pferdelebens in Teilaspekten verändert. Das betrifft auch nicht nur Pferde im Wachstum, sondern auch das ausgewachsene Pferd unterliegt immer wieder solchen Veränderungen. Natürlich gibt es auch gänzlich unveränderliche Aspekte. Aber genauer hinzusehen, wo sich das Pferd verändert, sagt viel über seine Belastbarkeit aus. Denn hier zeigen sich Probleme zuerst. (siehe auch: Haltbarkeit – Die Warnsignale des Pferdes für Überlastung im Sport)

Merke: Das eine ist also die natürliche Körperform eines Pferde, das andere eine aktuelle Körperhaltung.

Was genau verändert sich?

Haltung, Fütterung und vor allem das Training haben einen erheblichen Einfluss auf das Gebäude des Pferdes. Die Anordnung und Entwicklung der Muskulatur gibt Aufschluss darüber, ob das Pferd richtig gearbeitet wird und wohin die Reise geht.

Veränderungen des Exterieurs im Laufe des Lebens sind normal. Das kann sowohl langfristig im Rahmen der Ausbildung erfolgen, aber auch durch Schmerzen von temporärer Dauer sein.

Diese Veränderungen sind unter anderem bedingt durch Faktoren wie:

  • Wachstumsbedingte Verschiebung der Proportionen (siehe: Beurteilung von Fohlen)
  • Ausbildung (von Remonte zu Grand Prix verändert sich bei einem Pferd der Körperschwerpunkt)
  • Krankheit (die Haltung bei einem Reheschub veranschaulicht das drastisch)
  • Schmerzen, Muskelschwund und Verspannungen (muskuläre Verspannungen sorgen oft für Schonhaltungen)
  • Hufbearbeitung (z.B. Rückständigkeit als Ausweichhaltung)
  • Sattellage (verändert sich mit dem Ausbildungsstand, deswegen muss der Sattel regelmäßig angepasst werden)

Das Exterieur ist daher keine Konstante, mit der man dauerhaft rechnen kann, sondern manchmal nur schlicht ein Zeichen von gutem oder schlechten Management eines Pferdes. Mit dieser Anpassungsfähigkeit liefert das Exterieur auch immer Hinweise auf die Gesundheit und Probleme in der Haltbarkeit.

Immer die Körperbalance im Blick behalten!

Wir lernen in der Exterieurlehre, das Pferd in einzelnen Partien zu beurteilen. Aber ich finde es so wichtig, diese Fehlerguckerei zu beenden und sich das Gesamtbild anzusehen. Denn wir reden immer nur von Einzelteilen und bei Lichte betrachtet geht es ohne das Gesamtbild nicht. (siehe auch: Anatomie in Harmonie)

Und mehr noch: Funktionalität orientiert sich nach meiner Erfahrung nicht an den gängigen Schönheitsidealen. Der Spitzensport muss der Maßstab sein. (siehe auch: Exterieur oder Leistung)

Das bedeutet, dass es wenig bringt, sich an Probleme festzugucken, sondern vielmehr sinnvoll ist, zu beobachten, wie ein Pferd kompensiert.

Denn nicht nur beeinflussen sich die Körperteile gegenseitig, sondern dieses empfindliche Gleichgewicht kann leicht durch Reitergewicht, Ausbildung und Krankheiten gestört werden. Mehr Aufrichtung in der Arbeit kann bereits die Haltung eines Pferdes verändern. Und damit jederzeit auch die Körperbalance.

Ein gutes Beispiel hierfür ist das Anheben und Senken von Kopf und Hals, dass die Rückenlinie verändert. Deswegen ist ein Pferd mit gesenktem Kopf (etwa beim Grasen auf der Weide) für eine Exterieurbeurteilung nicht zu gebrauchen.

Ein weiteres Beispiel sind hochtragende Stuten bei denen auffällt, dass bestimmte gesundheitliche Probleme sich mit dem dicken Bauch verschlimmern. Diese würden bei einem vollschlanken Reitpferd nicht ins Gewicht fallen. So ein Fohlen im letzten Trächtigkeitsdrittel hat bei einer Warmblutstute locker 50 Kilo (plus Flüssigkeit und Fettreserven). Es kommen da bis zu 100 Kilo mehr Körpergewicht zusammen. Deswegen finde ich es auch so verwerflich, wenn kranke und lahme Stute in die Zucht gehen (von den Implikationen von so einer schwachen Genetik mal ganz abgesehen).

Vokabular unterliegt Interpretation

Schwammige Formulierungen wie „hinten raus“ oder „rückständig“ legt jeder anders aus. Jeder macht daraus, was er will und erfindet nach Belieben neue Wortkreationen für beobachtete Phänomene hinzu. Nicht immer ist das mit dem Stand der Wissenschaft vereinbar. (siehe auch: Einbeintrab)

Was ein „gutes“ Exterieur ist, beurteilt ebenfalls jeder Betrachter anders. Zumindest sehe ich regelmäßig Züchter von dem korrekten Fundament ihrer Nachzucht schwärmen, wo ich mich dieser Beurteilung nicht anschließen würde (und vermutlich umgekehrt genauso). Dies vor allem, wenn er als Züchter bereits die nächsten Generationen im Blick hat und weiß, welche Schwächen mit den Generationen verbessert werden können.

Woran kann man sich also überhaupt orientieren?

Viele Beobachter lassen sich von einer mageren oder properen Statur eines Pferdes zu sehr in der Beurteilung abhalten. Es sollte nicht von Muskulatur und Fett abhängig sein, ob ein Pferd im Exterieur gut dasteht.

Wer sich an den Knochen Anhaltspunkte sucht, wird erfolgreicher sein. Das ist deutlich zuverlässiger und weniger Schwankungen unterlegen. Knochen selber unterliegen zwar weniger Veränderungen, können aber auch muskulär unters Spannung kommen und daher unterschiedlich wirken.

Fazit

Das Exterieur eines Pferdes ist nicht unveränderlich, sondern immer nur eine Momentaufnahme. Jemand, der ein Pferd wirklich beurteilen will, muss sich klar machen, welche Teile durch gutes Reiten und Training formbar sind und was trotz Ausbildung ein Schwachpunkt bleiben wird.

Es ist nicht leicht, über Pferdebeurteilung zu schreiben, denn natürlich lassen sich manche Themen viel besser live vermitteln. Exterieurlehre ist ein hochgradig visuelles Thema, das zweidimensional darzustellen Schwierigkeiten aufwirft, die man live vor dem Pferd nicht hat. Besonders klare Erklärungen sind demnach notwendig.

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Weiter mit einem ähnlichen Thema: Harmonie im Exterieur oder Der größte Fehler in der Pferdebeurteilung

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Veröffentlicht von

Iris Wenzel

Iris Wenzel züchtet Springpferde für die Sportpferdezucht auf Basis von viel Vollblut, ist Fachbuchautorin und betreibt den Hippothesen Blog aus Freude an Texten, Fotografie und der Liebe zu den Pferden. Ziel ist der Erfolg mit dem Pferd, ohne auf Kosten des Pferdes zu arbeiten.

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